Digitalisierung & KI
Ohne Unternehmensgedächtnis bleiben KI-Agenten blind
Ein Agent ohne Unternehmensgedächtnis automatisiert nicht Ihr Unternehmen. Er improvisiert auf Basis von Ausschnitten.
Viele Unternehmen beginnen ihre KI-Initiativen mit einem Modell oder einem einzelnen Anwendungsfall. Sie verbinden einen Chatbot mit einigen Dokumenten, legen Dateien in einer Wissensdatenbank ab oder lassen einen Agenten auf ein Projektverzeichnis zugreifen.
Das funktioniert, solange die Fragen einfach sind. Sobald ein System jedoch Entscheidungen vorbereiten oder proaktiv handeln soll, reichen einzelne Dateien nicht mehr aus.
Unternehmenswissen besteht nicht nur aus Dokumenten
Ein Protokoll enthält vielleicht eine Entscheidung, aber nicht zwingend den Grund dafür. Eine Prozessbeschreibung zeigt den Sollablauf, aber nicht die Ausnahmen, die im Alltag akzeptiert werden. Eine Kennzahl zeigt eine Abweichung, aber nicht, ob sie bereits erklärt oder bewusst toleriert wurde.
Menschen verbinden diese Informationen durch Erfahrung. Sie wissen, welche Quelle aktuell ist, welche Regel in welchem Kontext gilt und wer eine Entscheidung getroffen hat. Ein Agent sieht dagegen zunächst einzelne Ausschnitte.
Ein Agent ohne Unternehmensgedächtnis automatisiert nicht Ihr Unternehmen. Er improvisiert auf Basis von Ausschnitten.
Was ein Unternehmensgedächtnis leisten muss
Ein Unternehmensgedächtnis ist keine grosse Ablage und auch kein weiterer Chatbot. Es ist eine strukturierte Wissens- und Entscheidungsschicht, die Informationen miteinander verbindet.
Welche Ziele verfolgt das Unternehmen? Welche Prozesse führen zu diesen Zielen? Welche Rollen tragen Verantwortung? Welche Entscheidungen wurden getroffen und weshalb? Welche Kennzahlen zeigen Wirkung oder Abweichung? Welche Informationen sind aktuell, bestätigt oder nur vorläufig? Welche Zugriffsrechte gelten für Menschen und Agenten?
Erst wenn diese Zusammenhänge abgebildet sind, kann ein Agent unterscheiden, ob eine Information relevant, veraltet, widersprüchlich oder entscheidungsreif ist.
Eine zentrale Ablage reicht nicht
Der Begriff „Single Source of Truth“ klingt nach einer zentralen Datenquelle. In der Praxis genügt Zentralisierung jedoch nicht. Auch eine zentrale Ablage kann voller Duplikate, veralteter Dokumente und unklarer Zuständigkeiten sein.
Entscheidend ist nicht nur, wo Wissen gespeichert wird. Entscheidend ist, wie Quellen verbunden, bewertet, versioniert und verantwortet werden. Ein Unternehmensgedächtnis muss zeigen können, woher eine Aussage stammt und welche Entscheidung darauf basiert.
Wo die Abhängigkeit wirklich entsteht
Viele Diskussionen konzentrieren sich darauf, welches Sprachmodell eingesetzt wird. Die grössere Abhängigkeit entsteht jedoch dort, wo Unternehmenswissen, Entscheidungslogik und operative Ausführung in einer einzigen Plattform zusammenlaufen.
Ändert der Anbieter Preise, Bedingungen, Zugriffsrechte oder technische Schnittstellen, verliert ein Unternehmen nicht nur ein Werkzeug. Es kann den Zugang zu seinem eigenen Arbeitskontext und zu den daraus abgeleiteten Entscheidungen verlieren.
Modelle werden austauschbar, Unternehmenswissen nicht
Sprachmodelle entwickeln sich schnell. Ein Unternehmen sollte deshalb seine Wissensarchitektur nicht fest mit einem einzigen Modell verbinden. Das Modell ist ein Werkzeug für Analyse, Sprache oder Ausführung. Das Unternehmenswissen bleibt der dauerhafte Vermögenswert.
Deshalb lohnt es sich, die Wissens- und Prozessschicht unabhängig vom Modell aufzubauen. Dann lässt sich das Werkzeug wechseln, ohne dass Wissen, Entscheidungen und Prozesslogik mit dem Anbieter verschwinden. Diese Schicht zu strukturieren, ist die Arbeit, die kein Anbieter einem Unternehmen abnimmt — und der Punkt, an dem ich ansetze.
Der Wert liegt nicht im Modell. Er liegt in der Fähigkeit des Unternehmens, sein Wissen für Menschen und Agenten nutzbar zu machen.
Dies ist der dritte von drei Beiträgen zu KI-Agenten im Unternehmen. Im ersten ging es darum, was geschieht, wenn KI Absichten erkennt. Im zweiten um Agenten, die ohne Auftrag zu arbeiten beginnen.