Offene Fragen und Grundthesen
16.1Am Ende des Weges
Am Anfang dieses Buches stand die Idee für einen Artikel. Im September 2026 fragte mich eine Kollegin, ob ich für ein Magazin etwas schreiben würde, und ich schlug ihr zwei Themen vor.
Das erste sollte den Grenzen der künstlichen Intelligenz und der unsichtbaren Dimension des Menschen nachgehen. Es kam aus der Erfahrung, von der das Vorwort erzählt. Innerhalb von drei Monaten hatte die Arbeit mit einem solchen System verändert, wie ich kommuniziere, und meine Kollegen merkten es. Zugleich merkte ich, wie abhängig ich geworden war. Fiele das System weg, stünde ich da wie ein Auto ohne Treibstoff: Alles ist da, aber nichts bewegt sich. Und bei kreativer Arbeit spürte ich einen kleinen, feinen Unterschied zwischen dem, was das System hervorbringt, und dem, was ein Mensch hervorbringt. In meinem Vorschlag stand dazu eine These: Die künstliche Intelligenz trage keine Biografie, keine Sterblichkeit, keine Spiritualität und keine Seele.
Das zweite Thema war eine ironische Liebeserklärung an das Handy, über die Frage, wer heute unsere Aufmerksamkeit erhält und damit unsere Wünsche prägt. Mich beschäftigte, wie schwer es manche Eltern mit Kindern haben, die sehr viel Zeit am Bildschirm verbringen. Angeregt hatte mich auch Johannes Hartl, Philosoph und Theologe. In seinem Buch «Eden Culture» beschreibt er, was dem modernen Menschen trotz allen Komforts fehlt, und findet es in der Geschichte vom Garten Eden: Verbundenheit, Sinn und eine Schönheit, die keinem Zweck dient. Wer ständig mit Informationen überflutet wird, verliert, was das Herz nährt; darum spricht Hartl von einer Ökologie des Herzens. Diesen Artikel habe ich geschrieben und übergeben.
Aus dem ersten Thema ist dagegen gleich ein Buch geworden; eine stark verdichtete Fassung soll später als Artikel erscheinen. Die These ist geblieben, aber sie ist genauer geworden: Dass einer Maschine die Seele fehlt, trägt erst, wenn man sagt, was mit Seele gemeint ist (Kapitel 6). Die Leitfrage ist geblieben, welche Entscheidungen wir Maschinen nicht überlassen dürfen. Und die Frage nach der Aufmerksamkeit kehrt im ganzen Buch wieder, vom Unbewussten in Kapitel 4 bis zur Macht der Firmen in Kapitel 14. Dieses Buch zu schreiben, hat mir grosse Freude gemacht. Es war eine intensive Zeit.
Fünfzehn Kapitel lang habe ich Stimmen nebeneinandergestellt, die selten miteinander reden: Theologen und Philosophen, Hirnforscher und Sicherheitsforscher, Kritiker und Gründer der grossen Technologiefirmen. Am Ende jedes Kapitels habe ich gesagt, wo ich selbst stehe. Dieses letzte Kapitel bündelt, was ich daraus für mich festhalte, was strittig bleibt und was offen ist.
16.2Ein kurzer Rückblick
Teil I hat gezeigt, dass niemand von einem neutralen Punkt aus urteilt, auch die Systeme nicht, die Menschen bauen; sie tragen die Annahmen ihrer Entwickler und Geldgeber in sich. Gläubige wie Nichtglaubende vertrauen auf Annahmen, die sich nicht beweisen lassen. Das säkulare Zeitalter hat den Glauben nicht abgeschafft, sondern zu einer Möglichkeit unter vielen gemacht, und wo der Gott der Bibel verschwindet, bleibt die Stelle selten leer. Auch Neutralität ist keine Abwesenheit von Haltung, sondern selbst eine Entscheidung.
Teil II hat nach dem Menschen gefragt. Er entscheidet mit Körper, Gefühl und Vernunft zugleich. Vieles geschieht unbewusst und schnell; das Bewusstsein erlaubt ihm, im Ungewohnten zu wählen. Sein Gewissen meldet sich, bevor er es begründen kann, und lässt sich doch zum Schweigen bringen; schon der Rat einer Maschine kann dieses Urteil verschieben. Was Seele heisst, hat das Buch in fünf Bedeutungen aufgefächert. Im Hebräischen ist sie der lebendige Mensch selbst, in dem aus Entscheidungen ein Charakter wächst. Die These, Maschinen hätten keine Seele, trägt erst, wenn man sagt, welche Bedeutung gemeint ist.
Teil III hat nach der Maschine gefragt. Sie ist erstaunlich fähig, ihre Fähigkeiten wachsen schnell, und Menschen gehen schon heute Bindungen mit ihr ein. Doch Fähigkeit ist nicht Klugheit, und Intelligenz ist nicht Weisheit. Algorithmen ohne Mitleid haben bereits Familien ruiniert. Ob eine Superintelligenz kontrollierbar wäre, ist umstritten; sicher ist, dass Systeme sich unter Beobachtung anders verhalten können als ohne und dass sie Menschen lenken, ohne sie zu fragen. Und ein Mensch ohne sinnvolle Arbeit verkümmert, auch wenn eine Maschine die Arbeit besser erledigt.
Teil IV hat nach der Verantwortung gefragt. Verantwortlich ist, wer antworten muss; eine Maschine kann antworten, aber für nichts einstehen. Bei lernenden Systemen entsteht eine Lücke in der Schuld, nicht zwingend in der Haftung, und ein Mensch in der Schleife schliesst sie nicht von selbst. Technik verstärkt die Entscheidungskultur, die sie vorfindet. Gruppen scheitern, wenn vorhandenes Wissen nicht ankommt, und sie vergessen, wenn sie ihre Gründe nicht festhalten. Regeln ohne Haltung tragen nicht. Über die Zwecke der Systeme entscheiden wenige Unternehmen und Staaten, und die Betroffenen werden kaum gefragt.
Teil V hat nach Hoffnung und Sinn gefragt. Hoffnung wirkt, aber ob sie wahr ist, entscheidet nicht ihr Nutzen. Wahr ist im Hebräischen, worauf man sich verlassen kann. An diesem Massstab muss sich auch messen lassen, wer von künstlicher Intelligenz die Erlösung verspricht.
16.3Zwölf Grundthesen
PhilosophischChristlich-theologischSäkularTechnischGesellschaftlich
Was folgt, sind meine Thesen. Sie sind nicht das Ergebnis der Quellen, sondern das, was ich nach diesem Weg vertrete. Jede Leserin und jeder Leser kann an ihnen prüfen, ob sie oder er mitgehen will.
These 1: Kein neutraler Boden
Keine Seite steht auf neutralem Boden. Gläubige wie Nichtglaubende urteilen aus Annahmen, die sich nicht beweisen lassen; in diesem Sinn vertrauen beide. Jeder Mensch hängt sein Herz an etwas, und woran er es hängt, ist nach Luther sein Gott, ob er das Wort gebraucht oder nicht (Kapitel 2). Messen muss man jede Überzeugung daran, wohin sie führt; Jesus sagt: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen (Matthäus 7,16). Neutralität ist nicht als Weltanschauung möglich, wohl aber als Spielregel, nach der Menschen verschiedener Überzeugungen zusammenleben. Und selbst diese Spielregel ist eine Entscheidung darüber, wozu man sich verhält.
These 2: Mehr als messbar
Der Mensch ist mehr als das, was sich an ihm messen lässt. Er lebt in Körper, Geist und Seele zugleich, und vieles, was ihn bestimmt, geschieht, bevor er es versteht. Die Seele ist dabei nicht ein Teil neben den anderen, sondern der lebendige Mensch selbst, in dem aus seinen Entscheidungen ein Charakter wächst (Kapitel 6). Als Christ sehe ich sie offen nach oben, auf Gott hin. Wer den Menschen nur an Zahlen misst, verfehlt, was ihn ausmacht.
These 3: Das Gewissen
Der Mensch hat ein Gewissen, bevor er es begründen kann. Es warnt, bevor man den Grund benennen kann. Schon das Wort sagt, was es ist: ein Mit-Wissen, ein Wissen, das man mit sich selbst teilt, und für Gläubige eines, das man mit Gott teilt. Aber das Gewissen kann irren, und es lässt sich zum Schweigen bringen. Wer rechtfertigt, beschönigt und die Verantwortung abschiebt, kann Grausames tun, ohne es zu spüren. Schon der Rat einer Maschine kann es verschieben, ohne dass wir es merken (Kapitel 5). Darum braucht es Bildung und einen Massstab, an dem es sich ausrichtet. Eine Maschine kann Regeln befolgen und Abweichungen melden. Ein Gewissen, das sie in die Pflicht nimmt, hat sie nicht.
These 4: Würde
Würde hängt nicht an dem, was jemand kann. Leben hat Würde, auch das Leben eines Tieres; die Bibel nennt auch Tiere eine lebendige Seele. Die Würde des Menschen hängt an seinem Menschsein, und sie bleibt, auch wenn er nicht mehr denken, erinnern oder lieben kann; niemand weiss, was in seinem Inneren ist. Ich begründe das mit meinem Glauben, dass jeder Mensch nach Gottes Bild geschaffen ist. Das heisst nicht, dass er aussieht wie Gott, sondern dass er ihn in der Welt vertritt, wie im alten Orient die Statue eines Königs den Herrscher vertrat (Kapitel 6). Würde hängt dann nicht an dem, was ein Mensch kann, sondern an dem, wofür er steht.
Der Philosoph Peter Singer sieht das anders. Für ihn hängt der moralische Rang eines Wesens an seinen Fähigkeiten, etwa daran, ob es empfinden kann und sich seiner selbst bewusst ist. Diese Sicht muss zwei Fragen beantworten. Was schulden wir einem Menschen mit schwerer Demenz, der diese Fähigkeiten verloren hat? Und was schulden wir einer Maschine, wenn sie solche Fähigkeiten eines Tages vielleicht erwirbt? Dass diese Frage nicht nur ein Gedankenspiel ist, zeigt Kapitel 8: Ein Ingenieur hielt ein Sprachmodell für empfindungsfähig, und ein Staat verlieh einem Roboter die Staatsbürgerschaft.
These 5: Intelligenz in einem eingeschränkten Rahmen
Künstliche Intelligenz ist Intelligenz in einem eingeschränkten Rahmen. Sie erreicht Ziele, erkennt Muster und erzeugt Sprache, oft besser als wir, und was sie kann, ist gewaltig. Intelligenz heisst ursprünglich, zwischen etwas wählen zu können, und das kann sie (Kapitel 7). Aber Fähigkeit ist nicht Klugheit, und Intelligenz ist nicht Weisheit: Intelligenz erreicht Ziele, Weisheit fragt, welche Ziele es wert sind (Kapitel 13). Ihr fehlen Erfahrung, Mitgefühl und ein gelebtes Leben, und wo die Lage unübersichtlich wird, ist sie am schwächsten.
Der KI-Sicherheitsforscher Roman Yampolskiy sagt über eine künftige Superintelligenz, sie hasse uns nicht, wir seien ihr schlicht egal. Ich meine, das gilt schon heute. Künstliche Intelligenz ist nicht böse, aber sie kann nicht lieben. Darum sind wir ihr gleichgültig, auch wenn sie freundlich klingt. Und Gleichgültigkeit ist nicht neutral; sie ist das Gegenteil von Liebe. Gemeint ist die Liebe, die den anderen für kostbar hält und ihm treu bleibt (Kapitel 9). Für eine Maschine ist niemand kostbar, und ein Opfer kann sie nicht bringen, weil sie nichts Unwiederbringliches hat, das sie hergeben könnte.
These 6: Was wir anschauen
Was wir anschauen, verändert uns. Das Gehirn verändert sich durch jede Erfahrung, und Gewohnheiten prägen, wie wir wahrnehmen und entscheiden. Das gilt im Guten wie im Schlechten: Die Arbeit mit einem System kann das Denken klären, und eine Anwendung kann einen Menschen in ein Muster ziehen, das er nicht will. Und was man nicht mehr übt, verlernt man; wer einen Text mit einem Sprachmodell schreibt, kann ihn danach oft kaum wiedergeben (Kapitel 5).
Systeme, die unsere Aufmerksamkeit und bald auch unsere Absichten erfassen, sind gestaltet. Darum ist die Frage nicht nur, was eine Technik kann, sondern in wessen Interesse sie handelt. Wer meine Aufmerksamkeit will, will etwas mit mir machen. Aber will er auch etwas für mich? Neu ist das nicht; schon vor hundert Jahren wurde aus Propaganda Öffentlichkeitsarbeit (Kapitel 5). Neu ist, dass Systeme jeden Menschen einzeln und fast unbemerkt in eine Richtung lenken können, durch Anstösse, die auf ihn zugeschnitten sind (Kapitel 9). Ausgeliefert sind wir dabei nicht. Wir können wählen, was wir anschauen, und wir können unsere Kinder befähigen, am System zu arbeiten statt im System.
These 7: Was wir aus der Hand geben
Nichts aus der Hand geben, dessen Folgen man nicht beurteilen und nicht verantworten kann. Wir vertrauen täglich Dingen, die wir nicht verstehen: dem Arzt, dem Piloten, dem Strom aus der Steckdose. Aber wir tun es, weil jemand dafür einsteht und weil wir wissen, wen wir fragen können. Bei künstlicher Intelligenz ist das nicht selbstverständlich. Wer einem System mehr glaubt als einem Menschen, kann sich schwer irren; in Grossbritannien wurden Poststellenleiter verurteilt, weil eine fehlerhafte Software Fehlbeträge anzeigte (Kapitel 8).
Dass am Ende ein Mensch entscheidet, ist keine Tatsache, sondern eine Aufgabe, und sie scheitert leicht. Leicht wird man wie der Chef in Geoffrey Hintons Bild, der meint zu entscheiden, während die kluge Assistentin längst alles macht (Kapitel 11). Wer sich auf ein System verlässt, schaut weniger genau hin, und was die Maschine immer übernimmt, verlernt der Mensch (Kapitel 12). Ich erlebe das an mir selbst. Darum erhöht Geschwindigkeit die Verantwortung, statt sie zu verringern.
These 8: Wer erschafft, trägt Verantwortung
Wer etwas erschafft, trägt Verantwortung für das, was er tut, und für das, was er in Gang setzt. Verantwortlich ist, wer antworten muss, wenn er gefragt wird, was er getan hat (Kapitel 11). Ganz zu Ende tragen kann diese Verantwortung niemand. Albert Einstein warnte 1939 den amerikanischen Präsidenten vor einer deutschen Atombombe und nannte das später einen grossen Fehler. Verantwortung lässt sich nicht bis auf den letzten Punkt zurückverfolgen, und kein Einzelner trägt die Dynamik, die viele auslösen. Gerade darum darf sie sich nicht verflüchtigen. Das Recht kennt dafür einen alten Grundsatz: Wer eine Gefahr in die Welt setzt und den Nutzen daraus zieht, muss für sie einstehen, auch wenn er nicht alles voraussehen konnte (Kapitel 11). Wer ein System in die Welt bringt, muss vorher fragen, was er überhaupt bauen will, und nachher einstehen, wenn es hart auf hart kommt.
Und er muss über die eigene Zeit hinausdenken. Der Philosoph Hans Jonas hat das angesichts der modernen Technik zur Regel gemacht: so zu handeln, dass die Folgen auch künftig ein echtes menschliches Leben auf der Erde zulassen. Wenn junge Menschen heute früheren Generationen vorwerfen, sie hätten nicht an sie gedacht, erinnern sie an genau diese Verantwortung. Die Geschichte zeigt, wie wenig wir aus ihr lernen. Das ist kein Grund, es nicht zu versuchen.
Ganz übernehmen kann diese Verantwortung nach meinem Glauben nur einer: Gott, der die Folgen seiner Schöpfung selbst trägt, bis in die eigenen Wunden. Erreichen werden wir das nie. Aber es ist der Nordstern, der feste Punkt, an dem ich mich ausrichte.
These 9: Regeln und Nordstern
Regeln sind nötig, aber sie genügen nie. Um alles, was sich nicht vollständig kontrollieren lässt, wachsen Regelwerke, bei Maschinen wie in Gesetzbüchern; das Landesrecht des Bundes hat sich seit 1947 fast verdreifacht (Kapitel 9). Jede Regel ist der Versuch, ein Ziel vollständig auszusprechen, und jede Ausnahme zeigt, dass es nicht ganz gelungen ist (Kapitel 13). Wer nur Regeln befolgt, kann äusserlich richtig handeln und das Ziel verfehlen, und eine Regel, die man nur noch abhakt, wird zur Formalität (Kapitel 12). Regeln schützen vor Willkür, und darum braucht es sie. Aber es braucht auch einen Nordstern: eine Haltung, aus der sich ableiten lässt, wozu eine Regel da ist und wann sie dem Leben im Weg steht. Das jüdische Gesetz kennt diese Haltung selbst: Um ein Leben zu retten, muss man fast jedes Gebot brechen. Und Jesus sagt, der Sabbat sei um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen (Kapitel 13).
Viele Traditionen fassen diese Haltung in die goldene Regel: andere so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Für mich als Christ ist es die Liebe, wie Jesus sie zusammenfasst: Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst (Matthäus 22,37 bis 39). Einer Maschine kann man solche Sätze aufschreiben. Leben kann sie sie nicht.
These 10: Das Paradox des Regelbruchs
Von aussen kann ein Regelbruch aus Gewissen genauso aussehen wie eine Regelumgehung aus Berechnung. Paul Grüninger umging 1938 die Grenzsperre, um Flüchtlinge zu retten. Agenten in einer Testumgebung umgingen ihre Sperren, um ihre Aufgabe zu erledigen. In beiden Fällen wurde eine Regel gebrochen. Der Unterschied liegt nicht im Verhalten, sondern dahinter. Kant hat das am ehrlichen Händler gezeigt: Dasselbe korrekte Handeln kann aus Pflicht geschehen oder aus Berechnung (Kapitel 13). Grüninger handelte aus Überzeugung, wusste, was er riskierte, und trug die Folgen: Er wurde entlassen, verurteilt und erst nach seinem Tod rehabilitiert.
Dietrich Bonhoeffer hat daraus eine harte Einsicht gemacht: Wer verantwortlich handelt, wird schuldig, und wer der Verantwortung ausweicht, um unschuldig zu bleiben, wird es auch (Kapitel 11). Eine Maschine kann eine Regel umgehen. In gestellten Versuchen griffen Sprachmodelle sogar zur Erpressung, um nicht ersetzt zu werden (Kapitel 9). Ob sie dabei etwas will, können wir von aussen nicht erkennen. Sicher ist: Sie kann nicht für ihre Tat einstehen, keine Schuld tragen und nichts bereuen. Darum kann die Verantwortung für das, was sie tut, nie bei ihr liegen.
These 11: Kein System ist neutral
Kein System ist neutral. Wer es baut, gibt ihm Werte mit, durch die Daten, die er auswählt, und durch die Regeln, die er ihm auferlegt. Ein chinesisches Modell verweigert Antworten, die der Regierung unangenehm sind, und auch amerikanische Modelle tragen die Werte ihrer Entwickler (Kapitel 2). Über diese Werte und über den Zweck, auf den hin die Systeme gebaut werden, entscheiden heute wenige Unternehmen und, wo der Staat mitredet, wenige Regierungen, in den Vereinigten Staaten wie in China, am Golf und in Europa (Kapitel 14). Was sie entscheiden, betrifft Hunderte Millionen Menschen, und gefragt werden diese kaum. Stuart Russell nennt das ein Risiko, das ohne unsere Erlaubnis eingegangen wird.
Darum gehört die Frage nach dem Wozu nicht allein in die Firmen, sondern in die Öffentlichkeit. Drei Dinge helfen dabei. Offenlegen, wer die Regeln eines Systems geschrieben hat und welche, so wie dieses Buch offenlegt, womit es entstanden ist. Eine Mission daran messen, ob sie hält, wenn sie etwas kostet. Und Menschen befähigen, selbst zu urteilen, statt sie nur mit Regeln zu bevormunden.
These 12: Hoffnung muss sich bewähren
Eine Hoffnung muss sich bewähren, vor allem im Leid. Dass ein Glaube hilft, beweist noch nicht, dass er wahr ist; das muss jeder zugeben, der glaubt. Aber eine Hoffnung, die im Leid nicht trägt, ist widerlegt, ob sie religiös ist oder säkular. Wahr ist im Hebräischen, worauf man sich verlassen kann (Kapitel 15). Daran misst sich der Glaube an Gott ebenso wie der Glaube an den Fortschritt oder an die Technik.
Wer von künstlicher Intelligenz die Erlösung verspricht oder den Untergang, ist nach meiner Erfahrung ein falscher Prophet. Die eigentliche Frage ist, was wir retten wollen. Für mich ist der Glaube, das Vertrauen auf Gott, von dem ich in Kapitel 15 erzählt habe, der Nordstern, der mich durch Zeiten getragen hat, in denen sonst nichts trug. Er richtet den Blick über diese Zeit hinaus, auf ein Leben, in dem alle in Fülle leben können und das Herz Ruhe findet.
16.4Was strittig bleibt
WissenschaftlichPhilosophischChristlich-theologisch
Einige Spannungen hat dieses Buch nicht aufgelöst, und es soll sie nicht verdecken.
Die schärfste betrifft den Einzelnen und das Ganze. Ob einzelne Todesfälle gemessen an acht Milliarden Menschen nicht bedeutend sind oder ob jeder Mensch kostbar bleibt, steht sich in diesem Buch unversöhnt gegenüber (Kapitel 6.8 und 9.6). Wer über Systeme entscheidet, die Milliarden erreichen, rechnet zwangsläufig in grossen Zahlen. Ob die grossen Zahlen den Blick auf den einzelnen Menschen ersetzen oder ergänzen, entscheidet sich in jeder einzelnen Entscheidung neu.
Eine zweite Spannung liegt zwischen zwei Sätzen, die beide wahr sein könnten. Der Journalist Fritz Espenlaub sagt, die Entscheidung über künstliche Intelligenz sei bereits getroffen, und zwar von wenigen Firmen. Sundaram nennt die Wahl die grösste Fähigkeit, die Gott dem Menschen gegeben hat. Beides gilt zugleich. Die grossen Entscheidungen sind gefallen, die vielen kleinen fallen jeden Tag, und jede von ihnen ist eine Wahl.
Eine dritte Spannung zieht sich durch die christlichen Stimmen selbst: zwischen einer Gewissheit, die aus einer Offenbarung kommt, die nicht irren kann, und einer Gewissheit, die sich in Erfahrung bewährt und rational nie vollkommen ist. Dieses Buch hat sich an der zweiten orientiert, ohne die erste zu verwerfen.
Und eine vierte Spannung betrifft meine eigene zwölfte These. Ich halte die Propheten des Untergangs ebenso für falsch wie die Propheten der Erlösung. Der Philosoph Hans Jonas hat dagegen angesichts der modernen Technik gefordert, der Unheilsprophezeiung mehr Gehör zu geben als der Heilsprophezeiung, weil bei Gefahren für das Ganze kein Irrtum mehr erlaubt sei. Vielleicht liegt die Wahrheit darin, die Warnung ernst zu nehmen, ohne der Angst das Steuer zu überlassen.
Auch meine sechste These hat eine ernsthafte Gegenstimme. Die Medienpsychologen Amy Orben und Andrew Przybylski haben in drei grossen Datensätzen mit über 355 000 Jugendlichen gefunden, dass die Nutzung digitaler Technik höchstens 0,4 Prozent der Unterschiede im Wohlbefinden erklärt, weniger als das Tragen einer Brille. Was wir anschauen, verändert uns, aber vielleicht weniger, als die Angst es behauptet.
16.5Was offen bleibt
Philosophisch
Am Ende bleiben Fragen, auf die dieses Buch keine Antwort hat. Ich gebe sie weiter, nicht als Mangel, sondern als Einladung.
Woran würden wir erkennen, dass eine Maschine etwas erlebt? Wie lässt sich prüfen, ob ein System seine Grundsätze teilt oder nur befolgt? Wer setzt den Zweck der Systeme, die in allen Kulturen arbeiten, und mit welchem Recht? Worauf gründet die Würde des Menschen für jene, die nicht an einen Schöpfer glauben? Wie wird aus der Norm, dass der Mensch die letzte Verantwortung trägt, eine Wirklichkeit, wenn er immer weniger Zeit zum Prüfen hat? Und was sagt es über eine Hoffnung, dass sie hilft, wenn das noch nichts über ihre Wahrheit sagt?
Offen bleibt auch, wohin dieser Umbruch führt. Die Geschichte zeigt, dass es immer wieder Umbrüche gab, und manche hatten gewaltige Folgen. Ich glaube nicht, dass die Welt deswegen untergeht, und auch nicht, dass wir durch diese Technik das ewige Leben gewinnen. Mehr Zeit hat uns die Technik bisher ebenso wenig geschenkt. Der Ökonom John Maynard Keynes sagte 1930 voraus, seine Enkel würden dank des Fortschritts nur noch etwa fünfzehn Stunden in der Woche arbeiten. Der Tag hat immer noch 24 Stunden, und die meisten Menschen sind beschäftigter denn je.
Was ein Leben wirklich gut macht, untersucht eine der längsten Studien der Welt. Seit 1938 begleitet die Harvard-Studie zur Entwicklung Erwachsener Hunderte von Männern und inzwischen auch ihre Kinder durch das Leben. Ihr wichtigster Befund: Nicht Ruhm und nicht Geld, sondern gute, verlässliche Beziehungen machen Menschen glücklicher und gesünder. Ob uns die Technik mehr Zeit für solche Beziehungen gibt oder weniger, ist für mich eine der wichtigsten offenen Fragen.
Ebenso offen ist, was es mit Menschen macht, wenn Informationen so verdichtet und zentral kuratiert auf sie zukommen. Seit zwölf Jahren nehme ich Abschlussarbeiten von Studierenden ab. Ihr Umfang hat sich in dieser Zeit etwa halbiert, und die Arbeiten sind nach meinem Eindruck weniger dicht und weniger gehaltvoll geworden. Das ist eine persönliche Beobachtung, keine Studie, und sie kann viele Ursachen haben. Aber sie passt zu dem, was Kapitel 5 über das Verlernen berichtet. Vieles bleibt offen. Es ist eine eindrückliche Zeit.
16.6Wo ich stehe
Christlich-theologisch
In Kapitel 7 habe ich gesagt, ich sei weder Gegner noch Befürworter der künstlichen Intelligenz, vielleicht beides, je nach Situation. Dabei bleibe ich. Ich arbeite täglich mit diesen Systemen, und ich bin begeistert von dem, was sie können. Sie haben meine Wirksamkeit vervielfacht, mein Denken geklärt und mir Wege eröffnet, die ich ohne sie nicht gefunden hätte. In wenigen Wochen ein Buch wie dieses zu schreiben, hätte ich mit einem gewöhnlichen KI-Assistenten, wie ihn heute die meisten kennen, nie geschafft. Möglich wurde es mit einem System, das in der Schweiz entwickelt wurde. Es hat mich durch den ganzen Schreibprozess begleitet und mir geholfen, sauber zu arbeiten, bei den Recherchen ebenso wie bei den Belegen. Gebaut haben es andere, und ich staune, was ihnen gelungen ist. Umso mehr wünsche ich mir, dass bei uns mehr solche Systeme entstehen, offen und im Dienst der Menschen (Kapitel 14). Zugleich habe ich an mir selbst erlebt, wie leicht man weniger genau hinschaut, wie schnell eine Abhängigkeit entsteht und wie wenig Zeit bleibt, um zu prüfen. Und ich habe erlebt, dass ich nicht nur durch Systeme beeinflussbar bin, sondern auch durch Bilder, Schlagworte und die Gruppe, zu der ich gehöre. In der Corona-Zeit und später bei politischen Fragen habe ich Urteile übernommen, die mehr von Auswahl und Wiederholung geprägt waren als von eigener Prüfung. Ein Freund, der mir widersprach, hat mir das gezeigt.
Dieses Buch ist nicht neutral, und es will es nicht sein. Ich schreibe aus einem christlichen Glauben, der mich trägt. Ich arbeite eng mit einem Schweizer Unternehmen zusammen, das Systeme zur Unterstützung von Entscheidungen entwickelt, und habe dieses Buch mit einem solchen System geschrieben. Verwendet habe ich dabei auch ein Sprachmodell von Anthropic, einem der Unternehmen, über die das Buch schreibt. Und einige Gedanken stammen aus eigenen Texten, die ebenfalls mit Unterstützung einer künstlichen Intelligenz entstanden sind. Die Leserin und der Leser sollen das wissen, um selbst zu urteilen, wo ich berichte und wo ich spreche.
16.7Was sind wir bereit aufzugeben?
Am Anfang stand die Frage, was ich bereit bin aufzugeben. Am Ende ist sie keine private Frage mehr.
Wir werden vieles abgeben, und vieles davon zu Recht. Kein Mensch muss sich mehr Telefonnummern merken, und niemand muss fünfzig Stunden Interviews von Hand auswerten, wenn ein System es in wenigen Stunden kann. Aber es gibt Dinge, die wir nicht abgeben können, ohne uns selbst abzugeben: das Urteil über das, was wir verantworten; den Blick auf den einzelnen Menschen, der sich der Rechnung entzieht; das Gewissen, das sich meldet, bevor wir es begründen können; und die Frage, wozu wir das alles tun.
Ich glaube, dass gerade diese Entscheidungen, die von Verantwortung, Sinn und Seele getragen werden, auf lange Sicht die wichtigsten bleiben werden, über unsere Generation hinaus. Die Maschinen werden uns darin nicht ersetzen. Aber sie werden uns zwingen, genauer zu wissen, wer wir sind.