Zurück zu den Artikeln

Radical Change

Rapid Change und Radical Change: Tempo ersetzt keine Orientierung

Schneller zu entscheiden kann wichtig sein. Es beantwortet aber noch nicht, ob wir das Richtige entscheiden und wem unser Handeln dient. Eine Organisation kann wirtschaftlich funktionieren, viele Aufgaben bewältigen und dennoch an dem vorbeigehen, wofür die Menschen sie eigentlich führen.

Mich beschäftigt deshalb nicht nur die Anpassungsfähigkeit eines Unternehmens. Mich beschäftigt seine Orientierung: Wofür führen wir es, welche Verantwortung übernehmen wir und woran wird diese Haltung im Alltag erkennbar?

In meiner Publikation Radical Change: Wofür wir Unternehmen führen verbinde ich diese Frage mit langjährigen eigenen Beobachtungen aus geschäftlichen, privaten und kirchlichen Zusammenhängen, auch international. Die persönliche Sicht steht am Anfang. Ein wissensbasiertes Fundament erläutert Begriffe, Literatur und Grenzen. Dieser Artikel konzentriert sich auf den Anschluss an unternehmerische Fähigkeiten und Technologie.

Was ich mit Radical Change meine

Mit Radical Change bezeichne ich eine grundlegende, tatsächlich gelebte Neuorientierung der Unternehmensführung auf verantwortliches Unternehmertum. Das Wohl der Betroffenen und die Verantwortung für wirtschaftliche Tragfähigkeit gehören für mich zusammen.

Das ist eine persönliche, ethisch bestimmte Verwendung des Begriffs. Sie ist kein wissenschaftlich bestätigtes Standardmodell und keine Garantie für wirtschaftlichen Erfolg. Eine Organisation kann sich auch grundlegend in eine schädliche Richtung verändern. Die Tiefe einer Veränderung und ihre Verantwortbarkeit müssen deshalb getrennt beurteilt werden.

«Radikal» bedeutet hier, an grundlegende Annahmen des Führens zu gehen. Es bedeutet nicht, möglichst hart, schnell oder umfassend umzubauen. Ein begrenzteres Angebot, ein geordneter Übergang oder bewusst weniger Wachstum können verantwortbare Ergebnisse einer solchen Klärung sein. Ebenso kann eine bereits tragfähige Praxis erhalten bleiben, ohne dass man sie als Radical Change bezeichnen muss.

Rapid Change und SRC sind nicht dasselbe

Im allgemeinen Sprachgebrauch lenkt Rapid Change den Blick auf schnelle Veränderung und Anpassungsdruck. Daraus folgt noch keine Diagnose über den Zustand einer Organisation.

Das Konzept Situations of Rapid Change, kurz SRC, ist enger. Die von Leverage Experts veröffentlichte, Kolja A. Rafferty zugeschriebene Definition beschreibt Situationen, in denen die Dynamik einer Transformation die Anpassungsfähigkeit der Organisation übersteigt und sich zugleich die wirtschaftliche Lage verschlechtert. Der allgemeine Ausdruck für Tempo und dieses besondere Konzept sollten deshalb nicht austauschbar verwendet werden.

SRC ist keine notwendige Vorstufe von Radical Change. Ein wirtschaftlich stabiles Unternehmen kann seine Führung grundlegend überdenken. Ein überlastetes Unternehmen kann umgekehrt zunächst Entlastung, Fachkompetenz oder klare Entscheidungsrechte benötigen, ohne sämtliche Überzeugungen neu zu ordnen.

Erst klären, dann einordnen

Für ein Gespräch über die eigene Situation können sechs Fragen helfen:

  • Wofür soll unser Unternehmen da sein, und für wen soll etwas besser werden?
  • Was funktioniert bereits so gut, dass es erhalten bleiben soll?
  • Welche Entscheidungen oder Leistungen gelingen nicht verlässlich?
  • Fehlen Fähigkeiten, Zeit, Informationen oder klare Befugnisse?
  • Welche Annahme über Erfolg, Kontrolle oder Verantwortung leitet unser Handeln?
  • Woran würden Betroffene eine tatsächliche Verbesserung erkennen?

Diese Fragen sind eine Gesprächshilfe, kein validierter Selbsttest. Aus einer bestimmten Anzahl unklarer Antworten lässt sich weder eine SRC noch die Notwendigkeit von Radical Change ableiten. Die Antwort kann eine begrenzte Verbesserung sein, eine grundlegende Neuorientierung oder auch das begründete Beibehalten einer bewährten Praxis.

Fähigkeiten bleiben wichtig, aber der Zweck kommt nicht aus dem Werkzeug

Ein Unternehmen benötigt Fähigkeiten, um einen gewählten Zweck zu erfüllen. Menschen und Teams bringen Wissen, Erfahrung und Urteilskraft ein. Software und Automatisierung können bestimmte Aufgaben unterstützen. Welche Kombination geeignet ist, hängt von der konkreten Aufgabe, den verfügbaren Mitteln und der Verantwortung für die Folgen ab.

Die Betrachtung eines Unternehmens als Fähigkeitssystem ist dafür ein hilfreicher Blickwinkel. Sie ist nicht die vollständige Beschreibung einer Organisation. Menschen sind mehr als Träger einer benötigten Leistung, und ein effizient erfülltes Ziel kann dennoch ein ungeeignetes Ziel sein.

Die Frage lautet deshalb nicht nur: Was müssen wir künftig können? Sie lautet auch: Wofür brauchen wir diese Fähigkeit, wem dient sie und welche Folgen nehmen wir damit in Kauf?

Ein konstruiertes Beispiel: Eine Geschäftsführerin genehmigt jede wichtige Kundenentscheidung selbst. Neue Software könnte die Freigaben beschleunigen. Vielleicht liegt die eigentliche Blockade aber in ihrer Überzeugung, Verantwortung bedeute persönliche Kontrolle jeder Entscheidung. Wird diese Annahme geprüft, könnten qualifizierte Mitarbeitende innerhalb klarer Grenzen selbst entscheiden. Ob das sinnvoll ist, hängt unter anderem von Können, Risiken und Rückmeldungen ab. Das Beispiel ist keine allgemeine Empfehlung, Kontrolle abzuschaffen.

Einsicht, Entscheidung und gelebte Praxis unterscheiden

Eine andere Überzeugung ist noch keine andere Organisation. Die Geschäftsführerin kann etwas neu verstehen, eine Entscheidung ankündigen, Befugnisse tatsächlich übertragen und diese neue Praxis auch bei einem Fehler beibehalten. Das sind miteinander verbundene, aber unterschiedliche Schritte.

Ob die neue Praxis bessere Ergebnisse hervorbringt, bleibt eine weitere Frage. Kunden könnten verlässlicher bedient werden. Es könnten aber auch Risiken übersehen oder Mitarbeitende überfordert werden. Gute Absicht ersetzt weder Befähigung noch die Prüfung der Folgen.

Change Management wird dadurch nicht überflüssig. Die Begleitung der betroffenen Menschen kann eine begrenzte Anpassung ebenso wie einen grundlegenden Wandel unterstützen. Sie ist keine niedrigere Stufe, die durch Radical Change ersetzt wird.

Technologie als begrenzter Anwendungsfall

Auch bei künstlicher Intelligenz sollte die benötigte Leistung geklärt sein, bevor ein Werkzeug gewählt wird. Informationen zusammenzuführen, einen Entwurf vorzubereiten und Verantwortung für einen folgenreichen Entscheid zu tragen sind nicht dieselbe Aufgabe.

Ein KI-System kann in einem passend gestalteten Arbeitsablauf unterstützen. Ob es dafür geeignet ist, muss an der konkreten Aufgabe geprüft werden. Zuständigkeit, Kontrolle, Korrekturmöglichkeiten und verantwortbare Folgen bleiben Führungsfragen. Nicht jede Veränderung benötigt KI und nicht jede Automatisierung ist bereits eine grundlegende Neuorientierung.

In meiner Arbeit verwende ich auch QUENARIS als digitales Arbeits- und Organisationssystem. Das ist ein möglicher Werkzeugbezug, keine Voraussetzung des Essays und kein Nachweis seiner Gültigkeit. Die Auswahl einer Kundenlösung wird gesondert vereinbart. Meine fachliche Verantwortung und die Entscheidungen des Kunden werden dadurch nicht ersetzt. Die bereits offengelegte Tätigkeit bei Mattli Digital bleibt ein eigener beruflicher Bezug, keine gemeinsame weltanschauliche Stellungnahme zum Essay.

SALTER von David Fiorucci bleibt ein eigenständiger externer Orientierungsrahmen. Radical Change ist weder dessen Umsetzung noch ein gemeinsames Produkt mit SALTER oder Leverage Experts. Die hier verwendeten Ansätze werden nicht zu einer vermeintlich wissenschaftlich bestätigten Stufenfolge zusammengeschoben.

Ein verantwortbarer nächster Schritt

Für eine konkrete Situation würde ich zuerst Zweck, Belastung und vorhandene Stärken klären. Danach lassen sich fehlende Voraussetzungen und ungeprüfte Führungsannahmen unterscheiden. Verantwortliche Personen können Optionen abwägen, einen begrenzten Schritt vereinbaren und seine Folgen beobachten.

Daraus wird kein für alle Situationen gleicher Acht-Schritte-Ablauf. Akute Sicherheits- oder Liquiditätsfragen können sofortiges Handeln verlangen. Eine neue Führungspraxis braucht unter Umständen längere Verständigung und Erprobung. Reihenfolge und Umfang müssen zur Aufgabe passen.

Entscheidend ist nicht möglichst viel Veränderung. Entscheidend ist eine verantwortbare Orientierung, die im tatsächlichen Handeln erkennbar wird und sich korrigieren lässt.

Häufige Fragen

Ist Radical Change eine wissenschaftlich bewiesene Methode?

Nein. Der Begriff bezeichnet hier meine persönliche, ethisch bestimmte Perspektive auf grundlegende, gelebte Neuorientierung. Die Publikation verbindet diese mit Forschung und legt ihre Grenzen offen. Das eigene Gesamtmodell ist nicht empirisch validiert.

Worin liegt der Unterschied zu SRC?

SRC bezeichnet in der verwendeten Definition einen spezifischen kritischen Belastungszustand. Radical Change fragt in diesem Essay nach Richtung und gelebter Verantwortung der Führung. Beide können sich berühren, sind aber weder identisch noch aufeinanderfolgende Reifestufen.

Ersetzt Radical Change das Change Management?

Nein. Change Management kann Menschen bei unterschiedlichen Veränderungen unterstützen. Es bleibt eine begleitende Disziplin. Der Essay fragt zusätzlich nach dem verantwortbaren Zweck und den handlungsleitenden Annahmen.

Braucht jedes Unternehmen eine grundlegende Neuorientierung?

Nein. Fehlendes Fachwissen, unklare Zuständigkeit oder ein ungeeigneter Ablauf können begrenzte Korrekturen erfordern. Bewusstes Bewahren einer tragfähigen Praxis ist ebenfalls ein begründetes Ergebnis.

Sind KI oder QUENARIS Voraussetzung?

Nein. Werkzeuge werden nach der konkreten Aufgabe ausgewählt. Sie definieren weder den Zweck des Unternehmens noch die ethische Position des Autors und ersetzen keine menschliche Verantwortung.

Wo steht die ausführliche Begründung?

Die Publikation Radical Change: Wofür wir Unternehmen führen enthält einen eigenständig lesbaren Essay, elf vertiefende Kapitel, Praxisfragen, Literatur, Beleggrenzen und ein Glossar. Die Darstellung unterscheidet eigene Erfahrung, persönliche Wertung, fachliche Ableitung und wissenschaftliche Befunde.

Passende Einblicke