Vorwort
Ich arbeite jeden Tag mit einem System, das mitdenkt. Es ist ein KI-gestütztes Führungs- und Entscheidungssystem, entwickelt von einem Schweizer Unternehmen, mit dem ich seit Juni 2026 eng zusammenarbeite; ich bin dort für die Geschäftsentwicklung zuständig. Ich teste darin Hypothesen, ziehe andere Menschen hinzu und sehe, was es mit ihnen macht. Eines Tages stellte ich mir eine einfache Frage: Was tue ich, wenn ich morgen keinen Zugriff mehr darauf habe? Die Antwort war unbequem. Nicht weil das System schlecht wäre, im Gegenteil, es ist erschreckend gut, sondern weil ich merkte, wie viel ich ihm bereits überlassen hatte.
Die Veränderung ist leise. Man schreibt weniger selbst, man wird schneller, und das Material wird so umfangreich, dass Widersprüche darin niemandem mehr auffallen. Wer sich auf ein System verlässt, schaut weniger genau hin. Was man nicht mehr übt, verlernt man, so wie die Telefonnummern, die kaum noch jemand im Kopf hat. Bei Telefonnummern ist das gleichgültig. Beim Urteilen nicht.
Daraus ist die Frage geworden, um die dieses Buch kreist: Was unterscheidet den Menschen von einer Maschine, die ihm im Denken immer näher kommt? Die naheliegenden Antworten tragen nicht mehr. Sprache, Wissen und weite Teile dessen, was wir Denken nennen, bilden diese Systeme erstaunlich gut nach, und mit der Robotik bekommen sie sogar einen Körper. Was bleibt, ist schwerer zu fassen: eine Biografie, die man trägt, eine Sterblichkeit, um die man weiss, ein Gewissen, das sich meldet, bevor man es begründen kann, und das, was die Überlieferung Seele nennt. Meine Vermutung ist, dass die Grenze der künstlichen Intelligenz dort liegt und nicht in der Rechenleistung.
Ich nähere mich dieser Frage von zwei Seiten. Die Informatik begleitet mich seit 1990, seit ich vierzehn Jahre alt war; ich habe Informatikprojekte geleitet und Systeme in Organisationen eingeführt. Die Theologie begleitet mich seit rund zwanzig Jahren, und eigentlich wäre ich gern Pfarrer geworden. Die beiden Welten reden selten miteinander. Die eine fragt, was ein System kann. Die andere fragt, wozu der Mensch da ist. Dieses Buch bringt sie ins Gespräch. Ich schreibe es als Christ und mache das nicht unsichtbar: Den Massstab nehme ich von einem Nordstern, der über diese Zeit hinausweist. Gemeint ist, was der Polarstern früher für Seeleute war: ein fester Punkt, der sich nicht mit dem Schiff bewegt und an dem man den eigenen Kurs prüfen kann, auch wenn alles andere sich dreht. Für mich ist dieser Punkt Gott, wie er sich in Jesus Christus gezeigt hat.
Die Frage hat auch eine politische Seite, und sie ist härter, als man es in der Schweiz gern wahrhaben möchte. Die leistungsfähigsten Modelle entstehen heute in den Vereinigten Staaten und in China. Nach dem AI-Index der Universität Stanford kamen 2025 fünfzig der bedeutenden KI-Modelle aus den Vereinigten Staaten, dreissig aus China und zwei aus ganz Europa; den Leistungsabstand zwischen amerikanischen und chinesischen Modellen hält der Bericht für praktisch geschlossen. In den Vereinigten Staaten stehen zudem mehr als zehnmal so viele Rechenzentren wie in jedem anderen Land. Wer dort rechnet, rechnet nach den Regeln, die dort gelten.
China ist für mich kein Vorbild. Aber es hat früh entschieden, das eigene Netz zu kontrollieren, und zieht eine digitale Grenze, wo es ihm nützt; Kapitel 2 zeigt, was das für die Antworten seiner Modelle bedeutet. Europa und die Schweiz haben sich dagegen in eine scheinbare Grenzenlosigkeit begeben und sind dabei abhängig geworden, vor allem von amerikanischen Anbietern. Wie schnell aus einem verlässlichen Partner eine Unsicherheit wird, hat die Schweiz 2025 zweimal erlebt. Im Januar teilte eine amerikanische Exportregel die Welt beim Zugang zu KI-Chips in Stufen ein, und die Schweiz fand sich, anders als fast alle ihre Nachbarn, in der beschränkten zweiten Stufe wieder; im Mai wurde die Regel wieder aufgehoben. Im August belegten die Vereinigten Staaten Schweizer Waren mit einem Zoll von 39 Prozent, einem der höchsten der Welt, bis man sich im November auf 15 Prozent einigte. Wer Rechenleistung, Modelle und Daten nicht selbst in der Hand hat, ist ausgeliefert und im Ernstfall erpressbar. Die Pandemie hat gezeigt, wie schnell Abhängigkeit zur Not wird, als Deutschland und Frankreich im März 2020 sogar Lieferungen von Schutzmasken für die Schweiz zurückhielten.
Darum ist digitale Souveränität keine Frage für Spezialisten. Matthias Stürmer, Professor an der Berner Fachhochschule, versteht darunter offenen Quellcode, die Kontrolle über die eigenen Daten und die Möglichkeit, den Anbieter zu wechseln, und er sieht in Open-Source-Software einen Schlüssel dazu. Wie wichtig das ist, war mir lange nicht bewusst. Dass es auch in der Schweiz geht, haben die beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen gemeinsam mit dem nationalen Supercomputing-Zentrum gezeigt: 2025 veröffentlichten sie mit Apertus ein grosses Sprachmodell, ein System, das aus riesigen Textmengen gelernt hat, Sprache zu verstehen und zu erzeugen, dessen Code, Trainingsdaten und Gewichte, also die gelernten Werte des Modells, offenliegen. Während andere hungrig sind und künstliche Intelligenz ohne Rücksicht auf Verluste vorantreiben, laufen wir in Europa Gefahr, satt zu werden, uns in Regulierung zu verlieren und an Innovationskraft einzubüssen. Wer in diesem Umbruch nur im System arbeitet und nicht am System, wer bloss geschickt nutzt, was andere bauen, gibt mehr Kontrolle ab, als ihm bewusst ist.
Dieses Buch prüft meine Vermutung, auch gegen die stärksten Stimmen, die das Gegenteil vertreten. Ich lasse Gläubige und Nichtglaubende zu Wort kommen, Theologen, Philosophen, Forschende und Kritiker der Technik, und am Ende jedes Kapitels sage ich, wo ich selbst stehe. So soll jederzeit erkennbar sein, wo das Buch berichtet und wo es urteilt.
Zwei Fragen ziehen sich durch alle Kapitel. Wenn Maschinen unserem Denken immer näher kommen, welche Entscheidungen dürfen wir ihnen dennoch nicht überlassen? Und warum könnten gerade die Entscheidungen, die von Verantwortung, Sinn und Seele getragen werden, auf lange Sicht die wichtigsten sein, über unsere Generation hinaus?
Am Anfang stand eine Frage, die ich mir selbst gestellt habe. Am Ende ist sie keine private mehr: Was sind wir bereit aufzugeben, und was nicht?