HERMES
HERMES 2022: Was sich gegenüber HERMES 5.1 geändert hat
Seit dem ersten Quartal 2023 ist HERMES, Ausgabe 2022 die offizielle Version. Die Bundeskanzlei hat damals festgelegt, dass laufende Projekte mit HERMES 5.1 weitergeführt werden dürfen. Viele Organisationen arbeiten deshalb heute noch mit Vorlagen aus HERMES 5.1. Wer ein neues Projekt startet, sollte die Unterschiede kennen. Sie betreffen nicht nur Details, sondern den Aufbau der Methode.
Warum es eine neue Ausgabe gab
Die Fachgruppe HERMES hat im Herbst 2021 entschieden, das gesamte Handbuch zu überarbeiten, auch Passagen, die sich inhaltlich nicht änderten. Laut eCH war das ein grosser Umbau: Das Referenzhandbuch wurde vollständig überarbeitet, und die agile Entwicklung wurde besser eingebunden. Die wichtigsten Ziele waren, die Methode stärker am Geschäft auszurichten und sie zu verschlanken.
Die wichtigsten Änderungen
- Projektmanagement und Entwicklung sind getrennt. HERMES regelt nur noch das Projektmanagement. Die Lösung selbst kann klassisch, agil oder gemischt entwickelt werden. Agile Methoden werden als Blackbox eingebettet.
- Das Geschäft steht im Vordergrund. Die Methode ist weniger auf IT ausgerichtet. Die fachliche Verantwortung und das Geschäftsmodell haben mehr Gewicht.
- Drei oder fünf Phasen. Klassische Projekte haben fünf Phasen: Initialisierung, Konzept, Realisierung, Einführung und Abschluss. Agile Projekte haben drei: Initialisierung, Umsetzung und Abschluss.
- Weniger Szenarien, Module und Rollen. Aus acht Szenarien wurden fünf, aus dreizehn Modulen zwölf. Viele Texte wurden gekürzt.
- Programmmanagement ist integriert. Es ist als Anhang Teil des Referenzhandbuchs und kein eigener Standard mehr. So können agile und klassische Projekte gemeinsam in einem Programm geführt werden.
- Sizing vor Tailoring. Bei HERMES 5 mussten die Anwender die Methode selbst zuschneiden. Laut Bundeskanzlei waren viele damit überfordert. Neu ermittelt das Sizing auf HERMES Online zuerst die Grösse des Projekts und reduziert die Unterlagen. Erst danach kann man sie bei Bedarf weiter anpassen.
- Neue Ausbildung und Zertifizierung. Foundation vermittelt Wissen und Gesamtverständnis, Advanced die Anwendung. Die Zertifizierung wurde darauf ausgerichtet.
Die fünf Szenarien der Ausgabe 2022
| Szenario | Wofür es gedacht ist |
|---|---|
| Dienstleistung/Produkt Entwicklung | eine Dienstleistung oder ein Produkt entwickeln, zum Beispiel Ausbildungsunterlagen, einen internen Standard oder einen Lieferdienst |
| Dienstleistung/Produkt Adaption | ein am Markt verfügbares Produkt oder eine Dienstleistung beschaffen, anpassen und einführen |
| IT-Entwicklung | eine neue IT-Lösung entwickeln oder eine bestehende weiterentwickeln |
| IT-Adaption | eine am Markt verfügbare IT-Lösung beschaffen, anpassen und integrieren, zum Beispiel Standardsoftware oder IT-Infrastruktur |
| Organisationsanpassung | eine Organisation aufbauen oder verändern, zum Beispiel bei einem Umzug, einer Fusion oder einem Outsourcing |
In HERMES 5.1 gab es dafür acht Szenarien, unter anderem getrennte agile Varianten und ein eigenes Szenario für IT-Infrastruktur. Infrastrukturprojekte fallen heute unter IT-Adaption.
Die Module im Vergleich
| HERMES 5.1 | HERMES 2022 |
|---|---|
| Projektsteuerung, Projektführung, Projektgrundlagen | unverändert. Projektgrundlagen enthält neu auch die Beschaffungsanalyse. |
| Entwicklung Agil (agile Entwicklung mit Scrum steuern) | entfällt, agile Entwicklung läuft als Blackbox |
| Geschäftsorganisation | Organisation, neu mit dem Geschäftsmodell |
| Testen | Tests |
| Informationssicherheit und Datenschutz | ISDS |
| Produkt, IT-System, Beschaffung, Einführungsorganisation, IT-Migration, IT-Betrieb | gleicher Name |
Vier Module sind in jedem Projekt Pflicht: Projektsteuerung, Projektführung, Projektgrundlagen und Einführungsorganisation. Dazu kommt eine Liste von minimal geforderten Dokumenten. Sie können beim Zuschneiden nicht gestrichen werden, eine Organisation kann sie aber an ihre eigenen Governance-Vorgaben anpassen.
Beim Umstieg fallen weitere Unterschiede auf. HERMES 5.1 hatte für alle Projekte vier Phasen, ohne eigene Phase Abschluss. Die minimal zu besetzenden Rollen waren Auftraggeber, Projektleiter und Fachspezialist. Heute ist statt des Fachspezialisten der Anwendervertreter Pflicht. Aus dem Projektauftrag wurde der Durchführungsauftrag, aus der Projektfreigabe die Durchführungsfreigabe.
Wie HERMES heute weiterentwickelt wird
HERMES wird laufend angepasst. Grössere Änderungen werden unter dem Jahr beschlossen. Von September bis Dezember werden Handbücher, Vorlagen, Schulungsunterlagen und Prüfungen nachgeführt, damit ab Anfang Jahr wieder eine stabile Version gilt. Die aktuelle 3. Auflage des Referenzhandbuchs stammt vom 31. Dezember 2025.
Für 2026 hat die eCH-Fachgruppe HERMES diese Neuerungen angekündigt:
- Leitfäden zu Design Thinking und zu Business Analyse im Projektmanagement
- einen überarbeiteten agilen Leitfaden
- einen HERMES-Bot, der auf offiziell freigegebenen HERMES-Informationen beruht
- ein KI-Konzept für HERMES
Empfehlung
Wenn Ihre Vorlagen noch aus HERMES 5.1 stammen, stellen Sie beim nächsten neuen Projekt auf die Ausgabe 2022 um. Nutzen Sie dabei das Sizing auf HERMES Online. Das Sizing ist darauf ausgelegt, den Dokumentationsaufwand zu verringern. Prüfen Sie ausserdem, ob Ihre eigenen Vorlagen und Weisungen noch auf alte Modul- und Szenario-Namen verweisen.
Weiterlesen: HERMES Projektmanagement für KMU und Gemeinden
Quellen: HERMES Referenzhandbuch Projektmanagement, Ausgabe 2022, 3. Auflage · HERMES 5.1 Referenzhandbuch, 4. Auflage · Bundeskanzlei, Referat HERMES 2022 an der BFH-HERMES-Tagung 2022 · eCH-Interview mit Martin Schwaar