Exponentielle Entwicklung
10.1Ein Wort, das Angst macht
Wissenschaftlich
«KI-Experte schlägt Alarm: Ihr seid nicht bereit für 2027.» So heisst ein Ausschnitt aus der Debatte, die in Kapitel 9 zu Wort kam; er erschien im September 2026 und wurde in wenigen Tagen fast zwei Millionen Mal angesehen. Titel wie dieser leben von einem Wort, das in fast jeder Diskussion über künstliche Intelligenz fällt: exponentiell.
Was heisst das? Linear wächst etwas, wenn in jedem Zeitraum gleich viel dazukommt, etwa hundert Franken mehr auf dem Sparkonto jedes Jahr. Exponentiell wächst es, wenn es sich in gleichen Zeiträumen jeweils verdoppelt. Die alte Legende vom Schachbrett zeigt, was daraus wird. Ein Weiser soll sich vom König für seine Erfindung ein Reiskorn auf dem ersten Feld gewünscht haben, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten und so weiter. Auf dem letzten der 64 Felder lägen über neun Trillionen Körner, so viel Reis, wie die ganze Welt heute in mehreren hundert Jahren erntet. Ein zweites Bild: Seerosen breiten sich auf einem Teich aus, ihre Fläche verdoppelt sich jeden Tag, und nach dreissig Tagen ist der Teich voll. Am neunundzwanzigsten Tag ist er erst halb bedeckt, und am fünfundzwanzigsten sieht man fast nur Wasser. Das Tückische am exponentiellen Wachstum ist, dass es lange harmlos aussieht und dann plötzlich alles verändert. Die Schweiz hat das im Frühjahr 2020 erlebt, als sich die Zahl der Corona-Fälle zeitweise alle paar Tage verdoppelte.
Roman Yampolskiy, KI-Sicherheitsforscher, füllt das Wort mit dem Zeitplan, den Kapitel 9 wiedergegeben hat: Ab 2027 baue künstliche Intelligenz die nächste künstliche Intelligenz, und der Übergang zur Superintelligenz könne dann in Tagen statt in Jahren geschehen. Nate Soares, KI-Sicherheitsforscher, nennt Intelligenz ein Spektrum, auf dem die Systeme Jahr für Jahr weiter nach oben rücken.
Auch in der Beratung begegnet man dieser Sprache. Eine Grafik der Firma Intech, die hier mit Erlaubnis verwendet wird, stellt zwei Zeitachsen nebeneinander. Links steht «Mensch denkt linear»: das Pferd vor etwa 6000 Jahren, das Auto 1886, das Flugzeug 1903, die Rakete 1961. Rechts steht «KI-Transformation komprimiert Entwicklung»: dieselben Sprünge innerhalb von fünf Jahren. Darunter die Frage, wie man mit der Entwicklung mithalten kann.
Die Grafik trifft etwas Richtiges. Menschen unterschätzen exponentielles Wachstum tatsächlich; die Psychologie beschreibt diese Neigung seit den 1970er Jahren und hat sie vielfach bestätigt, auch wenn die erste Studie dazu inzwischen methodisch kritisiert wird. Die Grafik zeigt aber noch etwas anderes. Schon ihre eigene Zeitachse ist nicht linear: Zwischen Pferd und Auto liegen Jahrtausende, zwischen Auto und Flugzeug siebzehn Jahre, zwischen Flugzeug und Rakete achtundfünfzig. Beschleunigung ist nicht neu. Ob sich die Abstände heute wirklich auf wenige Jahre verkürzen, zeigt erst die Messung.
Dieses Kapitel fragt nüchtern: Wächst künstliche Intelligenz tatsächlich exponentiell? Woran wird das gemessen? Und was bremst?
10.2Was gemessen wird
WissenschaftlichTechnisch
Exponentiell heisst, dass sich eine Grösse in gleichen Zeitabständen vervielfacht, etwa verdoppelt. Wer das Wort verwendet, muss also sagen, welche Grösse gemeint ist und in welchem Zeitraum sie sich vervielfacht. Für künstliche Intelligenz gibt es dafür einige gut untersuchte Messgrössen.
Die erste ist die Rechenleistung, die in das Training der leistungsfähigsten Modelle fliesst. Nach dem Forschungsinstitut Epoch AI ist sie zwischen 2010 und Mai 2024 jedes Jahr um das Vier- bis Fünffache gewachsen. Dazu kommt der algorithmische Fortschritt: Bessere Verfahren holen aus derselben Rechenleistung mehr heraus, was einer Verdopplung der Rechenleistung alle fünf bis vierzehn Monate entspricht.
Die zweite Messgrösse ist näher an dem, was Menschen erleben. Die Forschungsorganisation METR misst, wie lange Aufgaben dauern, die Spitzenmodelle mit einer Erfolgsquote von fünfzig Prozent selbständig lösen, gemessen an der Zeit, die Fachleute dafür brauchen. Diese Spanne hat sich zwischen 2019 und 2024 etwa alle sieben Monate verdoppelt. Eine überarbeitete Fassung der Messung vom Januar 2026 kommt zu einem noch schnelleren Tempo: Seit 2023 verdopple sich die Spanne etwa alle vier Monate. Im Frühjahr 2026 lagen die besten öffentlich zugänglichen Modelle nach METR bei rund zwölf Stunden, also bei mehr als einem Arbeitstag. METR hält allerdings fest, dass die eigenen Aufgaben so lange Spannen kaum noch zuverlässig messen.
In diesen Messgrössen ist das Wachstum tatsächlich exponentiell, und zwar über mehrere Jahre. Wer das bestreitet, bestreitet Messungen. Die Frage ist, was diese Messungen bedeuten.
10.3Was die Zahlen nicht sagen
WissenschaftlichTechnisch
Die Zahlen von METR sind sorgfältig erhoben, und ihre Urheber nennen ihre Grenzen selbst. Drei sind für dieses Buch wichtig.
Erstens beschreibt die Messung eine Erfolgsquote von fünfzig Prozent. Ein System, das eine Aufgabe in der Hälfte der Fälle löst, ist für viele Zwecke nicht brauchbar. Verlangt man achtzig Prozent Erfolg, ist die Spanne der lösbaren Aufgaben um ein Mehrfaches kürzer.
Zweitens stammen die Aufgaben vor allem aus der Softwareentwicklung, wo sich Erfolg klar prüfen lässt. Unordentlichere, realitätsnähere Aufgaben fallen den Modellen deutlich schwerer. Kapitel 7 hat gezeigt, dass gerade dort, wo die Lage unübersichtlich ist, die Klugheit gefragt wäre.
Drittens hängt der Trend an der Auswahl der Aufgaben. Als METR 2026 längere Aufgaben hinzunahm und fehlerhafte entfernte, änderte sich auch das gemessene Tempo. Die Forschenden knüpfen jede Fortschreibung an die Bedingung, dass sich die Ergebnisse auf reale Aufgaben übertragen lassen.
Das heisst nicht, dass die Zahlen falsch wären. Es heisst, dass «KI wird doppelt so gut» kein sinnvoller Satz ist. Sinnvoll ist: Eine bestimmte Messgrösse hat sich in einem bestimmten Zeitraum unter bestimmten Bedingungen so und so oft verdoppelt.
10.4Was bremst
TechnischWissenschaftlich
Gegen die These eines ungebremsten Wachstums steht eine alte Beobachtung der Technikgeschichte. Viele Entwicklungen, die anfangs exponentiell aussehen, folgen in Wahrheit einer S-Kurve: Sie beschleunigen, bis sie an Grenzen stossen, und flachen dann ab. Für künstliche Intelligenz sind mehrere solche Grenzen sichtbar.
Die erste sind die Daten. Nach Epoch AI wird der Bestand an öffentlich verfügbaren, von Menschen geschriebenen Texten, auf denen Sprachmodelle trainiert werden, bei Fortsetzung des Trends irgendwann zwischen 2026 und 2032 ausgeschöpft sein. Synthetische Daten, also Texte, die Maschinen selbst erzeugen, gelten als möglicher Ausweg, sind aber umstritten.
Die zweite ist die Energie. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass Rechenzentren 2024 rund 415 Terawattstunden Strom verbrauchten, etwa eineinhalb Prozent des weltweiten Verbrauchs, und dass sich dieser Bedarf bis 2030 auf rund 945 Terawattstunden mehr als verdoppelt; das ist etwas mehr, als ganz Japan heute verbraucht. Künstliche Intelligenz ist der wichtigste Treiber dieses Anstiegs. Im Jahr 2025 wuchs der Strombedarf der Rechenzentren nach derselben Agentur um 17 Prozent, mehr als fünfmal so schnell wie der weltweite Verbrauch insgesamt. Jede Verdopplung der Fähigkeit hat einen physischen Preis.
Die dritte Grenze liegt in der Welt selbst. Vieles, was Menschen wissen wollen, lässt sich nicht durch Rechnen herausfinden, sondern nur durch Versuche, die Zeit brauchen: in Labors, auf Feldern, in Kliniken, in Gesellschaften.
10.5Die Gegenrede
Technisch
Die Vertreter eines raschen Durchbruchs haben auf diese Grenzen eine Antwort. Wenn künstliche Intelligenz selbst beginnt, künstliche Intelligenz zu verbessern, könnte sie die Engpässe verschieben: effizientere Verfahren finden, mit weniger Daten auskommen, Energie sparen. Darin liegt der Kern des Arguments von der rekursiven Selbstverbesserung. Es lässt sich heute weder belegen noch widerlegen.
Andrew McAfee, Wissenschaftler am MIT, mahnt, wie Kapitel 9 gezeigt hat, zur Bescheidenheit: Vom heutigen Stand bis zur Auslöschung der Menschheit sei es ein langer und unsicherer Weg, kein gerader, schmaler Pfad. Beide Seiten blicken auf dieselben Kurven. Was sie trennt, ist die Frage, ob die Kurve weitergeht.
10.6Was Beschleunigung mit der Zeit macht
Gesellschaftlich
Für das Thema dieses Buches ist eine andere Frage wichtiger als die, wie schnell die Systeme werden. Was macht die Beschleunigung mit der Zeit, die Menschen brauchen, um Entscheidungen zu prüfen?
Recht, Bildung und Erziehung arbeiten in Jahren und Jahrzehnten. Ein Gesetz wird über Jahre beraten, eine Ausbildung dauert Jahre, ein Kind wächst über zwei Jahrzehnte heran. Die Systeme ändern sich in Monaten. Kapitel 11 zeigt, dass mit der Selbständigkeit der Systeme auch die Zahl der Entscheidungen wächst, die unterwegs fallen, ohne dass ein Mensch sie sieht. Der Autor dieses Buches hat in Kapitel 5 davon gesprochen, dass Geschwindigkeit einen Rausch erzeugen kann, in dem die Verantwortung eher grösser als kleiner wird.
Wenn die Fähigkeit der Systeme sich alle paar Monate verdoppelt, die Zeit zum Prüfen aber gleich bleibt oder schrumpft, entsteht eine Schere. Sie lässt sich nicht durch schnellere Menschen schliessen. Sie lässt sich nur dadurch begrenzen, dass Menschen bewusst entscheiden, wo sie sich Zeit nehmen, auch wenn die Technik keine verlangt.
10.7Zwischenergebnis
Wissenschaftlich
- «Exponentiell» ist ohne Messgrösse ein Schlagwort. Mit Messgrösse ist es für mehrere Grössen gut belegt: Rechenleistung für das Training, algorithmischer Fortschritt und die Länge selbständig lösbarer Aufgaben.
- Die Messungen haben benannte Grenzen: fünfzig Prozent Erfolgsquote, Softwareaufgaben, Abhängigkeit von der Auswahl der Aufgaben; unordentliche Aufgaben bleiben schwer.
- Daten, Energie und die Langsamkeit der wirklichen Welt sind sichtbare Grenzen; ob rekursive Selbstverbesserung sie verschiebt, ist offen.
- Die Beschleunigung öffnet eine Schere zwischen der Fähigkeit der Systeme und der Zeit, die Menschen zum Prüfen brauchen.
10.8Fazit
Wenn ich auf die Welt schaue, sehe ich die Beschleunigung nicht nur bei Sprachmodellen. Die selbstfahrenden Taxis von Waymo, einer Tochter von Alphabet, fuhren im Mai 2024 rund 50 000 bezahlte Fahrten pro Woche; im März 2026 waren es rund 500 000, zehnmal so viele in knapp zwei Jahren. In chinesischen Städten wächst der Anbieter Apollo Go ähnlich schnell. Zugleich wächst nicht alles exponentiell. Die Zahl der Industrieroboter, die jedes Jahr neu in Betrieb gehen, hat sich in zehn Jahren etwas mehr als verdoppelt; 2024 waren weltweit rund 4,7 Millionen im Einsatz. Die Kurven sind an manchen Stellen steil, an anderen nicht. Was sie mit einem Menschen machen, sehe ich in meiner eigenen, kleinen Beraterwelt.
Angefangen hat meine Faszination an einem Vortrag von Worthaus, einer Plattform für theologische Vorträge. Dort wurde eine Webseite gezeigt, auf der man eine Frage stellen konnte und dann zu einem Video geleitet wurde, genau an die Stelle, an der die Frage beantwortet wird. Vielleicht war das technisch gar nicht so aufwendig. Aber dass ein Einzelner so etwas in seiner Freizeit gebaut hatte, war für mich ein Moment, der mich nicht mehr losliess. Später kamen Werkzeuge wie Copilot und die Suche in Unternehmensdaten, und der eigentliche Sprung kam mit den Auswertungsmöglichkeiten und damit, dass sich verschiedene Arbeitsschritte kombinieren liessen.
Ich mache mir dabei nichts vor. Es gibt Menschen, die viel mehr Erfahrung mit künstlicher Intelligenz haben und viel tiefer in der Technik stecken; ich kratze an der Oberfläche. Und ich arbeite nur mit den Werkzeugen, die auf dem Markt verfügbar sind. Was Systeme können, die ungefiltert und ohne Fesseln arbeiten, kann ich nur abschätzen. Zwischen dem, was wir nutzen dürfen, und dem, was im Kern möglich ist, liegen vermutlich Welten, und wir stehen erst am Anfang. Mehr Erfahrung habe ich im Nachdenken über das Menschsein. Damit beschäftige ich mich seit rund zwanzig Jahren, jeden Tag, und auch zwanzig Jahre sind nicht viel. Dieses Buch schreibe ich nicht des Geldes wegen. Mich bewegt das Thema, es macht mir Freude, und es löst in mir immer wieder Neues aus. Die Tragweite wird mir erst langsam klar.
Wer heute vor einem Informatikstudium steht, muss sich damit nicht beeilen. Den Umgang mit Menschen, den man etwa im Dienst oder im Beruf lernt, kann die künstliche Intelligenz nicht ersetzen, und mit der Zeit zeigt sich klarer, wo man in einem solchen Studium ansetzen soll. Zeit ist im Moment vielleicht die knappste Ressource, und es lohnt sich, sie gezielt einzusetzen.
Die Frage, was ein junger Mensch heute lernen soll, stellt sich vielen. Stuart Russell erzählt aus der britischen Fernsehserie «Humans», in der menschenähnliche Roboter alles erledigen. Eine kluge Jugendliche fragt dort, warum sie Medizin studieren solle; sie brauche sieben Jahre dafür, ein Roboter sieben Sekunden, nichts, was sie tue, zähle. Russell meint, genau auf diese Zukunft bewegten wir uns zu. Zuerst fielen die Stellen weg, für die man Menschen zu Hunderten einstellt, Arbeit, bei der wir Menschen schon heute wie Roboter einsetzen. Sein Gegenbild ist der Trickfilm «WALL-E»: Menschen, die auf Kreuzfahrtschiffen im All nur noch unterhalten werden und verkümmern, weil es keinen Grund mehr gibt, etwas zu können.
Die Bibel erzählt, dass der Mensch schon im Paradies Arbeit hatte. Gott setzte ihn in den Garten, damit er ihn bebaue und bewahre (1. Mose 2,15). Es gab Ruhe, denn am siebten Tag ruhte Gott (1. Mose 2,2), und es gab Beziehung, denn es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei (1. Mose 2,18). Arbeit gehört in diesem Bild nicht zur Strafe, sondern zum guten Anfang; erst nach dem Fall wird sie zur Mühsal (1. Mose 3,17 bis 19). Ein Mensch ohne sinnvolle Arbeit ist eine Katastrophe, und die Forschung bestätigt das. 1933 untersuchten Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel das österreichische Dorf Marienthal, in dem nach der Schliessung der Fabrik fast alle arbeitslos waren. Sie fanden keine Revolte, sondern Müdigkeit. Die Männer gingen langsamer, und die Bibliothek wurde weniger genutzt, obwohl sie gratis war und alle Zeit hatten. Jahoda folgerte später, Arbeit gebe dem Menschen nicht nur Lohn, sondern Tagesstruktur, Kontakt, ein gemeinsames Ziel, Anerkennung und Tätigkeit. Viktor Frankl beobachtete im selben Jahrzehnt in Wien bei arbeitslosen Jugendlichen eine Niedergeschlagenheit, die nachliess, sobald sie unbezahlt eine sinnvolle Aufgabe übernahmen. Und in den Vereinigten Staaten führen die Ökonomen Anne Case und Angus Deaton die steigende Zahl von Todesfällen durch Suizid, Drogen und Alkohol bei Menschen ohne Hochschulabschluss auch auf den Verlust von Arbeit zurück, die Halt und Ansehen gab.
Ich sehe darin keinen Grund, nichts mehr zu lernen, im Gegenteil. Was man nicht mehr übt, verlernt man. Gerade darum lohnt es sich, gut zu überlegen, was man lernt, und die Fähigkeiten zu stärken, die eine Maschine nicht ersetzt. Und wer Maschinen alle Arbeit überlassen will, sollte bedenken, dass er den Menschen damit mehr nimmt als den Lohn.
Die erste wirklich eindrückliche Erfahrung machte ich im Dezember 2025. Wir berieten ein Unternehmen in Indien und hatten fünfzig bis sechzig Stunden Interviewmaterial mit Mitarbeitenden. Die Daten der Umfrage, die wir mit Microsoft Forms erhoben hatten, waren wegen eines technischen Fehlers nicht mehr zugänglich, und der Support konnte sie nicht in nützlicher Frist wiederherstellen. Meine Geschäftspartnerin schlug vor, den Liefertermin für den Bericht abzusagen. Ich wollte das nicht. Ich habe die Auswertung auf der Grundlage der Gesprächsprotokolle gemacht, mit einem Sprachmodell von Anthropic, und daraus die Präsentation erstellt. Das Ergebnis war erstaunlich: Bis auf eine Aussage auf einer Folie war alles korrekt. Es zeigte sich, was ich im Bauchgefühl schon hatte, und es deckte sich mit dem, was meine Geschäftspartnerin in den persönlichen Interviews erlebt hatte. Da habe ich gemerkt, wie schnell man etwas wiederherstellen kann, wenn man über die entsprechenden Daten verfügt.
Noch deutlicher wurde das in der Arbeit mit dem System, mit dem ich täglich arbeite und von dem das Vorwort erzählt. Dort habe ich gesehen, dass sich nicht nur meine Arbeitsweise verändert, sondern ich selbst. Meine Wahrnehmung ändert sich, andere nehmen mich anders wahr, es kommt mehr Klarheit hinein, und die Menge an Daten, die ich verarbeiten kann, ist viel grösser geworden. Ich schätze, dass meine Wirksamkeit um mindestens das Drei- bis Fünffache gestiegen ist. Aber das kann auch auf die andere Seite kippen: Man prüft zu wenig. Genau dort öffnet sich die Schere, von der dieses Kapitel spricht. Das System führt und hält einem die Klarheit. Und ich meine, das ist erst der Anfang. Es wird immer leistungsfähiger und immer präziser. Das finde ich erstaunlich.
Wenn schon in meiner kleinen Welt die Wirksamkeit um ein Mehrfaches steigt und zugleich das Prüfen leidet, was geschieht dann dort, wo Fahrzeuge, Roboter und Waffensysteme selbständig handeln? Dort fallen dieselben Entscheidungen, nur mit anderen Folgen.
Was den Energieverbrauch betrifft, muss ich ehrlich sagen: Wie gross unser Fussabdruck von Anfang bis Ende genau ist, weiss ich nicht. Ein paar Zahlen helfen, die Grössenordnung zu sehen. Ein Liter Benzin enthält rund neun Kilowattstunden Energie. Ein Mensch, der körperlich arbeitet, leistet über einen Arbeitstag etwa 0,6 Kilowattstunden. Im Liter Benzin steckt also die Arbeitskraft von rund drei Wochen, und selbst nach den Verlusten im Motor noch die von mehreren Tagen. Eine einzelne Anfrage an ein Sprachmodell braucht nach Angaben, die Google und OpenAI 2025 veröffentlicht haben, rund 0,24 bis 0,34 Wattstunden; mit der Energie eines Liters Benzin liessen sich also Zehntausende Anfragen stellen. Diese Angaben stammen allerdings von den Anbietern selbst. Sie lassen das Training der Modelle und die Geräte der Nutzer weg, und aufwendige Anfragen brauchen ein Vielfaches. Ähnlich widersprüchlich ist die Debatte über Elektroautos. Die einen halten sie für sauber, die anderen verweisen auf die Herstellung der Batterien. Rechnet man über die ganze Lebensdauer, schneiden sie in Europa nach den meisten Studien deutlich besser ab, in der Schweiz mit ihrem sauberen Strom besonders. Die Widersprüche entstehen meist daraus, dass jeder einen anderen Ausschnitt rechnet. Bei der künstlichen Intelligenz ist es nicht anders, nur geht es um Wissensarbeit. Die Modelle werden effizienter, und die Frage ist, was diese Werkzeuge an Zeit und Kraft für Wichtigeres freisetzen. Am Ende muss die Bilanz positiv sein. Allerdings steigt der Verbrauch insgesamt, obwohl jede einzelne Aufgabe weniger Energie braucht. Darum muss man diese Bilanz auch wirklich ziehen, und zwar über das Ganze.