Zu den Grundsätzen

Vertiefung

Entscheidungen und Verantwortung

Projektleitung bedeutet für mich mehr als Planung, Reporting und Methodenanwendung. Sie schafft Bedingungen, unter denen Verantwortlichkeiten klar sind, Risiken sichtbar werden, Entscheidungen rechtzeitig getroffen werden und die Beteiligten handlungsfähig bleiben. Methoden und Werkzeuge unterstützen diese Aufgabe; sie sind nicht ihr Zweck.

Was eine gute Entscheidung ist

Eine gute Entscheidung ist nicht automatisch eine Entscheidung mit gutem Ausgang. Sie ist eine Entscheidung, die auf den zum Zeitpunkt verfügbaren Informationen sorgfältig, transparent und verantwortbar getroffen wurde. Ergebnisse bleiben teilweise unsicher.

Mit Risiken umgehen

Ich schätze Eintrittswahrscheinlichkeit und mögliche Auswirkungen ein, lege Frühindikatoren und Massnahmen fest, benenne Restrisiken und kläre, wer verantwortlich ist. Korrigierbarkeit und Umkehrbarkeit berücksichtige ich von Anfang an.

Würden wir die Entscheidung auch dann noch verantworten, wenn der schlimmste akzeptierte Fall eintritt?

Entscheiden statt Schwebezustand

Dauerhafte Entscheidungslosigkeit bindet Ressourcen, verwischt Verantwortung und verhindert Lernen. Eine korrigierbare Entscheidung auf ausreichender Grundlage kann deshalb besser sein als anhaltendes Zögern. Je grösser und irreversibler der mögliche Schaden, desto höher ist jedoch die notwendige Sorgfalt.

Wesentliche Entscheidungen halte ich nachvollziehbar fest: Frage und Ziel, bekannte Fakten und offene Annahmen, geprüfte Optionen, Risiken, Verantwortliche, Gründe und den Zeitpunkt, an dem die Entscheidung überprüft wird.

Wer entscheidet?

Vor wesentlichen Entscheidungen kläre ich fünf Fragen:

  1. Wer trifft die Entscheidung?
  2. Wer bereitet sie fachlich vor?
  3. Wer muss vorher gehört oder einbezogen werden?
  4. Wer muss danach informiert werden?
  5. Was geschieht, wenn keine Einigung erreicht wird?

Entscheidungsrecht und Kommunikationspflicht sind nicht dasselbe. Nicht jede betroffene Person muss mitentscheiden, aber wer wesentlich betroffen ist, soll angemessen einbezogen oder informiert werden. Verantwortung ohne Informationen, Befugnisse und Entscheidungsrechte ist nicht tragfähig. Umgekehrt muss Entscheidungsrecht mit Verantwortung für die Folgen verbunden sein.

Je nach Rolle unterscheidet sich, was ich entscheide:

  • Als Challenger hinterfrage ich und mache Risiken sichtbar, ohne die Entscheidung zu übernehmen.
  • Als Accelerator kann ich innerhalb klarer Leitplanken operative Entscheidungen treffen.
  • Als Executor brauche ich dafür echte Entscheidungsbefugnis im delegierten Mandat.
  • Als Observer greife ich grundsätzlich nicht operativ ein.

Die unternehmerische Entscheidung bleibt bei Ihnen.

Bei relevanten Risiken oder blockierter Verantwortung mache ich das sichtbar, spreche es an und verlange eine Entscheidung. Wenn nötig, wird eskaliert; schliesslich werden Rolle oder Mandat neu bewertet. Ich entscheide und kommuniziere so, wie ich es bei einer Entscheidung erwarten würde, die mich selbst betrifft.

Wie ein Projekt gesteuert wird

PhaseZweck
1. ProjektideeBedarf, Anlass, erwartete Wirkung und erste Hypothesen klären
2. Studie und DiagnoseAusgangslage, Kontext, Beteiligte, Risiken und Handlungsoptionen verstehen
3. InitialisierungZiele, Governance, Rollen, Entscheidungswege, Umfang und Erfolgskriterien festlegen
4. KonzeptLösungslogik, Zielbild, Prioritäten, Abhängigkeiten und Umsetzungsweg gestalten
5. UmsetzungStrukturen, Prozesse, Systeme und Fähigkeiten realisieren
6. EinführungLösung bereitstellen, Kommunikation, Schulung und Übergang organisieren
7. Anwendungreale Nutzung unterstützen und Hindernisse im Alltag bearbeiten
8. StabilisierungFunktionsfähigkeit, Verantwortungsübernahme und Lernen unter realen Bedingungen sichern
9. Wirkung und RückzugErgebnisse prüfen, Rolle reduzieren, Übergabe abschliessen oder Folgeentscheidung treffen

Zwischen den Phasen wird bewusst entschieden:

  • Go: Die Voraussetzungen sind ausreichend vorhanden.
  • Adjust: Ziel, Umfang, Rolle, Vorgehen oder Ressourcen werden angepasst.
  • Hold: Das Projekt wird pausiert, bis definierte Voraussetzungen erfüllt sind.
  • Stop: Das Projekt wird begründet beendet.
  • Handover: Die Verantwortung geht an die Organisation über.

An jedem dieser Punkte frage ich:

  • Was wissen wir jetzt, was wir vorher nicht wussten?
  • Welche Annahmen wurden bestätigt oder widerlegt?
  • Ist das Ziel weiterhin sinnvoll und erreichbar?
  • Sind Nutzen, Aufwand und Risiko weiterhin vertretbar?
  • Sind Verantwortlichkeiten und Befugnisse klar?
  • Welche Rolle von mir ist jetzt erforderlich?
  • Was muss bis zum nächsten Prüfpunkt beobachtbar sein?

Widerstand ist zuerst Information

Widerstand kann auf ungehörte Sorgen, unterschätzte Risiken, unklare Ziele, fehlendes Vertrauen, reale Verluste oder eine noch nicht tragfähige Lösung hinweisen. Ich versuche ihn deshalb zuerst zu verstehen, statt ihn zu bekämpfen.

Ich unterscheide, ob Widerstand nachvollziehbare Gründe hat, aus Sorge vor der Veränderung entsteht oder aus fehlender Bereitschaft, Fakten zu prüfen und Verantwortung zu übernehmen. Entsprechend höre ich zu und passe die Lösung an, gebe Sicherheit und Begleitung, oder ich benenne Grenzen und bewerte die Voraussetzungen des Projekts neu.

Weiterführen, anpassen, übergeben oder abbrechen

Dieselben Ziele und Kriterien, mit denen ein Mandat beginnt, dienen auch zur Entscheidung, wie es weitergeht:

  • Weiterführen, wenn Ziel, Voraussetzungen und erwartbare Wirkung tragfähig bleiben.
  • Anpassen, wenn das Ziel sinnvoll bleibt, aber Annahmen, Vorgehen, Umfang, Ressourcen oder Rollen verändert werden müssen.
  • Übergeben, wenn die Aufgabe erfüllt ist oder die Organisation selbstständig weiterarbeiten kann.
  • Abbrechen, wenn wesentliche Voraussetzungen dauerhaft fehlen, das Ziel nicht mehr sinnvoll erreichbar ist oder der weitere Einsatz nicht mehr in einem verantwortbaren Verhältnis zur Wirkung steht.

Ein Projekt wird nicht weitergeführt, nur weil bereits Zeit, Geld oder Energie investiert wurden. Ein einzelner Konflikt ist kein Abbruchgrund; ein dauerhaftes Muster ohne Bereitschaft zur Klärung kann einer sein. Einen Abbruch empfehle ich erst, wenn Problem und Ziele geklärt, relevante Perspektiven einbezogen und Alternativen wie Anpassung, Pause oder Neuausrichtung geprüft sind. Ich spreche ihn möglichst früh an und kommuniziere ihn nachvollziehbar und respektvoll.

Ein begründeter Abbruch kann ein Erfolg sein, wenn er weitere Fehlinvestitionen verhindert, Klarheit schafft und Menschen, Zeit oder Kapital vor wirkungsloser Fortsetzung schützt.

Beispiele aus der Praxis