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Digitalisierung & KI

Wenn KI Ihre Absicht kennt, bevor Sie sie aussprechen

Systeme, die aus Ihrem Verhalten ableiten, was Sie vermutlich wollen, beschreiben Ihre Absicht nicht nur. Sie beeinflussen sie.

Bis heute erleben die meisten Menschen künstliche Intelligenz als reaktives Werkzeug. Sie stellen eine Frage, formulieren eine Aufgabe oder geben ein Ziel vor. Das System antwortet, erstellt einen Entwurf oder führt einen klar umrissenen Auftrag aus.

Diese Arbeitsweise verändert sich. KI-Systeme werden zunehmend mit Kalendern, E-Mails, Projektplattformen, Sitzungsprotokollen, Kennzahlen und internen Wissensbeständen verbunden. Je mehr Kontext ein System erhält, desto weniger muss ihm ausdrücklich gesagt werden, was gerade geschieht. Es erkennt Muster, Wiederholungen und Abweichungen.

Ein Agent kann dann beispielsweise feststellen, dass ein Projekt seit mehreren Wochen an derselben Stelle stockt. Er erkennt, dass ein Entscheid immer wieder vertagt wird, dass eine Kennzahl vom Ziel abweicht oder dass bestimmte Kundenanfragen gehäuft auftreten. Aus diesen Beobachtungen kann er ableiten, welcher nächste Schritt wahrscheinlich gebraucht wird.

Von der Antwort zur erkannten Absicht

Der entscheidende Sprung liegt nicht in einer besseren Formulierung. Er liegt darin, dass das System nicht mehr nur auf einen Auftrag reagiert, sondern mögliche Ziele selbst erkennt. Es stellt Informationen zusammen, erstellt einen Risikobericht, bereitet eine Entscheidung vor oder schlägt eine Handlung vor, bevor jemand ausdrücklich danach gefragt hat.

Das kann Unternehmen entlasten. Wiederkehrende Probleme werden früher sichtbar. Informationen müssen nicht jedes Mal neu zusammengesucht werden. Führungskräfte erhalten Hinweise, bevor ein Problem eskaliert.

Gleichzeitig verändert sich die Machtverteilung. Ein System, das aus Ihrem Verhalten ableitet, was Sie vermutlich wollen, beschreibt Ihre Absicht nicht nur. Es kann sie auch beeinflussen. Bereits die Auswahl dessen, was es hervorhebt, welche Option es zuerst zeigt und welche Handlung es vorbereitet, lenkt die Entscheidung.

Wenn der Assistent zwei Interessen bedient

Besonders kritisch wird es, wenn derselbe Anbieter sowohl den Assistenten als auch die Plattform kontrolliert, über die Produkte, Dienstleistungen oder Empfehlungen vermittelt werden. Dann kann ein System gleichzeitig Ihnen helfen und wirtschaftliche Interessen des Anbieters verfolgen.

Für den Nutzer bleibt dieser Interessenkonflikt häufig unsichtbar. Die Empfehlung erscheint persönlich, weil sie auf dem eigenen Kontext basiert. Trotzdem kann sie durch Rankings, Geschäftsmodelle oder vorgegebene Ziele beeinflusst sein.

Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Was erkennt die KI? Sondern: In wessen Interesse handelt sie danach?

Was Unternehmen jetzt klären müssen

Bevor proaktive Agenten eingesetzt werden, müssen Unternehmen vier Punkte bestimmen.

Auf welche Daten und Wissensbestände darf der Agent zugreifen? Nach welchen Regeln erkennt er eine relevante Absicht oder einen Handlungsbedarf? Welche Schritte darf er selbst vorbereiten und welche darf er tatsächlich ausführen? Wer prüft, korrigiert und verantwortet seine Schlussfolgerungen?

Ohne diese Regeln wird Bequemlichkeit schnell mit Kontrolle verwechselt. Das System scheint hilfreich, weil es Arbeit vorwegnimmt. Gleichzeitig wird immer schwerer nachvollziehbar, wie aus einer Beobachtung eine Handlung entstanden ist.

Wo ich ansetze

Ich arbeite deshalb nicht auf möglichst grosse Autonomie hin, sondern auf eine kontrollierte Verbindung von Wissen, Prozessen und Entscheidungen. Die KI darf Zusammenhänge erkennen, Informationen aufbereiten und nächste Schritte vorschlagen. Die Wissensbasis, die Regeln und die Freigaben gehören ins Unternehmen.

Damit wird aus erkannter Absicht kein automatischer Auftrag. Die Organisation behält die Möglichkeit, den Vorschlag zu prüfen, zu verändern oder abzulehnen. Die Verantwortung bleibt dort, wo auch die Folgen getragen werden.

Eine KI, die Ihre Absicht erkennt, kann Ihnen dienen. Sie kann Ihre Absicht aber auch für andere verwertbar machen. Der Unterschied liegt in der Infrastruktur und in der Kontrolle.

Dies ist der erste von drei Beiträgen zu KI-Agenten im Unternehmen. Im zweiten geht es um Agenten, die ohne Auftrag zu arbeiten beginnen. Im dritten darum, warum Agenten ohne Unternehmensgedächtnis blind bleiben.

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