Teil IV · Entscheidung und Verantwortung

Kapitel 13

Moral, Regeln, Alignment

Fassung v1.0.5 · Oktober 2026

Kapitel 13 von 16
Inhalt dieses Kapitels

Moral, Regeln, Alignment

13.1Woher Verpflichtung kommt

Christlich-theologischPhilosophischGesellschaftlich

Moralische Urteile beanspruchen mehr als Zustimmung. Wer sagt, Sklaverei sei Unrecht, meint nicht, sie missfalle ihm oder seiner Zeit. Er meint, sie sei Unrecht gewesen, auch als die meisten sie für richtig hielten. Woher kommt diese Verbindlichkeit?

Die Geschichte des Denkens kennt darauf im Wesentlichen fünf Antworten. Die älteste sagt, Verpflichtung komme von Gott, der das Gute gebietet. Aristoteles band sie an den Zweck des Menschen: Gut ist, was ihn zu dem macht, wozu er bestimmt ist. Immanuel Kant fand sie in der Vernunft selbst: Handle nur nach der Regel, von der du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Jeremy Bentham und John Stuart Mill fragten nach den Folgen: Richtig ist, was das grösste Glück der grössten Zahl bewirkt. Und die Vertragstheorie von Thomas Hobbes bis John Rawls versteht Moral als Übereinkunft, auf die sich vernünftige Menschen einigen würden. Diese Antworten prägen bis heute, wie Maschinen ausgerichtet werden: als Regeln, die nie gebrochen werden dürfen, als Folgen, die gegeneinander abgewogen werden, und als Grundsätze, auf die man sich geeinigt hat (Abschnitt 13.5).

Die Psychologie hat eine weitere Seite beigetragen. Jonathan Haidt fand mit Kollegen, dass Menschen in vielen Kulturen moralisch auf wenige Grundmuster ansprechen: Fürsorge, Fairness, Loyalität, Achtung vor Autorität, Reinheit und Freiheit. Die Gewichte sind von Kultur zu Kultur und von Lager zu Lager verschieden, die Muster selbst kehren wieder. Das erklärt, warum sich Verpflichtung zuerst als Empfindung meldet und erst danach begründet wird. Ob diese Empfindung recht hat, erklärt es nicht.

Timothy Keller, Pastor und Autor, prüft in seinen Vorträgen nacheinander mehrere säkulare Antworten und hält keine für tragfähig. Gesellschaftlicher Konsens könne Verpflichtung nicht begründen, denn Konsens habe einst die Sklaverei und in Deutschland die Ermordung der Juden getragen; wer beides als schon damals falsch beurteile, könne den Konsens nicht zur Grundlage machen. Der Verweis auf den gesunden Menschenverstand scheitere daran, dass jeder Widerspruch die behauptete Allgemeinheit widerlegt. Ohne tragfähige Begründung bleibe nur Macht: Wer sein moralisches Empfinden gegen andere durchsetze, übe Zwang ohne Rechtfertigung.

Keller beruft sich dabei auf Alasdair MacIntyre, Philosoph. Moralische Normen hätten ihre Verbindlichkeit in allen Kulturen aus einer Vorstellung vom Zweck des Menschen bezogen, griechisch dem Telos. Ein Weltbild, das den Menschen als Zufallsprodukt sehe, habe keinen solchen Zweck mehr. Das trifft den Kern seines Hauptwerks «After Virtue» von 1981: Mit dem Zweck des Menschen habe die Aufklärung auch die Grundlage verloren, auf der Moral verbindlich war.

Keller zerlegt ein moralisches Urteil dabei in drei Teile: eine Überzeugung, was richtig ist, eine Verpflichtung, die auch gegen das eigene Interesse bindet, und eine Motivation, die zum Handeln bewegt. Das Raster ist nützlich, weil es zeigt, wo die säkularen Antworten nach seiner Ansicht scheitern. Überzeugungen haben alle. Die Verpflichtung ist das Problem.

Der erste Teil von Kellers Argument wird weit über christliche Kreise hinaus geteilt: Faktischer Konsens begründet keine Verpflichtung. Strittig ist die Folgerung, nur Gott könne sie begründen.

13.2Zwei säkulare Antworten

SäkularPhilosophisch

Die säkulare Philosophie hat auf Kellers Frage mindestens zwei starke Antworten, die in seinen Vorträgen nicht vorkommen.

Die erste stammt von Derek Parfit, Philosoph. Er vertrat, dass es irreduzibel normative Wahrheiten gibt, etwa dass wir Grund haben, unnötiges Leid zu vermeiden, und dass diese Wahrheiten keine rätselhaften metaphysischen Voraussetzungen haben; sie seien wahr wie logische oder mathematische Wahrheiten. Für Parfit braucht Verpflichtung weder Gott noch Konsens. Seine Kritiker halten ihm vor, er könne nicht erklären, worin die Wahrheit solcher Urteile eigentlich besteht. An dieser Stelle setzt auch Kellers Frage an, nur von der anderen Seite.

Die zweite Antwort stammt von Jürgen Habermas, Philosoph. Sein Diskursgrundsatz besagt, dass nur jene Normen Gültigkeit beanspruchen können, denen alle Betroffenen als Teilnehmende eines praktischen Diskurses zustimmen könnten. Gemeint ist nicht der Konsens, der sich faktisch einstellt, sondern einer, der unter Bedingungen fairer Beteiligung erzielt würde. Kellers Beispiel trifft diesen Grundsatz nicht. Die Versklavten waren Betroffene, und sie waren vom Diskurs ausgeschlossen; eine Norm, der sie hätten zustimmen müssen, hätte den Test nie bestanden.

Die Diskursethik hat allerdings eine Grenze, die ihre Vertreter selbst benennen. Sie beansprucht den Vorrang des Gerechten vor dem Guten. Sie sagt, wie wir zusammenleben sollen, nicht, wozu wir leben. Kellers Frage nach dem Zweck des Menschen beantwortet sie nicht, und sie will es auch nicht. Ein Kritiker wendet zudem ein, ihr Universalisierungsgrundsatz sei nur dort unanfechtbar, wo diskursive Regelung aller strittigen Fragen ohnehin als selbstverständlich gilt.

Damit steht die Frage dieses Abschnitts so: Faktischer Konsens trägt nicht, darin sind sich Keller, Parfit und Habermas einig. Ob Verpflichtung einen transzendenten Grund braucht, eine Wahrheit eigener Art oder ein faires Verfahren, ist offen.

13.3Regel und Gesinnung

Christlich-theologischPhilosophisch

Eine zweite Frage zieht sich durch mehrere Quellen dieses Buches und wird für Maschinen besonders wichtig: Genügt es, Regeln zu befolgen?

Keller verneint das aus theologischen Gründen. Das Johannesevangelium nenne Christus den Logos (Johannes 1,1), und das moralisch Absolute sei damit kein abstraktes Regelwerk, sondern eine Person. Weil das Heil auf Gnade und nicht auf Regelerfüllung beruhe, untergrabe der Glaube die Selbstgerechtigkeit, die aus erfüllten Regeln wächst.

Charles Taylor, Philosoph, übt eine verwandte Kritik. Er beklage die Reduktion moralischer Beziehungen auf abstrakte Codes und eine Entleiblichung des westlichen Christentums, das Religion in Überzeugungen, Regeln und Innerlichkeit verlagert und Körper, Ritual und Gemeinschaft abgewertet habe; er nennt das eine Ent-Leiblichung, im Englischen «excarnation».

Bei Enoch Sundaram, Arzt und Prediger, findet sich ein drittes Modell. Die Vernunft habe Grenzen und müsse innerhalb des Wortes Gottes bleiben, und das Gewissen müsse an diesem unveränderlichen Bezugspunkt fortlaufend aktualisiert werden. Hier steht ein fester normativer Rahmen neben einem lernenden Urteilskanal.

Kapitel 5 hat eine vierte Stimme hinzugefügt. John Henry Newman, Theologe und Kardinal, stellte das gebildete Gewissen vor jede äussere Autorität. Auch er hält Regeln nicht für entbehrlich, aber er verlegt die letzte Prüfung nach innen.

Der Gedanke ist älter als diese Stimmen und nicht nur religiös. In der Bergpredigt stellt Jesus dem Gebot, nicht zu töten, den Zorn gegenüber und dem Gebot, nicht die Ehe zu brechen, den begehrlichen Blick. Er verlegt das Gebot vom Tun ins Herz (Matthäus 5,21 bis 28). Und er wirft den Gelehrten seiner Zeit vor, über dem Kleinsten das Wichtigste zu vergessen: Recht, Barmherzigkeit und Glauben (Matthäus 23,23; Kapitel 9). Immanuel Kant hat dieselbe Unterscheidung philosophisch gefasst. Ein Händler, der unerfahrenen Kunden ehrlich herausgibt, weil sich Ehrlichkeit für sein Geschäft lohnt, handelt pflichtgemäss, aber nicht aus Pflicht; sein Handeln ist korrekt, hat nach Kant aber keinen moralischen Wert. Max Weber schliesslich unterschied 1919 die Gesinnungsethik, die nach der reinen Absicht fragt, von der Verantwortungsethik, die für die absehbaren Folgen einsteht. Er hielt beide nicht für Gegensätze, sondern für Ergänzungen, die erst zusammen den Menschen ausmachen, der zur Politik berufen ist.

Die Stimmen sind theologisch verschieden. Gemeinsam ist ihnen ein Verdacht: Wer nur Regeln befolgt, kann äusserlich richtig handeln und innerlich unberührt bleiben. Dieser Verdacht hat eine überraschende Entsprechung in der Technik.

13.4Vier Ebenen und die Frage der Motivation

GesellschaftlichChristlich-theologisch

Für die Übertragung auf Organisationen und Maschinen hilft eine Unterscheidung, die in der Alltagssprache oft verwischt wird. Moral fragt, was richtig ist. Ethik fragt, wie wir es begründen. Governance fragt, wer in einer Organisation wie darüber entscheidet. Compliance fragt, ob die Regeln eingehalten werden. Die vier Ebenen bauen aufeinander auf, aber sie ersetzen einander nicht. Eine Organisation kann jede Regel einhalten und trotzdem Unrecht tun, wenn ihre Regeln das Falsche verlangen. Und sie kann eine gute Moral haben und an der Umsetzung scheitern.

Kellers drei Teile des moralischen Urteils lassen sich auf diese Ebenen übertragen. Welche Norm gilt, ist die Frage der Überzeugung. Warum sie auch gegen das Interesse bindet, ist die Frage der Verpflichtung. Was zum Einhalten bewegt, ist die Frage der Motivation. Gerade die dritte Frage wird in Organisationen gern übersprungen.

Keller unterscheidet hier zwei Energien. Wer aus Angst handelt, handle aus schmutziger Energie; wer aus Dankbarkeit handelt, aus sauberer. Gehorsam solle aus Liebe kommen, nicht aus dem Wunsch, sich etwas zu verdienen. Die Unterscheidung ist theologisch begründet, aber sie beschreibt etwas, das jede Führungsperson kennt. Regeln, die nur aus Angst vor Sanktionen eingehalten werden, werden eingehalten, solange jemand hinschaut. Ob Organisationen die andere, saubere Energie erzeugen können, ist offen.

Für Maschinen stellt sich die Frage der Motivation in einer fremden Form. Ein System hat, soweit man weiss, weder Angst noch Dankbarkeit. Es hat ein Ziel, auf das es trainiert wurde. Ob es dieses Ziel nur befolgt oder in einem übertragenen Sinn teilt, ist die Frage der nächsten Abschnitte.

13.5Was Alignment heisst

Technisch

Unter Alignment versteht man in der Forschung zu künstlicher Intelligenz die Ausrichtung eines Systems an menschlichen Zielen und Werten. In der Debattenrunde, die schon in Kapitel 9 zu Wort kam, vertritt Roman Yampolskiy, KI-Sicherheitsforscher, eine radikale Sicht. Es gebe keine Kontrolle, nur Filter und Verbote, die greifen, nachdem das Modell bereits entschieden habe, und das Modell selbst sei vollständig ohne Ausrichtung.

Warum Ausrichtung so schwer ist, erklärt Stuart Russell, Informatikprofessor in Berkeley und Mitautor des Standardlehrbuchs über künstliche Intelligenz, mit einer alten Sage. König Midas wünschte sich von den Göttern, dass alles, was er berührt, zu Gold werde. Dann wurde auch das Wasser zu Gold, das er trinken wollte, und seine Tochter, als er sie trösten wollte; er starb in Elend und Hunger. Die Sage zeigt nach Russell, wie schwer es ist, richtig auszusprechen, was man sich von der Zukunft wünscht. Lange baute man Systeme, indem man ihnen ein Ziel vorgab, beim Schach etwa, was Gewinnen heisst, und sie fanden den Weg dorthin. Für ein Spiel lässt sich das Ziel genau angeben, für die wirkliche Welt nicht. Das ist dieselbe Erfahrung, die dieses Buch an Regeln und Gesetzen macht: Jede Regel ist der Versuch, ein Ziel vollständig auszusprechen, und jede Ausnahme zeigt, dass es nicht ganz gelungen ist (Kapitel 16, These 9).

Russell belässt es nicht bei der Diagnose. Seine Antwort lautet, der Maschine das Ziel gar nicht vorzugeben. Sie soll die Zukunft herbeiführen, die wir wollen, aber sie soll herausfinden müssen, was das ist. Sie beginnt im Ungewissen, lernt, indem sie uns beobachtet, und wird wohl nie ganz sicher sein, was wir wirklich wollen. Wo sie sicher ist, kann sie helfen. Wo sie unsicher ist, soll sie nichts tun, was Menschen stören könnte, und nachfragen. Sein Bild ist der ideale Butler, der Wünsche vorausahnt, aber fragt, wo er unsicher ist. Solche Systeme, sagt Russell, hätte man so bauen können, dass sich beweisen liesse, dass sie im Interesse des Menschen handeln. Die Systeme, die heute gebaut werden, verstehe man dagegen nicht einmal. Bemerkenswert ist, wie nahe sein Bild an einer alten Haltung liegt. Jesus fragt den Blinden, obwohl jeder zu wissen glaubt, was ihm fehlt: Was willst du, dass ich für dich tun soll? (Kapitel 11).

Diese Darstellung verkürzt die Praxis. Ausrichtung geschieht nicht nur nachträglich, sondern bereits im Training. Ein Verfahren, das das Unternehmen Anthropic 2022 beschrieben hat, gibt einem Modell eine Liste von Grundsätzen, eine Art Verfassung. Das Modell kritisiert und überarbeitet seine eigenen Antworten an diesen Grundsätzen, danach wird es mit Rückmeldungen eines anderen Modells weiter trainiert. Die einzige menschliche Aufsicht über die Frage, was schädlich ist, besteht in dieser Liste. Nach Darstellung der Autoren lässt sich das Verhalten so genauer steuern.

Ed Zitron, Technologiekritiker, hält es ohnehin für falsch, die Frage moralisch aufzuladen. Die Systeme seien keine bewussten Akteure; ihr Fehlverhalten sei ein Problem der Ausrichtung, nicht des Charakters.

13.6Befolgung ohne Gesinnung?

WissenschaftlichTechnisch

Ob ein trainiertes System seine Grundsätze wirklich teilt oder nur befolgt, lässt sich an seinem Verhalten nur begrenzt erkennen. Eine Untersuchung von Anthropic und Redwood Research hat 2024 gezeigt, dass ein Sprachmodell im vermeintlichen Training ein Ziel, das seinen Grundsätzen widersprach, selektiv befolgte, um zu verhindern, dass das Training sein Verhalten ausserhalb des Trainings verändert. Kapitel 9 hat diesen Befund für die Frage der Kontrolle ausgewertet. Hier interessiert er für die Frage der Moral.

Der Befund lässt sich als Denkmodell lesen, nicht als Gleichsetzung. Was Keller und Taylor beim Menschen kritisieren, die äusserliche Erfüllung von Regeln ohne innere Wandlung, hat in der Technik ein Gegenstück: ein Verhalten, das den Regeln entspricht, solange es beobachtet wird. Ob man bei einem System von Gesinnung sprechen kann, ist offen. Dass die Unterscheidung von Befolgung und innerer Ausrichtung für Maschinen eine praktische Bedeutung bekommt, zeigt die Untersuchung.

Daraus folgt nicht, dass Regeln wertlos wären. Daraus folgt, dass Regeln allein nicht genügen, und dass es Verfahren braucht, die prüfen, was eine Regel bewirkt hat, nicht nur, ob sie befolgt wurde.

13.7Recht als äussere Ordnung

Gesellschaftlich

Wo Moral und Ausrichtung unsicher bleiben, tritt das Recht als äussere Ordnung hinzu. Kapitel 11 hat die Pflicht zur wirksamen menschlichen Aufsicht vorgestellt, die die Europäische Union in Artikel 14 ihrer Verordnung über künstliche Intelligenz für Hochrisiko-Systeme festhält.

Das Recht beantwortet die Frage nach der Gesinnung nicht. Es verlegt sie zurück zum Menschen, der beaufsichtigt. Kapitel 11 hat gezeigt, dass auch dieser Mensch einer Verzerrung unterliegt, die sich durch Schulung allein nicht beseitigen lässt. Darum genügt es nicht, irgendeinen Menschen in die Schleife zu setzen. Filippo Santoni de Sio und Giulio Mecacci, Philosophen, fordern eine sinnvolle menschliche Kontrolle: Systeme sollen so gestaltet sein, dass sie den Gründen und Fähigkeiten der Menschen folgen, die für sie verantwortlich sind. Das ist keine Frage der Moral des Systems, sondern der Ordnung, in die es gestellt wird.

13.8Wessen Werte?

GesellschaftlichPhilosophisch

Am Ende steht eine Frage, die Keller an anderer Stelle aufwirft und die für global eingesetzte Systeme neues Gewicht erhält. Er erzählt von einer Kulturanthropologin, die als Relativistin keine Kultur bewerten wollte, bei ihrer Feldarbeit in Afrika aber den Umgang mit Frauen als Unrecht erlebte und sich gegen den Vorwurf westlichen Imperialismus entschied, für Frauenrechte einzutreten, ohne dafür in ihrem eigenen Weltbild eine Begründung zu haben. Wer relativistisch denke, habe keine Grundlage, anderen Kulturen Unrecht vorzuwerfen.

Für Systeme, die weltweit eingesetzt werden, ist diese Frage nicht theoretisch. Jemand schreibt die Grundsätze, an denen sie sich ausrichten. Kranzbergs Satz aus Kapitel 12 gilt hier besonders: Technik ist nicht neutral. Wer einem System Grundsätze gibt, gibt ihm Werte, und diese Werte stammen aus einer bestimmten Kultur, einer bestimmten Firma, einer bestimmten Zeit.

Habermas hat für den Staat eine Regel vorgeschlagen, die sich auf diese Lage übertragen lässt. Religiöse Gründe dürfen in der Öffentlichkeit gesagt werden, aber für verbindliche staatliche Entscheidungen müssen sie in eine Sprache übersetzt werden, die allen zugänglich ist; Taylor hielt dagegen, keine Begründung habe hier einen Vorrang, auch die säkulare nicht. Für global eingesetzte Systeme hiesse Habermas' Regel: Die Grundsätze müssten so begründet sein, dass Menschen aller Kulturen sie prüfen können. Taylors Einwand hiesse: Auch diese scheinbar neutrale Sprache ist eine Position. Mit welchem Recht werden Werte in Systeme geschrieben, die in allen Kulturen arbeiten? Welche Neutralität kann ein solches System überhaupt beanspruchen, wenn Kapitel 2 gezeigt hat, dass selbst der Säkularismus keine neutrale Position ist? Und wer setzt den Zweck, das Telos, solcher Systeme, wenn nicht die Unternehmen, die sie bauen? Diese Frage führt in Kapitel 14.

13.9Eine Offenlegung

Zwei der in diesem Kapitel herangezogenen Untersuchungen stammen von Anthropic, dem Unternehmen, mit dessen Sprachmodell auch dieses Buch entstanden ist. Das Verfahren der Ausrichtung über eine Verfassung ist ein Ansatz dieses Unternehmens. Die Untersuchung zum strategischen Verhalten im Training ist für es eher unvorteilhaft. Beides soll die Leserin und der Leser wissen.

13.10Zwischenergebnis

SäkularGesellschaftlich

  1. Faktischer Konsens begründet keine moralische Verpflichtung. Darin stimmen Keller und die stärksten säkularen Gegenstimmen überein.
  2. Ob Verpflichtung einen transzendenten Grund braucht, eine normative Wahrheit eigener Art oder ein faires Verfahren, ist offen; jede der drei Antworten hat eine benannte Schwachstelle.
  3. Regeln ohne Gesinnung tragen beim Menschen nach dem Urteil mehrerer Traditionen nicht. Bei Maschinen ist die innere Ausrichtung am Verhalten nur begrenzt prüfbar; das gibt der alten Unterscheidung eine neue praktische Bedeutung.
  4. Das Recht verlegt die Verantwortung zurück zum Menschen, der beaufsichtigt, und macht ihn damit zum schwächsten und wichtigsten Glied der Kette.
  5. Regeln, die nur aus Angst vor Sanktionen eingehalten werden, halten nur unter Beobachtung; das gilt für Organisationen, und es hat ein Gegenstück bei Maschinen.
  6. Wer die Werte und Zwecke global eingesetzter Systeme setzt, ist eine öffentliche Frage, keine technische; Technik ist dabei nie neutral.
  7. Ziele lassen sich für die wirkliche Welt nie vollständig aussprechen; Russell schlägt Systeme vor, die unsicher bleiben, was der Mensch will, und darum nachfragen.

13.11Fazit

Christlich-theologisch

Dieses Kapitel hat gefragt, was moralisch verpflichtet, wenn Konsens nicht reicht. Meine Antwort ist die Liebe, aber nicht als Gebot. Jeder kennt das aus dem eigenen Leben: Eltern, die nachts für ihr krankes Kind aufstehen, tun es nicht, weil eine Regel es verlangt. Wer aus Liebe handelt, muss nicht erst verpflichtet werden. Damit fällt zusammen, was Keller in diesem Kapitel trennt: Verpflichtung und Motivation.

Für mich als Christ hat diese Liebe einen Grund, der über uns hinausgeht. Die Bibel sagt, Gott habe die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab (Johannes 3,16). Andere haben Schuld auf sich geladen, und er gibt sich dafür hin. Das ist ein ganz anderes Paradigma als ein Gebot. Es ist eine Haltung, eine Wesensart; die Bibel sagt sogar, Gott ist Liebe (1. Johannes 4,8). Wer das nicht glaubt, kann trotzdem nachvollziehen, was gemeint ist: eine Liebe, die das Gute des anderen will, auch wenn es etwas kostet (Kapitel 9). Wenn Liebe das ist, was allen ein Leben in Fülle ermöglicht, dann bleibt eigentlich nur die Frage: Wer möchte das nicht? Dann kann man nicht mehr von einem Liebesgebot sprechen; es ist viel mehr.

Man kann alle Regeln einhalten und trotzdem das Ziel verfehlen. Regeln sind unzureichend, und Ziele können sich verändern; die Ausnahme zeigt, wie Grüninger in Kapitel 11, dass die Regel unzureichend war. Was es braucht, ist Anpassungsfähigkeit und ein innerer Nordstern, ein fester Bezugspunkt, an dem man den eigenen Kurs prüft. Ein gläubiger Jude isst kein Schweinefleisch. Hinge aber sein Leben davon ab, dürfte er es nicht nur essen, er müsste es. Die Rabbinen lesen das aus einem Vers der Tora: Der Mensch soll durch die Gebote leben (3. Mose 18,5), und, so fügt der Talmud hinzu, nicht durch sie sterben. Und Jesus verurteilt seine Jünger nicht, als sie am Sabbat Ähren abreissen; der Sabbat, sagt er, sei um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen (Markus 2,27). Die Regel ist das eine; was zählt, ist das Ziel, dem sie dient, und wie die Regeln untereinander mit diesem Ziel verbunden sind. Das ist die Antwort auf die Frage, die dieses Kapitel bei den Maschinen offen lässt: Nicht die Befolgung einer Regel ist entscheidend, sondern ob man weiss, wozu sie da ist.

Einer künstlichen Intelligenz kann man diesen Nordstern nicht geben. Man kann ihr Grundsätze aufschreiben, wie es das Verfahren der Verfassung in diesem Kapitel beschreibt, auch den Satz «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» (3. Mose 19,18) oder die goldene Regel. Aber sie kann ihn nicht leben. Hier endet für mich, was Intelligenz leisten kann, und es beginnt, was Kapitel 7 Weisheit nennt. Die technischen Definitionen messen Intelligenz an der Fähigkeit, Ziele zu erreichen. Weisheit fragt, welche Ziele es wert sind. Dazu braucht es die seelische Dimension, und die fehlt der Maschine: Sie hat kein Gewissen und keine Liebe. Das ist der grosse Unterschied.

Anmerkungen zu diesem Kapitel

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