HERMES
HERMES und Scrum: So arbeiten sie zusammen
Oft heisst es, HERMES sei für agile Teams zu starr. Die Bundeskanzlei bezeichnet das als Vorurteil. Seit der Ausgabe 2022 können mit HERMES klassische, agile und skaliert agile Projekte abgewickelt werden. Möglich wird das durch eine klare Trennung: Das Projektmanagement ist Sache von HERMES, die Entwicklung der Lösung Sache des Teams.
Die Trennung von Projekt und Entwicklung
HERMES beschreibt sich selbst als Hülle, in die eine agile Entwicklungsmethode wie eine Blackbox eingefügt wird. Was innerhalb dieser Blackbox passiert, regelt HERMES nicht. Das Team arbeitet nach seiner Methode, zum Beispiel Scrum oder Kanban. Auch skaliert agile Ansätze sind vorgesehen, laut Referenzhandbuch SAFe bis zur Stufe «Essential».
HERMES legt nur die Schnittstellen fest: welche Ergebnisse an die Projektführung und die Steuerung gehen, wie berichtet wird und wo entschieden wird. Die Begriffe innerhalb der agilen Entwicklung sind frei. Ein Team kann also weiterhin von Sprints, Backlogs und Reviews sprechen.
So sieht ein agiles HERMES-Projekt aus
Ein agiles Projekt hat nach HERMES drei Phasen:
- Initialisierung. Sie läuft immer klassisch. Hier werden Lösungsvarianten verglichen, und es wird entschieden, ob die Lösung klassisch oder agil entwickelt wird. Diese Wahl muss laut HERMES fachlich begründet sein und soll nicht einfach einem Trend folgen.
- Umsetzung. Die Lösung entsteht in Iterationen und wird in Releases in Betrieb genommen. Der Auftraggeber kann vorschreiben, dass jedes Release einzeln freigegeben werden muss.
- Abschluss. Auch er läuft klassisch. Das Projekt wird formell beendet und an die Organisation übergeben, die die Lösung weiter betreibt.
Gegen aussen sieht ein agiles Projekt damit gleich aus wie ein klassisches. Berichte und Entscheide an die Geschäftsleitung oder den Gemeinderat folgen derselben Struktur.
Wer was macht
Der grösste Unterschied zum klassischen Vorgehen liegt bei der Führung. Im klassischen Projekt erteilt die Projektleitung Arbeitsaufträge. Im agilen Projekt steuert die Anwendervertretung die Arbeit über die fachlichen Anforderungen, und das Team organisiert sich selbst.
| Rolle | Aufgabe im agilen HERMES-Projekt |
|---|---|
| Auftraggeber | steuert das Projekt, gibt Phasen und bei Bedarf Releases frei |
| Projektleiter | führt das Projekt, darf aber nicht in die Selbstorganisation des Teams eingreifen |
| Anwendervertreter | verantwortet die Anforderungen, ist Ansprechperson für Team und Projektleitung. Das Referenzhandbuch setzt ihn mit dem Product Owner gleich. |
| Entwicklungsteam | organisiert seine Arbeit selbst, nach der gewählten Methode |
Wie HERMES-Dokumente und Scrum-Artefakte zusammenpassen
Auch bei den Ergebnissen schlägt HERMES eine Brücke:
- Die Lösungsanforderungen werden zu Beginn der Umsetzung als erstes Product Backlog erarbeitet.
- Die Detailspezifikation entspricht weitgehend dem Sprint Backlog. Sie kann auch nur auf die Dokumentation im Entwicklungswerkzeug verweisen.
- Änderungen an Anforderungen regelt das Team selbst. Ein formeller Änderungsantrag ist nur nötig, wenn Ziele, Budget oder Zeitrahmen des Gesamtprojekts betroffen sind.
- Im Projektmanagementplan steht ein Releaseplan, der zeigt, wann welcher Teil der Lösung in Betrieb geht.
Worauf Sie achten sollten
- Anwendervertretung ernst nehmen. Die Person braucht Fachwissen, Zeit und Entscheidungsbefugnisse. Die Eidgenössische Finanzkontrolle weist im Referenzhandbuch ausdrücklich darauf hin.
- Releasefreigaben bewusst wählen. Legen Sie in der Initialisierung fest, ob jedes Release freigegeben werden muss. Das gibt Kontrolle, kostet aber Zeit.
- Berichte schlank halten. Vereinbaren Sie, welche Informationen nach jedem Release an die Steuerung gehen. Nach meiner Einschätzung bringen zusätzliche Berichte selten mehr Übersicht.
- Fehler zulassen. Die Finanzkontrolle schreibt, eine Null-Fehler-Kultur sei für agiles Arbeiten fatal.
Weitere Hilfsmittel
Die Bundeskanzlei bietet ergänzend einen agilen Leitfaden an. Laut eCH-Fachgruppe HERMES wird er 2026 überarbeitet und um Praxiserfahrung mit einfacher und skalierter Agilität erweitert.
Weiterlesen: HERMES Projektmanagement für KMU und Gemeinden · Die Rolle des Auftraggebers in HERMES
Quellen: HERMES Referenzhandbuch Projektmanagement, Ausgabe 2022 · eCH-Interview mit Martin Schwaar