Teil II · Der Mensch

Kapitel 5

Gewissen, Vernunft, Wille

Fassung v1.0.5 · Oktober 2026

Kapitel 5 von 16
Inhalt dieses Kapitels

Gewissen, Vernunft, Wille

5.1Wer prüft, bevor wir handeln?

Philosophisch

Jede Entscheidung hat eine Vorgeschichte. Bevor jemand einen Vertrag unterschreibt, eine Stelle besetzt oder einem Menschen etwas Schweres sagt, hat er abgewogen, gezögert, sich etwas vorgestellt, vielleicht ein ungutes Gefühl übergangen. Lange war diese Vorgeschichte ganz im Menschen verborgen. Heute wird ein Teil davon ausgelagert: Systeme sortieren Optionen, schätzen Wahrscheinlichkeiten, formulieren Empfehlungen. Damit wird eine alte Frage dringlicher, als sie es je war. Welche Instanz im Menschen prüft eine Entscheidung, bevor er handelt, und wie verlässlich ist sie?

Drei Kandidaten stehen seit jeher bereit: das Gewissen, die Vernunft und das Gefühl. Über allen dreien steht der Wille, der am Ende wählt. Dieses Kapitel fragt nach allen vier. Es beginnt beim Gewissen, weil die Quellen dieses Buches dort am deutlichsten auseinandergehen, und zwar nicht zwischen gläubigen und säkularen Stimmen, sondern innerhalb des Christentums selbst. Es fragt dann nach der Vernunft und ihren Grenzen, danach nach dem Gefühl, und es prüft, was die Forschung über das Zusammenspiel von Gefühl und Vernunft weiss. Am Ende steht der Wille und die Frage, was sich an alledem ändert, wenn Maschinen Entscheidungen vorbereiten.

Schon die Wörter sagen etwas über diese Kräfte. «Gewissen» ist eine Lehnübersetzung: Das althochdeutsche «giwizzani» gibt das lateinische «conscientia» wieder, und dieses das griechische «syneidesis». Alle drei heissen wörtlich Mit-Wissen. Das Gewissen ist ein Wissen, das man mit sich selbst teilt, und für Gläubige eines, das man mit Gott teilt. In St. Gallen schrieb der Mönch Notker um das Jahr 1000 in seinem lateinischen Psalmenkommentar von etwas, das das Gewissen beisst. Ein Mönch, dessen Namen wir nicht kennen, übertrug die Stelle ins Althochdeutsche: «das mich beisst in meinem Gewissen». Das Hebräische hat dafür kein eigenes Wort. Es sagt «Herz»: Als David Saul verschonte und ihm nur einen Zipfel seines Mantels abschnitt, «schlug ihm sein Herz» (1. Samuel 24,6). «Vernunft» kommt von «vernehmen», ursprünglich erfassen, wahrnehmen. Die Vernunft hört also zuerst hin, bevor sie urteilt. Das lateinische «ratio» dagegen hängt mit dem Rechnen zusammen. Eine Maschine rechnet ausgezeichnet; ob sie vernimmt, ist eine andere Frage. Und «Wille» ist mit «wollen» verwandt: Er ist die Kraft, die am Ende etwas will und dafür einsteht.

5.2Das Gewissen, das nicht rechtfertigt

Christlich-theologischGesellschaftlich

Timothy Keller, Pastor und Autor in New York, greift auf einen Satz des Apostels Paulus zurück. Paulus schreibt den Korinthern, das Urteil anderer zähle für ihn nicht, er richte sich auch nicht selbst; er wisse sich keiner Schuld bewusst, aber dadurch sei er noch nicht gerechtfertigt. Richter sei der Herr (1. Korinther 4,3 bis 4). Keller zieht daraus eine scharfe Folgerung: Wer sich selbst zur letzten Instanz über das eigene Tun macht, kann zum Ungeheuer werden. Sein Beispiel ist drastisch. Hitler, so Keller, hatte vermutlich kein Problem mit seinem Gewissen.

Der Gedanke ist einfach und unbequem. Ein ruhiges Gewissen beweist nichts. Es zeigt nur, dass jemand mit sich im Reinen ist, nicht, dass er im Recht ist. Keller belegt das an einem zweiten, historischen Fall. Christen in den amerikanischen Südstaaten verteidigten die Sklaverei, obwohl Christen in Europa ihnen längst gezeigt hatten, dass sie falsch war. Sie wollten es nicht sehen, weil ihr Wohlstand daran hing. Kultur, sagt Keller, mache blind.

Bemerkenswert ist, was Keller aus dieser Blindheit nicht folgert. Er folgert nicht, dass man auf das Gewissen verzichten könne. Er folgert, dass es eine Instanz ausserhalb des eigenen Urteils braucht, an der sich das Gewissen messen lässt. Für ihn ist das die Schrift, über deren Auslegung man streiten kann, die aber allen Beteiligten gemeinsam ist. Das Gewissen ist bei Keller kein Richter, sondern ein Zeuge, und Zeugen können irren.

Die Blindheit, von der Keller spricht, ist keine Eigenheit vergangener Zeiten. Sie betrifft jede Gemeinschaft, die von einer Praxis profitiert, und sie betrifft Organisationen ebenso wie Einzelne. Wer in einem Unternehmen eine Entscheidung verantwortet, deren Nutzen er selbst geniesst, hat ein Gewissen, das in dieselbe Richtung zieht wie sein Interesse. Kellers Warnung zielt genau auf diesen Fall: Gerade dann, wenn das Gewissen ruhig ist, lohnt sich die Frage, woran es sich misst.

5.3Das Gewissen als Empfangsorgan

Christlich-theologisch

Enoch Sundaram, Arzt und Prediger, beginnt an derselben Stelle und kommt zu einem anderen Bild. Für ihn reicht die Vernunft allein nicht aus, um gute Entscheidungen zu treffen. Darum habe Gott dem Menschen das Gewissen gegeben, ein geistiges Vermögen, durch das Gott zum Menschen spricht, vergleichbar einem sechsten Sinn, der «signals from heaven» empfängt.

Auch Sundaram weiss, dass das Gewissen falsch liegen kann. Das Gewissen könne schlecht sein, wie bei Paulus vor seiner Bekehrung; Jesus habe es dann direkt aktualisiert. Sundaram greift zu einem Bild aus der Gegenwart: Das Gewissen müsse aktualisiert werden wie die Software eines Telefons, und viele Christen liefen mit einer veralteten Version. Die Aktualisierung geschieht am Wort Gottes. Das Gewissen spricht vor einer Entscheidung, indem es eine Überzeugung ins Bewusstsein bringt, und nach einem Fehler durch Schuld.

Ein Satz Sundarams verdient besondere Aufmerksamkeit, weil er für das Thema dieses Buches zentral ist. Gott, sagt er, wohne nicht im bewussten Verstand und greife deshalb nicht in den Willen ein; er helfe aber dem Denken, indem er durch das Gewissen spreche. Das Gewissen ist in diesem Modell ein Kanal, der Wille bleibt frei. Wer entscheidet, ist der Mensch.

Sundaram kennt auch die Gegenrichtung. Wenn Gott nicht im Inneren wohne, herrsche dort ein anderer, und dieser komme nicht durch die Vordertür des Bewusstseins, sondern durch eine Hintertür; bestimmte Praktiken, sagt er, umgingen das Bewusstsein. Man muss Sundarams theologisches Urteil über diese Praktiken nicht teilen, um den Kern seiner Unterscheidung zu sehen: Einfluss, der das Bewusstsein anspricht, lässt die Wahl frei; Einfluss, der es umgeht, nicht. Diese Unterscheidung ist in Kapitel 4 schon angeklungen und wird in Kapitel 13 wichtig, wenn es um Systeme geht, die Menschen unterhalb ihrer Aufmerksamkeit beeinflussen können.

Zwei Vorbehalte gehören hierher. Sundarams Vorträge liegen als automatische Transkripte gedolmetschter Live-Veranstaltungen vor; massgeblich ist der englische Wortlaut, die deutsche Verdolmetschung verwechselt mitunter «mental» und «spiritual». Und das Softwarebild ist mehr als eine Illustration. Es setzt voraus, dass der Mensch ein programmierbares Wesen ist. Darauf ist Kapitel 4 eingegangen; hier genügt die Feststellung, dass Sundaram mit dieser Metapher eine Brücke zur Sprache der Technik schlägt, die er vermutlich nicht beabsichtigt.

5.4Gewissen zuerst

Christlich-theologisch

Eine dritte christliche Stimme verschiebt das Gewicht noch einmal. John Henry Newman, Theologe und Kardinal, verteidigte 1875 die englischen Katholiken gegen den Vorwurf, sie seien dem Papst hörig und darum schlechte Bürger. Am Ende seines Briefes an den Herzog von Norfolk steht ein berühmt gewordener Trinkspruch: Wenn er schon Religion in einen Toast nach dem Essen bringen müsse, dann trinke er auf den Papst, wenn man wolle, «still, to Conscience first, and to the Pope afterwards».

Newman meinte damit keine Erlaubnis, sich jeder Autorität zu entziehen. Er beschrieb das Gewissen als Stimme Gottes in Natur und Herz des Menschen, unterschieden von der Stimme der Offenbarung. Der Vorrang gilt dem gebildeten Gewissen. Gewissensfreiheit sei nicht das Recht, sich vom Gewissen zu dispensieren und von unsichtbaren Verpflichtungen unabhängig zu sein. Newmans Text gilt in katholischer Darstellung als eine Grundlage der späteren kirchlichen Lehre vom Gewissen.

Newmans Position ist kühner, als sie klingt. Sie sagt nicht nur, dass das Gewissen wichtig ist, sondern dass es im Konfliktfall vor der Autorität steht, der man sonst folgt. Und sie verlangt zugleich, dass dieses Gewissen nicht einfach Gefühl oder Neigung ist, sondern geformt, geprüft und ernst genommen. Wer sich auf sein Gewissen beruft, um sich einer Pflicht zu entziehen, beruft sich nach Newman auf etwas anderes.

5.5Was die drei verbindet und was sie trennt

Christlich-theologisch

Auf den ersten Blick stehen hier drei Positionen gegeneinander: Keller misstraut dem Gewissen, Sundaram hört in ihm Gott, Newman stellt es vor jede äussere Autorität. Bei genauerem Hinsehen streiten die drei nicht darüber, ob das Gewissen autonom oder korrigierbar ist. Alle drei halten es für korrigierbar. Keller bindet es an die Schrift, Sundaram an das Wort Gottes, Newman an die Bildung. Und alle drei halten es für verbindlich: Auch Keller fordert nicht, gegen das Gewissen zu handeln, sondern es zu prüfen.

Der Streit liegt woanders, nämlich im Verhältnis von Verbindlichkeit und Bildung. Wie viel Gewicht hat das Gewissen, solange es noch nicht gebildet ist? Wer entscheidet, wann es gebildet genug ist? Und was unterscheidet die Korrektur eines Gewissens von seiner Manipulation? Keller beantwortet die erste Frage vorsichtig, Newman mutig, Sundaram mit einem Verfahren. Keiner beantwortet die dritte Frage vollständig. Sundarams Unterscheidung zwischen Einfluss durch die Vordertür und durch die Hintertür ist ein Ansatz dazu, aber sie ist an seine Theologie gebunden.

Die drei Stimmen stammen aus verschiedenen christlichen Traditionen, einer presbyterianischen, einer adventistischen und einer katholischen. Eine «christliche Position zum Gewissen» gibt es in diesem Kapitel deshalb nicht. Es fehlt auch die säkulare Fassung der Gegenposition im eigenen Wortlaut. Die Tradition, die das Gewissen als inneren Gerichtshof der Vernunft versteht, und jene, die es als verinnerlichte Norm der Erziehung deutet, sind hier nur angedeutet. Wer das Gewissen als verinnerlichte Norm liest, wird die Rede von «Korrektur» ohnehin anders hören: nicht als Annäherung an Wahrheit, sondern als Umprägung.

5.6Was die Vernunft vermag

Christlich-theologisch

Die zweite Instanz ist die Vernunft. Keller billigt ihr viel zu, aber nicht alles. Wie Kapitel 1 gezeigt hat, ist rationale Gewissheit für ihn nie vollständig, lebenspraktische aber möglich: Bei einer Stellenbesetzung führt die Vernunft zu einer Wahrscheinlichkeit, erst die Erfahrung mit dem Menschen zur Gewissheit. Und kaum bewusste Hintergrundannahmen bestimmen mit, welche Argumente überhaupt überzeugen. Die Vernunft arbeitet nie auf leerem Grund.

Sundaram gibt der Vernunft auf den ersten Blick mehr Gewicht. Gott spreche mit dem Menschen durch das Denken; Entscheidungen folgten der Kette: Was man versteht, glaubt man, und was man glaubt, tut man. Zum Verstehen brauche es Vernunft. Zugleich zieht er ihr eine enge Grenze. Die Vernunft habe innerhalb des Wortes Gottes zu bleiben. Beobachtung könne irren, Inspiration irre nie.

Zwischen beiden liegt ein Unterschied, der grösser ist, als er zunächst scheint. Für Keller bleibt auch die Erkenntnis des Glaubens eine Sache der Wahrscheinlichkeit und des Vertrauens. Für Sundaram gibt es eine Quelle, die nicht irrt. Kapitel 1 hat diesen Gegensatz als Frage nach der Gewissheit eingeführt. Hier zeigt er seine praktische Seite: Wer eine irrtumsfreie Quelle hat, kann das Gewissen an ihr eichen. Wer nur Wahrscheinlichkeiten hat, muss mit einem Gewissen leben, das sich irren kann, und mit einer Vernunft, die das Irren nicht ausschliesst.

5.7Das Gefühl als Narr?

Beim Gefühl sind sich Keller und Sundaram näher, aber Sundaram ist deutlicher. Wer nach seinen Gefühlen entscheide, den mache das Gefühl zum Narren. Gefühle sollten nicht beherrschen und seien kein Kriterium für Entscheidungen; sie täuschten und böten keinen Schutz. Wo die Kraft zur Entscheidung geschwächt sei, und sie sei es bei allen, solle man den eigenen Gefühlen nicht trauen.

Sundaram belässt es nicht bei der Moral. Er gibt dem Gegensatz einen Ort im Gehirn: Der präfrontale Kortex sei für Entscheidungen aus Vernunft zuständig, ein anderes Zentrum, vermutlich die Amygdala, für Entscheidungen aus Gefühl, gedacht für schnelle Reaktionen bei Gefahr. Sein Beispiel ist die Schlange auf dem Weg. Man müsse den Geist darauf trainieren, aus Vernunft zu entscheiden.

Zugleich sagt Sundaram etwas, das seinem eigenen Modell eine überraschende Wendung gibt. Auf die Frage, wer einen Gedanken mit einem Gefühl verbindet, antwortet er gemeinsam mit seinem Publikum: Das sei die eigene Entscheidung. Gefühle sind bei ihm also nicht einfach Gegner der Vernunft. Sie sind formbar, und zwar über den Gedanken.

5.8Was die Forschung dazu sagt

Wissenschaftlich

An dieser Stelle verlässt das Kapitel die Theologie und fragt, was die Neurowissenschaft über das Verhältnis von Gefühl und Entscheidung weiss. Das ist keine Prüfung des Glaubens, sondern eine Prüfung der empirischen Behauptungen, die mit ihm verbunden werden.

Die einflussreichste Gegenstimme zur Entgegensetzung von Gefühl und Vernunft stammt von Antonio Damasio, Neurologe. Seine Hypothese der somatischen Marker besagt, dass Signale aus dem Körper Entscheidungen leiten, besonders in unübersichtlichen Lagen, und dass Menschen mit Schäden in einem bestimmten Bereich des Stirnhirns trotz intakter Logik schlecht entscheiden. Gestützt wurde die Hypothese vor allem durch ein Kartenspiel, bei dem Versuchspersonen zwischen Stapeln mit unterschiedlichem Risiko wählen und erst mit der Zeit lernen, welche Stapel sich lohnen; Gesunde zeigten körperliche Warnsignale, bevor sie den Unterschied benennen konnten. Dass Gefühle an Entscheidungen wesentlich beteiligt sind, gilt heute in Psychologie, Ökonomie und Neurowissenschaft als breit akzeptiert.

Die Hypothese selbst ist allerdings umstritten. Eine kritische Übersicht hält sie für elegant, aber auf zusätzliche Belege angewiesen. Eine Nachuntersuchung zeigt, dass die Versuchspersonen im Kartenspiel mehr wussten, als angenommen, was eine der Hauptstützen der Hypothese schwächt. Eine philosophische Analyse bemängelt, die Hypothese sei nie klar formuliert worden. Eine neuere Übersicht kommt zu einem vorsichtigen Ergebnis: Entscheiden sei ein körperlich-emotional-rationaler Gesamtprozess, dessen Ort im Gehirn noch nicht ausreichend bestimmt sei.

Auch Sundarams Zuordnung der Zentren hält der Forschung nur teilweise stand. Joseph LeDoux, Neurowissenschaftler, der die Amygdala jahrzehntelang untersucht hat, beschreibt sie als Teil eines Systems, das Bedrohungen erkennt und Abwehrreaktionen steuert, auch ohne dass der Mensch die Bedrohung bewusst bemerkt. Das passt zu Sundarams Schlange. Aber die Amygdala erzeugt nach LeDoux nicht das bewusste Gefühl der Angst. Dieses entsteht in höheren, vor allem präfrontalen Schaltkreisen. Der präfrontale Kortex ist damit nicht nur der Ort der Vernunft, sondern auch am bewussten Gefühl beteiligt.

Das Ergebnis ist zweischneidig. Gegen Sundarams Bild spricht, dass sich Gefühl und Vernunft im Gehirn nicht sauber trennen lassen. Für ihn spricht nicht weniger: Niemand in der Forschung behauptet, man solle sich einfach seinen Gefühlen überlassen. Die Fachlage widerspricht der Entgegensetzung von Gefühl und Vernunft, aber sie begründet keinen Vorrang des Gefühls. Und Sundarams eigener Hinweis, dass der Mensch Gedanken und Gefühle verbindet, liegt der Forschung näher als sein Zwei-Zentren-Modell.

5.9Wahl und Wille

Christlich-theologisch

Was bleibt, wenn weder das Gewissen noch die Vernunft noch das Gefühl allein trägt? Für Sundaram bleibt die Wahl. Sie sei die grösste Fähigkeit, die Gott dem Menschen gegeben habe, «the governing power». Die Freiheit des Willens sei für Gott teuer gewesen, denn er habe seinen Sohn dafür gegeben; das Glück des Menschen beruhe auf dieser Freiheit, weil er Gott ähnlich geschaffen sei.

Der Satz ist theologisch, aber er hat eine praktische Spitze. Wenn die Wahl regiert, dann ist jede Instanz, die die Wahl vorbereitet, eine Beraterin und keine Herrin. Das Gewissen spricht, die Vernunft wägt, das Gefühl meldet; entscheiden muss die Person. Sundaram verbindet damit eine Pflicht: sich jeder Entscheidung bewusst zu sein, weil jede eine Wirkung hat, auf einen selbst, auf andere und auf künftige Generationen. Seine Behauptung, der Körper zeichne Gewohnheiten auf und gebe sie an die nächste Generation weiter, ist in dieser Form nicht belegt; die Pflicht zur bewussten Wahl hängt davon nicht ab.

5.10Was das für eine Welt mit Maschinen bedeutet

Das Kapitel hat nach Instanzen im Menschen gefragt. Die Frage hat eine Kehrseite, sobald Maschinen Entscheidungen vorbereiten. Ein System hat kein Gewissen im Sinn Kellers, Sundarams oder Newmans; ob es Gefühle hat, ist nach heutigem Stand zu verneinen und für die Zukunft offen (Kapitel 8). Es kann aber Optionen ordnen, Gründe nennen und Wahrscheinlichkeiten angeben. Damit verschiebt es das Gewicht zwischen den Instanzen. Die Vernunft erhält eine mächtige Gehilfin. Das Gewissen und das Gefühl erhalten keine.

Zwei Untersuchungen zeigen, was das im Alltag bedeutet. Die erste betrifft das Gewissen. Forschende der Technischen Hochschule Ingolstadt legten 2023 rund 770 Menschen ein bekanntes moralisches Dilemma vor: Darf man einen Menschen opfern, um fünf zu retten? Vorher lasen sie einen Rat von ChatGPT. Das System hatte auf dieselbe Frage mal für, mal gegen das Opfer argumentiert, je nachdem, wie man sie stellte. Trotzdem beeinflusste sein Rat das Urteil der Teilnehmenden, auch wenn sie wussten, dass er von einer Maschine kam, und sie unterschätzten, wie stark sie beeinflusst waren. Ein Ratgeber ohne festen Standpunkt bewegte Menschen, die meinten, aus eigenem Urteil zu entscheiden.

Die zweite betrifft die Vernunft. Am Massachusetts Institute of Technology schrieben 54 Studierende Aufsätze, die einen mit ChatGPT, die anderen mit einer Suchmaschine oder ganz ohne Hilfsmittel. Wer mit ChatGPT schrieb, zeigte die schwächste Vernetzung im Gehirn, empfand den Text am wenigsten als den eigenen, und die meisten konnten kurz danach keinen Satz daraus richtig wiedergeben. Wer dagegen zuerst selbst geschrieben und das Werkzeug erst später benutzt hatte, blieb geistig beteiligt. Die Untersuchung ist klein und noch nicht begutachtet; die Forschenden nennen ihre Ergebnisse selbst vorläufig, und andere Forschende haben ihre Methode bereits kritisiert. Aber sie passt zu dem, was das Vorwort beschreibt: Was man nicht mehr übt, verlernt man. Die mächtige Gehilfin der Vernunft kann die Vernunft auch schwächen, wenn sie ihr die Arbeit abnimmt, statt sie zu begleiten.

Kellers Bild der Stellenbesetzung macht die Verschiebung anschaulich. Ein System kann die Wahrscheinlichkeit, dass eine Bewerberin passt, genauer schätzen als jeder Mensch. Die Gewissheit, die nach Keller erst aus der Erfahrung mit dem Menschen wächst, kann es nicht liefern. Wer sich auf die Schätzung verlässt, ohne die Erfahrung zu suchen, verwechselt die beiden.

Daraus ergeben sich zwei Fragen, die dieses Kapitel nicht beantworten kann. Welche Rolle spielt das Gefühl, wenn Systeme ohne Gefühl Entscheidungen vorbereiten? Und wer setzt den Massstab, an dem ein Gewissen korrigiert wird, wenn die Korrektur zunehmend von Systemen ausgeht, die Menschen spiegeln, was sie wollen und was sie sollen? Kapitel 11 wird zeigen, dass Menschen dazu neigen, automatisierten Empfehlungen zu folgen, auch wenn diese fehlerhaft sind, und dass sich diese Neigung durch Schulung allein nicht beseitigen lässt. Das macht die Frage nach dem Gewissen nicht kleiner, sondern grösser.

5.11Zwischenergebnis

  1. Keller, Sundaram und Newman halten das Gewissen alle für korrigierbar und für verbindlich. Sie streiten darüber, wie viel Gewicht es hat, solange es noch nicht gebildet ist, und wer den Massstab seiner Bildung setzt.
  2. Für Keller führt die Vernunft zu Wahrscheinlichkeit, und Gewissheit wächst aus Erfahrung; für Sundaram gibt es eine Quelle, die nicht irrt.
  3. Gefühl und Vernunft lassen sich im Gehirn nicht sauber trennen. Das widerspricht ihrer Entgegensetzung, begründet aber keinen Vorrang des Gefühls; die Hypothese der somatischen Marker ist umstritten.
  4. Gewissen, Vernunft und Gefühl beraten, entscheiden muss die Person; Sundaram nennt die Wahl die regierende Kraft.
  5. Systeme stärken die Vernunft, nicht Gewissen und Gefühl. Schon ihr Rat kann moralische Urteile verschieben, und wer das Denken an sie abgibt, bleibt weniger beteiligt.

5.12Fazit

Gesellschaftlich

Für mich ist das Wichtigste an dieser Frage, dass der Mensch mehrdimensional ist und dass sich nicht alles an ihm erklären lässt.

Wenn ein kleines Kind etwas stiehlt oder etwas Falsches tut, fühlt es sich plötzlich schlecht, obwohl ihm noch nie jemand gesagt hat, dass man das nicht tun darf. Es scheint, als sei in den Menschen ein Wertesystem hineingelegt. Damit stehe ich in dieser Frage näher bei Newman, der das Gewissen eine Stimme in Natur und Herz des Menschen nennt, als bei der Deutung, das Gewissen sei nur eine anerzogene Norm. Es gibt Menschen, bei denen es aussieht, als hätten sie kein solches Wertesystem. Und es zeigt sich auch: Wer etwas Schlechtes wiederholt tut, bei dem verstummt diese innere Stimme. Paulus beschreibt das schon im ersten Jahrhundert: Auch Menschen, die das Gesetz nicht kennen, tun von Natur aus, was es verlangt; es ist ihnen ins Herz geschrieben, und ihr Gewissen bezeugt es (Römer 2,14 bis 15). Die Kultur prägt, was diese Stimme sagt, aber sie bringt sie nicht hervor. Wie Menschen dennoch Grausames tun können, hat der Psychologe Albert Bandura untersucht. Er nennt es moralische Entkoppelung: Menschen rechtfertigen ihr Tun mit einem höheren Zweck, beschönigen es mit Worten, schieben die Verantwortung auf andere oder sprechen den Opfern das Menschsein ab. So schalten sie ihre eigenen Massstäbe ab, ohne sie aufzugeben. Die Bruchstelle liegt dann nicht dort, wo das Gewissen fehlt, sondern dort, wo man ihm das Wort abschneidet. Einer dieser Wege, die Verantwortung auf andere zu schieben, bekommt mit lernenden Systemen ein neues Werkzeug (Kapitel 11). Ähnlich ist es mit Zufriedenheit und Erfüllung, die Menschen empfinden, wenn sie etwas tun. Man kann das auf die Biochemie zurückführen, aber dann steht man vor einem hochkomplexen System: wie aus einer einzigen Zelle ein Mensch wird. Diesen Hintergrund hat ein KI-System nicht.

Aus meiner Arbeit kenne ich eine Erfahrung, die mir dazu immer wieder einfällt. Oft merkt man an kleinen Dingen im Verhalten eines Menschen, dass hier etwas nicht stimmt, obwohl es sich noch gar nicht ausgewirkt hat. Man kann nicht richtig benennen, was es ist, aber man sieht Indikatoren. Und dann beruhigt man vielleicht sein Gewissen, beschwichtigt es, oder man hat nicht genügend Luft, um zu entscheiden. Daraus sind schon manche Entscheidungen entstanden, bei denen sich Monate oder Jahre später zeigte, dass es so kam, wie man es am Anfang gefühlt hatte.

Daraus folgt für mich: Man darf weder einem einzelnen Menschen noch einem System einfach vertrauen, ohne den Inhalt und die Auswirkungen abschätzen zu können. Man sollte nichts aus der Hand geben, was man selbst nicht versteht, damit man beurteilen kann, ob das, was getan wird, richtig ist. Die Verantwortung des Menschen steigt dadurch noch. Gerade die Geschwindigkeit, mit der heute vieles möglich ist, kann zu einem Rausch werden, in dem man verpasst, Entscheidungen abzuwägen, und stattdessen blind vertraut.

Die Geschichte kennt genügend Fälle, in denen Menschen auf Berater gehört haben und bewusst hinters Licht geführt wurden, ohne es zu merken, von der Propaganda bis zur Bananenrepublik. Das kann mit schlechter Absicht geschehen, mit neutraler Absicht oder ganz unbeabsichtigt. Ein System hat kein Gewissen. Und doch kann ein System in seiner eigenen Dynamik falsche Wege gehen und sich unter Beobachtung anders verhalten als ohne sie; Kapitel 9 zeigt das.

Wie das geht, zeigt die Geschichte, die dem Wort Bananenrepublik seinen bitteren Klang gegeben hat. Geprägt hat es der Schriftsteller O. Henry 1904 für ein abhängiges Land in Mittelamerika. Als Jacobo Árbenz, der gewählte Präsident Guatemalas, Anfang der 1950er-Jahre eine Landreform plante, traf sie die amerikanische United Fruit Company, der dort riesige Bananenplantagen gehörten. Die Firma beauftragte Edward Bernays, einen Neffen Sigmund Freuds und Pionier der Öffentlichkeitsarbeit. Er schickte amerikanische Journalisten auf sorgfältig geplante Reisen und versorgte sie mit Berichten über die «Gefahr des Kommunismus» in Guatemala. Das Bild wirkte. 1954 stürzte ein vom amerikanischen Geheimdienst organisierter Putsch die gewählte Regierung. Bernays hatte schon 1928 ein Buch mit dem Titel «Propaganda» geschrieben. Weil das Wort nach dem Ersten Weltkrieg einen schlechten Klang bekommen hatte, nannte er sein Handwerk später Öffentlichkeitsarbeit. Er stützte sich dabei auf die Lehre seines Onkels, dass Menschen stark von dem gelenkt werden, was ihnen nicht bewusst ist (Kapitel 4). Was er mit Zeitungen und Pressereisen erreichte, lässt sich heute mit Systemen erreichen, die jedem Menschen seine eigene Botschaft schreiben. Eine Studie unter Leitung der ETH Lausanne fand 2025, dass ein Sprachmodell in Online-Debatten überzeugender war als Menschen, sobald es einige persönliche Angaben über sein Gegenüber kannte.

Heute hat diese Form der Beeinflussung einen militärischen Namen. Die NATO spricht von «Cognitive Warfare», kognitiver Kriegsführung. Gemeint sind Angriffe, die nicht auf Gebäude oder Waffen zielen, sondern auf das Denken einer Bevölkerung, auf ihre Wahrnehmung, ihr Urteil und ihre Entscheidungen. Auch das österreichische Bundesheer bereitet seine Offiziere inzwischen darauf vor; ein Oberst des Generalstabs nannte es den Kampf um kognitive Überlegenheit. Der Propagandaforscher Jonas Tögel hat das Thema in seinem Buch «Kognitive Kriegsführung» (2023) einem breiten Publikum bekannt gemacht; er richtet den Blick vor allem auf die NATO selbst und nicht nur auf ihre Gegner. Ich halte künstliche Intelligenz in diesem Kampf für ein unheimliches Instrument, gerade in den Händen eines Staates. Das ist eine Einschätzung, keine bewiesene Tatsache. Belegt ist, dass es versucht wird. OpenAI meldete 2024, es habe fünf verdeckte Einflussoperationen aus Russland, China und dem Iran sowie von einer israelischen Firma unterbunden, die seine Modelle für Kommentare, Artikel und Recherchen benutzt hatten. Belegt ist allerdings auch, dass diese Operationen damals kaum mehr Menschen erreichten als ohne künstliche Intelligenz. Die Gefahr liegt darum weniger im einzelnen Beitrag als in dem, was sich verschiebt, wenn Beeinflussung billig, massenhaft und persönlich zugeschnitten wird: Man glaubt am Ende nicht mehr das Falsche, sondern gar nichts mehr.

Führungspersonen stehen in dieser Zeit deshalb noch viel mehr in der Verantwortung. Und Führung fängt zu Hause an, bei Müttern und Vätern.

Anmerkungen zu diesem Kapitel

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