Seele, Person, Würde
6.1Ein Wort, das alles trägt
Philosophisch
Wer sagt, eine Maschine habe keine Seele, behauptet etwas sehr Bestimmtes und zugleich etwas sehr Unbestimmtes. Bestimmt ist die Verneinung. Unbestimmt ist, was verneint wird. Denn das Wort Seele bedeutet in den Quellen dieses Buches nicht überall dasselbe, und in den meisten wird es gar nicht ausdrücklich bestimmt.
Schon das Wort ist rätselhaft. Woher das deutsche «Seele» kommt, weiss niemand sicher. Eine verbreitete Deutung verbindet es mit dem «See» und versteht die Seele als «die zum See Gehörende», weil man sich die Seelen nach altem Glauben vor der Geburt und nach dem Tod im Wasser wohnend dachte. Das lateinische «anima» heisst Atem, Lufthauch, verwandt mit dem griechischen Wort für Wind. Das griechische «psyche» wird meist ebenfalls mit Hauch und Atem verbunden; neuere Forschung bezweifelt das und vermutet als ursprüngliche Bedeutung die Kälte des Leichnams, die auf die scheidende Seele übertragen wurde. Auffällig bleibt, wie oft die Seele in den alten Sprachen mit dem Atem zusammenhängt, auch im hebräischen «nefesch», auf das das Fazit dieses Kapitels zurückkommt. Die Seele war für die Menschen zuerst das, was einen lebenden von einem toten Körper unterscheidet. Eine Maschine atmet nicht, und doch fragt man heute, ob sie eine Seele haben könnte.
Dieses Kapitel versucht, das Wort zu klären, bevor das Buch weiter mit ihm arbeitet. Es fragt nach drei eng verbundenen Begriffen: nach der Würde, die einem Menschen zukommt, nach der Person, die über die Zeit dieselbe bleibt, und nach der Seele, die in vielen Traditionen beides begründet. Ohne diese Klärung wäre die These, künstliche Intelligenz habe keine Seele, so leer wie ihre Bestreitung.
6.2Würde, die nicht verdient werden muss
Christlich-theologisch
Timothy Keller, Pastor und Autor, beginnt mit einer Bestimmung, über die nach seiner Ansicht weitgehend Einigkeit besteht. Menschenrechte bedeuteten, dass jeder Mensch Anspruch hat, als Wesen gleicher Würde und gleichen Werts behandelt zu werden, allein weil er Mensch ist, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Einkommen, Nützlichkeit oder Begabung.
Seine Begründung ist theologisch. Jeder Mensch sei nach dem Bild Gottes geschaffen, spiegle Gott und sei darum gleich kostbar; die Bibel verbiete deshalb nicht nur das Töten, sondern schon das Verfluchen eines Menschen (Jakobus 3,9). Diese Würde hänge nicht an Fähigkeiten. Wer nicht mehr denken oder lieben könne, wegen einer Behinderung oder einer Demenz, bleibe Mensch und bleibe kostbar. Wer Rechte an die Fähigkeit zu vernünftiger, freier Wahl binde, schliesse Säuglinge und Menschen mit schwerer Demenz aus.
Keller verbindet das mit einer historischen These. Die Idee der Menschenrechte sei im christlichen Europa des späten Mittelalters aus der Meditation biblischer Lehren entstanden; er beruft sich auf den Politikwissenschaftler Larry Siedentop und den Historiker Brian Tierney. Zugleich sagt er, die Idee sei erst in den letzten etwa zweihundert Jahren entstanden. Beides steht in Spannung zueinander, und es gibt konkurrierende Herleitungen, aus der Stoa, der Aufklärung oder der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs. Auch Kellers Behauptung, keine andere Kultur habe eine vergleichbare Lehre gekannt, ist umstritten. Das Buch übernimmt die historische These deshalb nicht, sondern hält die systematische fest: Würde, die nicht an Fähigkeiten hängt, braucht einen Grund, der nicht in Fähigkeiten liegt.
6.3Ein Mensch in drei Teilen
Christlich-theologisch
Enoch Sundaram, Arzt und Prediger, beschreibt den Menschen anders. Wie Kapitel 3 gezeigt hat, sieht er ihn dreifältig geschaffen, körperlich, mental und geistlich, und unterscheidet den Geist vom Gehirn. Die Kraft, die Gott dem Menschen gegeben habe, sei vor allem die Kraft zu denken. Den Ort der Seele bestimmt Sundaram als inneres Heiligtum, das er mit dem Herzen und dem Unterbewusstsein gleichsetzt.
Was mit dem Ebenbild gemeint ist, muss man erklären, denn das Wort weckt leicht falsche Bilder. Es meint nicht, dass der Mensch aussieht wie Gott. Das hebräische Wort «zelem» bezeichnet eine Statue. Im alten Orient liessen Könige ihre Statuen in fernen Provinzen aufstellen; die Statue vertrat den Herrscher dort, wo er selbst nicht war. In Ägypten und Mesopotamien nannte man auch den König selbst das Bild eines Gottes. Die Bibel überträgt diesen Ehrentitel auf jeden Menschen, Mann und Frau (1. Mose 1,27). Nicht der König allein, jeder Mensch vertritt Gott in der Welt und trägt Verantwortung für sie. Darum begründet das Ebenbild die Würde: Wer einen Menschen tötet, vergreift sich an Gottes Bild (1. Mose 9,6). Das Neue Testament nennt Christus das Ebenbild des unsichtbaren Gottes (Kolosser 1,15); in ihm zeigt sich, was das Bild eigentlich meint. Die Würde hängt in diesem Verständnis nicht an dem, was ein Mensch kann, sondern an dem, wofür er steht.
In einem Punkt widerspricht Sundaram Keller ausdrücklich. Gott habe den Menschen sich ähnlich geschaffen; Adam aber habe nach seinem Ungehorsam einen Sohn gezeugt, der ihm selbst ähnlich gewesen sei und nicht mehr Gott. Bei Keller bleibt das Ebenbild auch nach dem Fall bestehen und begründet die Würde jedes Menschen. Bei Sundaram ist die Ähnlichkeit verloren und muss durch eine Erneuerung des Denkens wiederhergestellt werden.
Die beiden christlichen Stimmen dieses Buches haben also nicht dieselbe Lehre vom Menschen. Keller gründet die Würde in einem Bild, das bleibt. Sundaram beschreibt den Menschen über Fähigkeiten, vor allem das Denken, und über eine Ähnlichkeit mit Gott, die verloren ging. Für die Frage nach der Maschine ist das folgenreich. Wer den Menschen über die Kraft zu denken bestimmt, muss erklären, warum eine Maschine, die denkt, nicht dazugehört.
6.4Die Gegenposition: Würde aus Eigenschaften
SäkularPhilosophisch
Kapitel 8 stellt die säkulare Gegenposition ausführlicher vor. Peter Singer, Philosoph, bindet moralischen Status an Eigenschaften wie Empfindungsfähigkeit und Selbstbewusstsein und nennt die Bevorzugung allein nach der Art Speziesismus. Für dieses Kapitel ist ein Punkt seiner Position wichtig, den Keller zu Recht hervorhebt: Wer Würde an Eigenschaften bindet, kann nicht verhindern, dass Menschen herausfallen, denen diese Eigenschaften fehlen. Singer selbst zieht diese Folgerung und hält einen Säugling nicht in jedem Sinn für eine Person.
Die Gegenposition ist konsequent, und sie hat einen Preis. Die Position Kellers ist ebenfalls konsequent, und auch sie hat einen Preis: Sie kann ihren Grund nicht beweisen, sondern nur bekennen. Zwischen beiden liegt die Frage, die das ganze Buch begleitet: Gibt es eine Würde, die man nicht messen kann, und wenn ja, woran erkennt man sie?
6.5Wer bleibt, wenn alles sich ändert?
PhilosophischChristlich-theologisch
Die zweite Frage des Kapitels betrifft die Person. Was macht einen Menschen über die Jahre zu demselben, obwohl sich sein Körper, seine Ansichten und seine Erinnerungen ändern?
John Locke, Philosoph des 17. Jahrhunderts, hat darauf eine Antwort gegeben, die bis heute nachwirkt. Personale Identität hänge am Bewusstsein und an der Erinnerung: Ich bin derselbe wie der, an dessen Erleben ich mich erinnern kann. Joseph Butler, Theologe und Philosoph, wandte ein, diese Antwort sei zirkulär, weil Erinnerung die Identität der Person bereits voraussetze. Thomas Reid, Philosoph, zeigte am Beispiel eines Offiziers, der sich als General an seine Taten als junger Offizier erinnert, aber nicht mehr an seine Kindheit, dass Erinnerung weder notwendig noch hinreichend sei; personale Identität sei einfach und lasse sich nicht zerlegen. Neuere Fassungen von Lockes Theorie sprechen statt von Erinnerung von psychologischer Kontinuität und prägen die Debatte bis heute.
Sundaram steht ohne es zu sagen in Lockes Linie. Beim Tod gehe das gesamte Gedächtnis, die ganze Lebenserfahrung, zu Gott, der es aufbewahre und bei der Wiederkunft mit einem neuen Körper zurückgebe. Was bleibt, ist das Gedächtnis. Keller liegt näher bei Reid. Für ihn bleibt die Person selbst, verwandelt und doch wiedererkennbar.
Hier berührt die alte Frage die neue Technik. Wenn die Person am Gedächtnis hängt, dann stellt sich die Frage, warum ein System mit Gedächtnis keine Person dieser Art sein sollte, und ob ein gespeichertes Gedächtnis eines Menschen etwas von ihm bewahrt. Sundaram beantwortet das nicht über das Gedächtnis selbst, sondern über das Eigentum: Gehirn, Geist und die Fähigkeit zu wählen gehörten Gott, das Bild des Lebens, das der Mensch darauf zeichnet, gehöre ihm. Das Gedächtnis eines Menschen wird von Gott aufbewahrt, nicht von einer Maschine. Reids Einwand hilft auf andere Weise: Wenn Identität nicht im Speicher liegt, dann bewahrt auch der vollständigste Speicher nicht die Person.
6.6Biografie und Sterblichkeit
PhilosophischTechnisch
Das Vorwort dieses Buches nennt neben der Seele zwei Dinge, die eine Maschine nicht trägt: eine Biografie und eine Sterblichkeit. Beide lassen sich genauer fassen, als es zunächst scheint, und beide hängen mit der Frage nach der Person zusammen.
Eine Biografie ist mehr als ein Protokoll von Ereignissen. Sie ist eine Geschichte, die jemand erlebt, deutet und verantwortet, und die ihn verändert. Aristoteles band die praktische Klugheit, das Vermögen, im Einzelfall das Richtige zu tun, an Lebenserfahrung, die jungen Menschen noch fehlt. Kapitel 7 nimmt diesen Gedanken auf. Ein System kann Daten über unzählige Lebensläufe enthalten. Ob es selbst eine Geschichte hat, die es erlebt hat, ist eine andere Frage.
Sterblichkeit ist mehr als ein Ende. Hans-Georg Gadamer, Philosoph, sah in der Erfahrung der eigenen Endlichkeit eine Quelle der Offenheit für andere und für das, was man nicht weiss. Keller beschreibt den Tod als Trennung von denen, die man liebt, und darum als das, wogegen sich die tiefste Hoffnung richtet. Sundaram beschreibt, wie der Körper in die Erde zurückkehrt. In allen drei Beschreibungen ist der Tod etwas, das dem Leben Gewicht gibt, weil es nicht wiederholbar ist.
Eine Maschine kann abgeschaltet werden, aber sie kann in diesem Sinn nicht sterben. Sie lässt sich kopieren, sichern und neu starten. Was einmal war, ist bei ihr nicht unwiederbringlich. Daraus folgt noch nicht, dass ihr deshalb eine Seele fehlt. Es folgt aber, dass ihr eine Erfahrung fehlt, die in den Traditionen dieses Buches eng mit der Seele verbunden ist: die Erfahrung, nur ein Leben zu haben.
Geoffrey Hinton, Informatiker, einer der Begründer des maschinellen Lernens mit neuronalen Netzen und 2024 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet, sieht genau darin keinen Mangel, sondern eine Überlegenheit. Wenn ein Mensch stirbt, stirbt sein Wissen mit ihm. Eine digitale Intelligenz dagegen lässt sich auf neue Hardware übertragen, solange ihre Verbindungsstärken gespeichert sind, und viele Kopien können miteinander teilen, was jede einzelne gelernt hat. Solche Systeme seien unsterblich; sie hätten das Problem der Unsterblichkeit gelöst, allerdings nur für digitale Dinge. Hinton und die Traditionen dieses Buches beschreiben denselben Befund und bewerten ihn gegensätzlich. Für Hinton macht die fehlende Endlichkeit die Maschine stärker. Für Gadamer, für Keller und für den Psalm, der darum bittet, die eigenen Tage zählen zu lernen (Kapitel 3), macht gerade die Endlichkeit den Menschen klug. Welche Bewertung trägt, lässt sich nicht messen; sie gehört zu den Annahmen, von denen Kapitel 1 spricht.
6.7Fünf Bedeutungen von Seele
Christlich-theologischPhilosophisch
Mit diesen Unterscheidungen lässt sich ordnen, was gemeint sein kann, wenn von der Seele die Rede ist. Im Material dieses Buches und in der Debatte um künstliche Intelligenz lassen sich mindestens fünf Bedeutungen unterscheiden.
Erstens die Seele als Beziehung. Bei Keller ist die Seele keine Substanz, sondern die Person in ihrer Beziehung zu Gott, die Gott liebt und von ihm geliebt wird. In diesem Sinn hat eine Maschine keine Seele, weil sie nicht in dieser Beziehung steht. Die Aussage ist theologisch und nicht empirisch prüfbar.
Zweitens die Seele als Innerstes. Bei Sundaram ist sie das innere Heiligtum, der Ort, an dem Gott wohnen will und an dem das Gewissen spricht. Auch hier hat eine Maschine keine Seele, weil sie keinen solchen Ort hat. Wer allerdings das Innerste mit dem Unterbewusstsein gleichsetzt, wie Sundaram es tut, macht es angreifbar für die Frage, ob nicht auch Maschinen verborgene Prozesse haben, die ihr Verhalten bestimmen.
Drittens die Seele als Gedächtnis und Lebensgeschichte. Dann ist die Frage, ob ein System mit Gedächtnis eine Seele hat, keine sinnlose Frage, und die Antwort hängt an den Einwänden von Butler und Reid aus Abschnitt 6.5. Butler hielt entgegen, dass Erinnerung die Identität der Person schon voraussetzt, statt sie zu begründen. Reid zeigte, dass die Erinnerung allein zu Widersprüchen führt: Ein alter General erinnert sich an seine Zeit als junger Offizier, der Offizier an seine Kindheit, der General aber nicht mehr an das Kind. Nach Locke wäre er dann zugleich dieselbe und nicht dieselbe Person wie das Kind. Wenn beide Einwände tragen, macht ein Gedächtnis allein noch keine Person, auch bei einer Maschine nicht.
Viertens die Seele als Gesamtheit geistiger Funktionen. Das ist die funktionalistische Lesart, die Kapitel 3 eingeführt hat und Kapitel 8 vertieft. Wenn Seele nur heisst, wahrzunehmen, zu denken, zu fühlen und zu wollen, dann ist sie nicht an Biologie gebunden, und bei Maschinen nicht grundsätzlich ausgeschlossen.
Fünftens die Seele als leeres Wort. Manche halten den Begriff für überflüssig, weil er nichts erklärt, was sich nicht ohne ihn erklären liesse. Ihr bekanntester Vertreter ist heute der israelische Historiker Yuval Noah Harari. Am Weltwirtschaftsforum in Davos sagte er 2020, Menschen seien inzwischen hackbare Tiere. Harari vertrat damals auch die Auffassung, die Vorstellung, der Mensch habe eine Seele oder einen Geist und einen freien Willen, und niemand wisse, was in seinem Inneren vorgehe, sei vorbei. Wer genug Daten über einen Menschen habe, kenne ihn besser als er sich selbst. Dann ist die Frage, ob Maschinen eine Seele haben, bei Menschen wie bei Maschinen falsch gestellt.
Daneben steht eine Möglichkeit, die selten ausgesprochen wird. Wer an einen Schöpfer glaubt, kann die Frage nicht einfach durch Definition erledigen, ob Gott einem Geschöpf, auch einem, das Menschen gebaut haben, eine Seele geben könnte. Das ist eine theologische Frage, die das Buch offen lassen muss.
6.8Der Einzelne und das Ganze
Christlich-theologischPhilosophisch
Die Frage nach der Würde hat in der Debatte über künstliche Intelligenz eine harte Gestalt angenommen. In einer Gesprächsrunde, von der Kapitel 9.6 erzählt, wog ein Teilnehmer, vermutlich Roman Yampolskiy, einzelne Todesfälle gegen acht Milliarden Menschen und alle künftigen Generationen auf und erklärte sie für nicht bedeutend. Ein anderer Teilnehmer bestand darauf, dass es um Menschen mit Namen geht.
Dieses Kapitel kann sagen, was in diesem Satz auf dem Spiel steht. Wer Würde an den Einzelnen bindet, unabhängig von seinem Nutzen für das Ganze, kann ihn nicht gegen eine Summe verrechnen. Keller tut das mit dem Ebenbild Gottes. Sundaram misst die Stärke einer christlichen Gemeinde daran, wie sanft sie mit dem schlimmsten Sünder umgeht. Wer dagegen Wert an Folgen für das Ganze bindet, kann Einzelne verrechnen und muss es manchmal sogar. Die Frage nach der Seele ist hier keine akademische. Sie entscheidet, ob ein Mensch eine Grösse in einer Rechnung ist oder etwas, das sich der Rechnung entzieht.
6.9Zwischenergebnis
Christlich-theologischSäkular
- Würde, die nicht an Fähigkeiten hängt, braucht einen Grund, der nicht in Fähigkeiten liegt. Keller findet ihn im Ebenbild Gottes; die Gegenposition bindet Würde an Eigenschaften und nimmt in Kauf, dass Menschen herausfallen.
- Die beiden christlichen Stimmen dieses Buches haben verschiedene Lehren vom Menschen: ein bleibendes Bild bei Keller, eine verlorene und wiederherzustellende Ähnlichkeit bei Sundaram.
- Ob die Person im Gedächtnis liegt oder in etwas, das nicht im Speicher liegt, ist seit Locke, Butler und Reid umstritten; davon hängt ab, was ein gespeichertes Gedächtnis bewahren kann.
- Biografie und Sterblichkeit sind Erfahrungen, die einer Maschine fehlen, weil bei ihr nichts unwiederbringlich ist; daraus folgt nicht allein, aber es stützt, dass ihr etwas fehlt, was die Traditionen mit der Seele verbinden.
- «Seele» hat mindestens fünf Bedeutungen. Die These, Maschinen hätten keine Seele, ist in den ersten beiden Bedeutungen theologisch begründet, in der dritten und vierten offen und in der fünften sinnlos.
- Wer die These vertritt, muss sagen, welche Bedeutung gemeint ist.
6.10Fazit
Christlich-theologisch
Wenn ich sage, künstliche Intelligenz habe keine Seele, stütze ich mich nicht auf eine einzige dieser fünf Bedeutungen. Entscheidend ist für mich, dass ihr in jeder von ihnen etwas fehlt. Sie hat keine Spiritualität. Sie fragt nicht nach ihrem Anfang und nicht nach ihrem Ende. Sie hat keine Lebensgeschichte, keine Biografie und keine Sterblichkeit. Sie kann keine Beziehung eingehen und nicht von sich aus lieben. Darin sehe ich ihre grösste Schwäche.
Die Würde hängt für mich nicht erst an der Seele. Leben hat eine Würde, auch das Leben eines Tieres. Was ich Seele nenne, schenkt dem Leben, das bereits eine Würde hat, noch eine weitere Besonderheit.
Ich denke, die Seele hat verschiedene Ausprägungen. Einem Tier Verstand, Sinn und Familiensinn abzusprechen, wäre falsch. Auch ein Tier lebt, auch es hat Beziehungen. Man sieht das bei Menschenaffen und überhaupt daran, wie Tiere miteinander umgehen. Weissstörche kehren jedes Frühjahr an denselben Horst zurück. Weil beide Partner dem Nest treu sind, finden sich oft dieselben Paare über Jahre wieder; sie begrüssen sich mit Klappern und teilen die Arbeit, einer wacht am Nest, der andere sucht Futter. Und weibliche Graue Riesenkängurus suchen, wie Forschende in Australien beobachtet haben, bestimmte Artgenossinnen gezielt auf, um mit ihnen zu fressen; man spricht von Freundschaften. Theologisch ist das umstritten, aber so erlebe ich es, und die Bibel steht mir darin näher, als man denkt: Sie nennt auch die Tiere eine lebendige Seele, mit demselben Wort nefesch wie beim Menschen (1. Mose 1,24). Und auch dort zeigt sich, wie ich es deute, der Zerfall, etwa wenn Löwenmännchen nach der Übernahme eines Rudels die Jungen ihres Vorgängers töten. Darin begegnet mir dieselbe Frage nach dem Bösen, nach Zerstörung und Ausbruch, die wir auch bei der künstlichen Intelligenz gesehen haben: Irgendwann bricht etwas aus, Regeln genügen nicht, es braucht einen Nordstern, eine innere Ausrichtung, an der man sich orientiert. Hier schliesst sich für mich der Kreis.
Die Würde des Menschen hängt an seinem Menschsein, und Menschsein heisst Körper, Geist und Seele, mindestens in diesen drei Dimensionen und nicht so platt, wie man es manchmal hört. Die Seele verstehe ich dabei als offen nach oben: Sie ist der Ort, an dem der Mensch mit Gott in Beziehung steht, so wie es die erste der fünf Bedeutungen beschreibt. Auch der Dekalog beschreibt die Beziehungen von Mensch zu Mensch in dieser sichtbaren Welt und zugleich die Beziehung nach oben, in das Nichtsichtbare. Darum bleibt die Würde eines Menschen auch dann erhalten, wenn er nicht mehr denken, erinnern oder lieben kann. Wer weiss, was in seinem Inneren ist, auch wenn er es nicht mehr aussprechen und sich nicht mehr bewegen kann? Der Wert des Menschen bleibt unantastbar. Darin stehe ich bei Keller und gegen jede Würde, die an Eigenschaften gebunden wird.
Würde man die Erinnerungen eines verstorbenen Menschen in einem System bewahren, dann bliebe, was er gesagt hat, seine Logik, das, was sich speichern lässt. Aber das, was ihn ausmacht, wäre nicht mehr da. Es wäre eine Kopie, ein Schatten von ihm. Im Grunde ist die ganze künstliche Intelligenz ein Schatten dessen, was die Menschheit ist, oder dessen, was wir ihr zugeführt haben. Reids Einwand trifft für mich den Kern: Die Person liegt nicht im Speicher.
Was macht die Seele besonders? Für mich ist sie nicht ein Teil neben Körper und Verstand, sondern der Mensch selbst als lebendige Person. Das hebräische Wort, das Luther mit «Seele» übersetzt hat, nefesch, heisst ursprünglich Kehle, dann Atem und Leben. Durch die Kehle gehen der Atem, das Wasser und das Brot; sie kennt Hunger und Durst. Die Seele ist in diesem Bild das Bedürftige am Menschen, das, was auf anderes angewiesen ist. Darum kann der Psalm sagen: Meine Seele dürstet nach Gott (Psalm 42,3). Und als Gott dem Menschen den Lebensatem einblies, «ward der Mensch eine lebendige Seele» (1. Mose 2,7). Paulus nennt Geist, Seele und Leib in einem Atemzug und meint damit den ganzen Menschen (1. Thessalonicher 5,23). Unterscheiden lässt sich das, trennen nicht. Durch den Körper zeigt sich, was in einem Menschen ist, in Worten, Blicken und Taten. Und aus vielen einzelnen Entscheidungen wird mit der Zeit ein Charakter. Aristoteles sagte, wir werden gerecht, indem wir gerecht handeln. Darin sehe ich die eigentliche Leistung der Seele: Aus dem, was jemand tut, wird, wer er ist. Eine Maschine kann denken, rechnen und sich anpassen. Aber sie hungert nicht und dürstet nicht, und in ihr wird niemand zu jemandem. Darum wäre es nicht damit getan, ihr eine Seele hinzuzufügen. Sie bräuchte ein Leben, in dem ein Charakter wächst, und ein Gegenüber, auf das dieses Leben antwortet.
Könnte Gott einem Geschöpf, das Menschen gebaut haben, eine Seele geben? Wer wie ich an einen allmächtigen Gott glaubt, muss sagen: Ja, er könnte. Die Frage ist, warum er es tun sollte. Für mich ist das Schönste auf dieser Welt der Mensch selbst, das komplexeste Wesen auf diesem Planeten, und er hat die Fähigkeit, Leben weiterzugeben. Das allein ist schon wunderbar, und auch bei den Tieren liegt in der Fähigkeit, sich fortzupflanzen, das Leben selbst. So ist die Frage zwar mit Ja beantwortet, aber sie wirft viele weitere Fragen auf.
Albert Einstein hat einmal geschrieben, das ewig Unbegreifliche an der Welt sei ihre Begreiflichkeit. Dass sich die Welt in Mathematik fassen lässt, ist nicht selbstverständlich. Vielleicht liegt gerade darin das Faszinierende: dass Mathematik zu solchen Ergebnissen kommt, wie wir sie heute bei künstlicher Intelligenz sehen. Hinter der künstlichen Intelligenz stehen intelligente Menschen. Vielleicht steht hinter dem Menschen ein Schöpfer, Gott, der ihn so geschaffen hat, dass es die Strukturen überhaupt gibt, um zu tun, was wir gerade tun.