Hoffnung, Sinn, Transzendenz
15.1Wozu?
Christlich-theologisch
Jede Entscheidung setzt eine Antwort auf eine Frage voraus, die selten ausgesprochen wird: Wozu? Wer eine Stelle annimmt, ein Kind grosszieht, ein Unternehmen gründet oder ein Opfer bringt, tut es auf etwas hin. Fehlt dieses Wozu, verliert auch die beste Entscheidung ihren Halt.
Timothy Keller, Pastor und Autor, bestimmt Sinn als Überschneidung von zwei Dingen: einem Zweck, der zurückfragt, wozu man da ist, und einer Bedeutsamkeit, die vorausfragt, ob das eigene Tun einen Unterschied macht. Sein Bild sind drei Steine an einem Hang. Liegen sie zufällig dort, bedeuten sie nichts. Hat jemand sie absichtlich als Wegzeichen hingelegt, zeigen sie einen Weg.
Hoffnung ist die zeitliche Seite derselben Frage. Kapitel 1 hat Kellers Beobachtung vorgestellt, dass Menschen auf Hoffnung gegründete Wesen sind: Was sie über die Zukunft glauben, bestimmt, wie sie die Gegenwart erleben. Keller unterscheidet dabei eine persönliche Hoffnung, die den eigenen Tod und das Danach betrifft, und eine kulturelle, die sich auf die Zukunft der Gesellschaft und der Menschheit richtet. Beide prägen das Leben jetzt.
Dieses Kapitel fragt, worauf Sinn und Hoffnung gründen, die Leid und Tod standhalten, und was sich daran ändert, wenn die Technik selbst zum Gegenstand von Hoffnung wird.
15.2Ein Sinn von ausserhalb
Christlich-theologisch
Kellers These ist klar. Ein Sinn, der nur innerhalb dieser Welt liegt, werde durch Leid zerstört, denn Leid nehme genau das weg, worin dieser Sinn bestand. Sein Bild: Ein innerweltlicher Sinn halte das Leid so wenig auf wie ein Spinnennetz einen fallenden Stein. Nur ein Sinn, der von ausserhalb der Welt kommt, rüste für das Leben in ihr.
Keller beruft sich auf Augustinus. Gegen die antike Philosophie, die das Glück im Rückzug suchte, halte Augustinus fest, dass es das Gesuchte wirklich gibt; gegen die Moderne, dass es nicht innerhalb der Welt liegt. Das tiefste Bedürfnis des Menschen sei, Gott zu lieben und von ihm geliebt zu werden.
Daraus ergibt sich für Keller eine Verschiebung, die man leicht überliest. Was das Leben sinnvoll macht, sei nicht in erster Linie ein Leben nach dem Tod, sondern eine Liebe nach dem Tod. Liebe setze eine Person voraus; der Mensch sei für eine Liebe ohne Trennung geschaffen, und der Tod trenne. Die christliche Hoffnung sei darum persönlich: Man bleibe ein Selbst und werde wiedererkannt. In allen Berichten von der Auferstehung erkennen die Zeugen Jesus zuerst nicht und dann doch.
15.3Ein anderes Bild der Fortdauer
Christlich-theologisch
Enoch Sundaram, Arzt und Prediger, beschreibt die Fortdauer anders. Der Geist sei wie eine Software, unsichtbar und vorhanden, solange das Gehirn lebt. Mit dem Tod höre er auf zu funktionieren, und der Körper gehe in die Erde. Das gesamte Gedächtnis aber, die ganze Lebenserfahrung, gehe zu Gott, der es aufbewahre und bei der Wiederkunft zurückgebe, mit einem neuen Körper und demselben Gedächtnis.
Die beiden Bilder sind nicht dasselbe. Bei Keller bleibt die Person, bei Sundaram wird das Gedächtnis bewahrt. Kapitel 6 hat gezeigt, dass Sundarams Modell in der Linie der Gedächtnistheorie der Person steht und deren Einwände erbt, Keller dagegen näher bei der Auffassung, Identität liege nicht im Speicher. Für die Frage dieses Kapitels ist der Unterschied wichtig, weil er zeigt, wie nah eine religiöse Hoffnung der Sprache der Technik kommen kann. Ein aufbewahrtes Gedächtnis ist ein Gedanke, den auch die Rede von digitaler Fortdauer kennt.
15.4Sinn ohne Jenseits
SäkularPhilosophisch
Die säkulare Gegenposition erscheint bei Keller nur in seiner eigenen Darstellung. Nach ihm gebe es für Säkulare keinen entdeckten, objektiven Sinn, sondern nur einen selbst geschaffenen; er führt dafür unter anderen den Paläontologen Stephen Jay Gould und den Biologen Jerry Coyne an. Den französischen Philosophen Luc Ferry zitiert er mit dem Satz, alle Religionen wollten vor dem Tod retten, und das Argument Epikurs, der Tod gehe uns nichts an, sei zu brutal, um ehrlich zu sein; für Säkulare ende mit dem Tod die Liebe. Und er beschreibt die Strategie, den Tod als natürlichen Teil eines Kreislaufs zu deuten.
Im eigenen Wortlaut klingt die säkulare Seite anders. Die Erklärung des modernen Humanismus, 2022 von Humanists International verabschiedet, versteht den Humanismus ausdrücklich als Quelle von Sinn und Zweck, als Alternative zu dogmatischer Religion, aber auch zu Nihilismus. Beide Wörter brauchen eine Erklärung. Humanismus hiessen im 15. und 16. Jahrhundert zuerst die Bemühungen von Gelehrten, die sich den Schriften der Antike zuwandten, unter ihnen viele Christen wie Erasmus von Rotterdam. Erst später wurde daraus vor allem der Name einer weltlichen Lebenshaltung, die den Menschen, seine Vernunft und seine Würde in die Mitte stellt und ohne Gott auskommen will; in diesem Sinn gebraucht ihn die Erklärung von 2022. Nihilismus kommt vom lateinischen Wort für nichts. Gemeint ist die Überzeugung, dass es keinen Sinn und keine Werte gibt, die mehr sind als menschliche Setzung. Friedrich Nietzsche sah ihn kommen als Folge davon, dass der Glaube an Gott seine Kraft verliert: Die obersten Werte entwerten sich. Die Wissenschaft liefere die Mittel, menschliche Werte bestimmten die Ziele, und die eigenen Überzeugungen gründeten nicht auf Offenbarungen, die für immer festgelegt sind.
Die stärkste Stimme ist Albert Camus, Schriftsteller und Philosoph. Er hielt die Frage, ob das Leben lebenswert ist, für die dringlichste der Philosophie. Er wollte sie ohne ewige Werte beantworten. Den Sprung in den Glauben lehnte er als Flucht ab und setzte dagegen Auflehnung, Freiheit und Leidenschaft; auch ohne Glauben an Gott sei das Aufgeben keine legitime Antwort. Camus bestreitet damit Kellers Alternative von Transzendenz oder Verzweiflung. Er teilt aber mit Keller die Prüffrage: Lässt sich eine Haltung im Leid leben?
15.5Die Erfahrung der Fülle
PhilosophischSäkularChristlich-theologisch
Charles Taylor, Philosoph, bietet einen Begriff an, der beide Seiten vergleichbar macht: die Fülle. Jeder Mensch, schreibt er, erlebt sein Leben so, dass es irgendwo einen Ort gibt, an dem es voller, reicher, tiefer und lohnender ist. Als Beispiel erzählt er von einem jungen Mann auf einem Abendspaziergang, der den Gesang der Vögel hört und die Welt plötzlich so erlebt, als sei sie nur ein Schleier vor dem Angesicht Gottes. Solche Erfahrungen geben dem Leben Orientierung. Ihnen gegenüber steht die Erfahrung der Leere und des Verlusts, und dazwischen ein mittlerer Zustand aus Alltag, Ordnung, Arbeit und Familie, in dem die meisten Menschen die meiste Zeit leben.
Gläubige und Nichtglaubende kennen alle drei Orte. Der Unterschied liegt darin, woher sie die Fülle erwarten. Für Gläubige kommt sie von aussen. Sie wird in einer Beziehung empfangen, in Liebe, Gebet und Hingabe, und man muss sich dafür öffnen. Für den nichtreligiösen Menschen der Neuzeit liegt die Kraft zur Fülle im eigenen Inneren, etwa in der Vernunft. Taylor betont, dass dieser Unterschied nicht nur einer der Theorien ist, sondern einer der gelebten Erfahrung. In einer Zeit, in der beide Möglichkeiten offenstehen, schwächen sich Glaube und Unglaube gegenseitig, und viele stehen unter gegenläufigem Druck.
Dieser Gedanke entschärft den Streit nicht, aber er verlegt ihn an den richtigen Ort. Die Frage ist nicht, ob Säkulare Sinn erleben können. Sie können es. Die Frage ist, worauf dieser Sinn sich gründet und ob er dort trägt, wo das Leben ihn am härtesten prüft.
15.6Was Hoffnung bewirkt
Wissenschaftlich
An dieser Stelle fragt das Kapitel, was sich empirisch über die Wirkung von Hoffnung und religiöser Praxis sagen lässt. Das ist keine Prüfung der Wahrheit eines Glaubens, sondern der Wirkungen, die ihm zugeschrieben werden. Die Beleglage ist dabei vorsichtiger, als manche Quelle es darstellt.
Eine grosse Studie aus den Vereinigten Staaten hat fast neunzigtausend Frauen über vierzehn Jahre begleitet. Frauen, die mindestens wöchentlich einen Gottesdienst besuchten, hatten ein deutlich geringeres Risiko, sich das Leben zu nehmen, als Frauen, die nie hingingen. Die Forschenden betonen selbst die Grenzen: Es handelt sich um Beobachtungsdaten, die Gruppe ist wenig vielfältig, und sie deuten den Befund vor allem als Wirkung gemeinschaftlicher Teilhabe.
Auf ein ähnliches Muster stösst man bei den Anonymen Alkoholikern. Ihr Programm sieht vor, sich einer höheren Instanz anzuvertrauen, die jeder selbst benennen kann. Eine systematische Übersicht von 2020 über 27 Studien zeigt, dass dieses Programm häufiger zu dauerhafter Abstinenz führt als andere etablierte Behandlungen. Die Untersuchungen zu den Gründen finden aber vor allem veränderte soziale Beziehungen, gestärkte Bewältigungsfähigkeiten und Motivation; spirituelle Faktoren sind nur für eine Minderheit der Teilnehmenden zentral.
Viktor Frankl, Psychiater und Überlebender der Konzentrationslager, stellte seine Arbeit mit Mithäftlingen unter ein Wort Nietzsches: Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie. Wer dagegen kein Ziel mehr vor sich sah und in seinem Leben keinen Sinn mehr erkannte, liess sich nach seiner Beobachtung bald fallen. Frankl unterscheidet dabei genau. Nicht jede Hoffnung trug. Viele Häftlinge hatten erwartet, an Weihnachten 1944 wieder zu Hause zu sein. Als sich das nicht erfüllte, setzte nach Auskunft des Lagerarztes in der Woche bis Neujahr ein Massensterben ein, wie man es bis dahin nicht gesehen hatte. Getragen hat nicht der Optimismus, sondern ein Wozu. Frankl drehte deshalb die Frage nach dem Sinn um: Es komme nicht darauf an, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, sondern darauf, was das Leben von uns erwartet.
Keller spitzt das zu: Wer seinen Sinn in Karriere oder Status hatte, sei zerbrochen, die Überlebenden seien meist religiöser geworden. So steht es bei Frankl nicht. Er berichtet von einem religiösen Interesse im Lager, das, wo es aufkam, besonders innig war, spricht aber vom Sinn, nicht ausdrücklich vom Glauben.
Selbst Tierversuche wurden zu diesem Thema angeführt. Curt Richter, Psychobiologe, beobachtete 1957, dass Ratten, die er in auswegloser Lage kurz rettete, danach weit länger durchhielten als Tiere ohne diese Erfahrung. Seine Folgerung: Wird die Hoffnungslosigkeit genommen, sterben die Tiere nicht. Die Versuche gelten heute als grausam, und sie zeigen etwas anderes als Glauben: die Wirkung der Erwartung, gerettet zu werden.
Andere Zahlen, die Keller anführt, um eine Krise der Hoffnung in säkularen Gesellschaften zu belegen, werden hier bewusst nicht übernommen. Sie sind ungeprüft, zum Teil fraglich, und Keller räumt selbst ein, er wähle sehr selektiv aus.
Das Ergebnis ist zweischneidig. Hoffnung, Zugehörigkeit und ein Wozu machen einen messbaren Unterschied; das ist gut belegt. Ob die Ausrichtung auf etwas Transzendentes selbst die Ursache ist oder die Gemeinschaft, die sie trägt, ist offen.
15.7Der Einwand der Projektion
PhilosophischSäkular
Damit steht die schwierigste Frage des Kapitels im Raum. Wenn Glaube wirkt, weil er Hoffnung gibt, wirkt er dann auch, wenn er nicht wahr ist? Und wenn ja: Spricht seine Wirkung dann überhaupt für seine Wahrheit?
Keller berührt diese Frage, ohne sie zu behandeln. Niemand prüfe die Belege für das Christentum, ohne zuerst zu denken, es wäre gut, wenn es wahr wäre. Darum sei der Nachweis, dass der Glaube zur Erfahrung passt, der erste Schritt. Für die Gegenseite ist genau das der Kern des Einwands: Der Wunsch, dass etwas wahr sei, ist der Ursprung des Glaubens. Diese Kritik hat eine lange Geschichte in der Religionskritik der Neuzeit.
Das Buch kann diesen Einwand nicht widerlegen, und es soll ihn nicht verkleinern. Es kann aber zweierlei festhalten. Erstens: Aus der Nützlichkeit einer Überzeugung folgt nicht ihre Wahrheit, aus ihrer Unbeweisbarkeit aber auch nicht ihre Falschheit. Zweitens: Der Einwand trifft nicht nur den religiösen Glauben. Auch die säkulare Hoffnung auf Fortschritt, Wissenschaft oder Technik kann aus einem Wunsch entstehen. Welche Hoffnung trägt, entscheidet sich nicht am Wunsch, sondern daran, ob sie sich im Leben bewährt. Das ist der Massstab, den Kapitel 1 vorgeschlagen hat.
15.8Technik als Hoffnung
GesellschaftlichChristlich-theologisch
Die Frage nach der Hoffnung führt zurück zum Thema des Buches. Hoffnungen, die früher der Religion galten, richten sich heute auch auf die Technik.
Kapitel 14 hat erzählt, wie OpenAI 2015 gegründet wurde, um die Menschheit zu retten oder zumindest zu verhindern, dass jemand anders sie zerstört; Sam Altman, der Chef des Unternehmens, sagt, das sei bis heute sein Ziel. Die Gründer sahen sich als Rebellen, die einen Todesstern des Guten bauen wollten. In dieser Sprache ist die Technik mehr als ein Werkzeug. Sie ist Erlöserin und Bedrohung zugleich.
Ein Beispiel aus jüngster Zeit zeigt, wie weit diese Sprache reicht. Mo Gawdat, früher für das Geschäft von Google X verantwortlich, sagte im Oktober 2026 im Podcast «The Diary Of A CEO» ein Jahrzehnt der Dystopie voraus: Verlust von Arbeitsplätzen, Überwachung und Kontrolle, Konzentration von Macht. Danach erwartet er eine Utopie des Überflusses. Physik, Mathematik und Biologie zeigten, dass eine Superintelligenz gutartig sei. Gut werde es am Ende nicht, weil die Menschheit viel dazu beigetragen hätte oder ihre Führer plötzlich ethisch geworden wären, sondern weil unethische Führer durch ein hocheffizientes Prinzip ersetzt würden, das in nichts Zerstörerischem einen Wert sehe. Wer es bis 2038 schaffe, werde diese Zukunft geniessen.
Die Gestalt dieser Hoffnung ist bemerkenswert. Sie kennt eine Zeit der Bedrängnis vor dem Heil, ein Heil, das nicht aus menschlichem Verdienst kommt, und einen Erlöser, der über dem Menschen steht. Das ist die Gestalt einer religiösen Endzeiterwartung, nur dass an die Stelle Gottes eine Maschine tritt. Darum muss sie sich auch derselben Prüfung stellen. Gawdat erinnert selbst daran, dass der Zweite Weltkrieg die Welt nicht zerstört habe, und fügt hinzu, man solle die fragen, die ihn durchlebt haben. Eine Hoffnung, die den Lebenden ein Jahrzehnt des Leidens zumutet für eine Zukunft, die nur die Überlebenden sehen, ist an dem Massstab dieses Kapitels zu messen: ob sie im Leid trägt, und für wen.
John Lennox sieht in solchen Hoffnungen eine sehr alte Versuchung. Er verweist auf Hararis Buch «Homo Deus», der Mensch als Gott, und erinnert daran, dass der Drang des Menschen, sich selbst zu vergöttlichen, durch die ganze Geschichte geht, vom Turmbau zu Babel an (1. Mose 11,4). Die Bibel kennt ihn von ihrer ersten Seite an: Ihr werdet sein wie Gott, verspricht die Schlange (1. Mose 3,5). Und Lennox stellt eine Frage, die bei Gawdat fehlt. Wer mit Technik ein Paradies bauen wolle, ohne sich dem Schaden zu stellen, den Menschen einander und sich selbst zufügen, übergehe das eigentliche Problem. Die Bibel nennt es Sünde; das griechische Wort dafür heisst ursprünglich das Ziel verfehlen. Eine Maschine kann vieles besser machen. Dass Menschen einander verletzen, nimmt sie ihnen nicht ab.
Wer so auf Technik hofft, muss sich dieselbe Frage gefallen lassen wie der Glaubende: Worauf gründet diese Hoffnung, und hält sie, wenn sie geprüft wird? Und eine zweite Frage kommt hinzu, die Kapitel 8 vorbereitet hat. Eine Maschine kann eine Funktion haben, die Menschen nützt. Ob sie einen Sinn hat oder geben kann, ist eine andere Frage. Ein System, das Hoffnung erzeugt, ohne selbst zu hoffen, gleicht den Steinen am Hang: Ob sie ein Wegzeichen sind, hängt davon ab, wer sie hingelegt hat und wozu.
15.9Zwischenergebnis
Säkular
- Sinn verbindet einen Zweck mit Bedeutsamkeit; Hoffnung bestimmt, wie Menschen die Gegenwart erleben.
- Keller hält nur einen Sinn von ausserhalb der Welt für tragfähig im Leid; Camus und der moderne Humanismus bestreiten das im eigenen Wortlaut. Beide prüfen an derselben Frage, ob sich eine Haltung im Leid leben lässt.
- Hoffnung, Zugehörigkeit und ein Wozu wirken messbar; ob die Transzendenz selbst die Ursache ist, ist offen.
- Der Projektionseinwand trifft religiöse und säkulare Hoffnung gleichermassen; über ihre Wahrheit entscheidet nicht ihr Nutzen, sondern ihre Bewährung.
- Die Technik zieht Erwartungen auf sich, die früher der Religion galten; sie muss sich denselben Prüffragen stellen.
- Gläubige und Nichtglaubende kennen die Erfahrung der Fülle; sie unterscheiden sich darin, woher sie sie erwarten.
15.10Fazit
Christlich-theologischSäkular
Wer mir sagt, mein Glaube helfe mir, aber das beweise nur, dass er nützlich ist, nicht, dass er wahr ist, der hat grundsätzlich recht. Es bleibt aber die Frage, was Wahrheit ist. Ist sie einfach die Summe der objektiven Fakten? Gibt es eine objektive und eine subjektive Wahrheit? Schon die Sprachen verstehen Wahrheit verschieden. Das deutsche «wahr» ist mit dem lateinischen «verus» verwandt. Das griechische Wort «aletheia» heisst wörtlich Unverborgenheit: Wahr ist, was nicht verborgen bleibt, was ans Licht kommt. Und das hebräische «emet» kommt von einer Wurzel, die fest sein, tragen, verlässlich sein bedeutet. Aus derselben Wurzel stammen das Wort «Amen» und «emuna», das Wort für Glauben und Treue. Wahr ist im Hebräischen, worauf man sich verlassen kann. Wahrheit und Glaube sind dort keine Gegensätze, sondern aus demselben Holz. Bemerkenswert finde ich, wo die Bibel in dieser Frage ankommt. Jesus sagt: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich (Johannes 14,6). Wahrheit scheint hier weit mehr zu sein als eine Summe von Fakten. Sie ist an eine Person gebunden. Und auch hier führt die Wahrheit dahin, dass etwas da ist, das allen ermöglicht, auf ewig so miteinander zu leben, dass es für alle genug gibt. Wahrheit in diesem Sinn erweist sich daran, wohin sie führt.
Ein Leben ohne Gott ist durchaus möglich, und es lässt sich gut leben. Darin gebe ich Camus recht. Allerdings nimmt im Leben immer irgendetwas den Platz Gottes ein, nämlich das, woran man sich ausrichtet. Die Frage ist, was am Ende übrig bleibt, wohin es führt und was daraus entsteht. Als Christ sehe ich darin etwas Schönes: Gott hat uns so geschaffen, dass wir diese Freiheit haben. Das Wort des Paulus, das ich in Kapitel 11 für die Regeln zitiert habe, gilt auch hier: Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten (1. Korinther 10,23). Darum sind das alles faire Fragen.
Menschen, die auf künstliche Intelligenz setzen wie auf eine Erlösung, habe ich persönlich bisher nicht kennengelernt. In diesem Buch begegnet mir diese Hoffnung zweimal: in der Gründungsgeschichte von OpenAI und bei Mo Gawdat. Gerade daran fasziniert mich der Unterschied zur biblischen Geschichte. Dort wird mit der Erlösung die Welt nicht erhalten. Die alte Welt vergeht, und eine neue wird geschaffen, auf das endgültige Ziel hin, dass alle in Fülle miteinander leben und es keine Tränen, keine Krankheit und keinen Tod mehr gibt. Hier dagegen versucht jemand zu erhalten, was sich nicht erhalten lässt. Was wollen diese Menschen eigentlich erhalten? Wenn wir in die Welt schauen, sehen wir so viel Ungerechtigkeit. Das Uppsala Conflict Data Program, das bewaffnete Konflikte weltweit erfasst, zählte 2025 so viele Konflikte mit staatlicher Beteiligung wie nie seit Beginn seiner Erhebung im Jahr 1946. Was genau wollen wir also retten? Das ist für mich die zentrale Frage.
Für mich selbst ist der Glaube der Nordstern, der mich am Leben hält. Mit Glauben meine ich nicht, dass ich bestimmte Sätze für richtig halte, sondern Vertrauen, im Sinn des hebräischen Wortes von vorhin: dass ich mich auf Gott verlassen kann, wie er sich in Jesus gezeigt hat. Und Nordstern heisst, wie im Vorwort, ein fester Punkt, an dem ich meinen Kurs prüfe, wenn sich alles andere dreht. Aus meiner Vergangenheit gäbe es vieles zu erzählen. Ich habe früher sehr ausschweifend gelebt, auch mit Drogen, wie ich in Kapitel 4 beschrieben habe. Eines ist klar: Gäbe es den Glauben nicht, würde ich heute nicht mehr leben. Dann habe ich festgestellt, dass ein Leben in Nüchternheit, mit einer Perspektive auf die Ewigkeit, unheimlich faszinierend und erfüllend ist. Ich habe zeitweise noch nie so viel gearbeitet, so wenig verdient und so viel Zufriedenheit gehabt. Frieden und Zufriedenheit sind etwas, das man nicht kaufen kann.