Denkraum
Wenn alle über jemanden lästern: Muss ich etwas sagen?
In einer Pause erzählt jemand etwas Abfälliges über eine abwesende Kollegin. Andere nicken. Sie wissen nicht, ob die Geschichte stimmt. Widersprechen Sie, wirken Sie wie ein Spielverderber. Schweigen Sie, könnte das wie Zustimmung aussehen.
Aber nicht jede Kritik an einer abwesenden Person ist Lästern. Manchmal ist es notwendig, mit einer Vertrauensperson über problematisches Verhalten zu reden oder eine Beschwerde geschützt vorzubringen. Entscheidend sind Anlass, Ziel, Wortwahl und der sichere Rahmen.
Erst Beobachtung und Deutung trennen
«Die vereinbarte Übergabe kam am Montag statt am Freitag» beschreibt ein überprüfbares Ereignis. «Sie ist immer unzuverlässig» ist bereits ein Urteil über die Person. Das erste lässt sich klären. Das zweite kann zum Etikett werden, das anschliessend jede neue Beobachtung einfärbt.
Ich würde deshalb nicht sofort über die abwesende Person urteilen, sondern nach der Grundlage fragen: «Haben Sie das selbst erlebt oder von jemandem gehört?» Oder: «Was müsste eigentlich geklärt werden?»
Drei unterschiedliche Situationen
Geht es um Hörensagen, kann eine sachliche Nachfrage verhindern, dass eine Vermutung als Tatsache weitergegeben wird.
Geht es um ein konkretes Problem der Zusammenarbeit, ist möglicherweise eine Klärung mit den Beteiligten oder über einen zuständigen Kanal sinnvoller als eine Diskussion über Abwesende.
Wird die Runde abwertend, kann eine Grenze reichen: «Ich möchte mich nicht an einem Urteil über jemanden beteiligen, der nicht dabei ist.»
Ein direktes Gespräch mit der kritisierten Person ist allerdings nicht immer die richtige Empfehlung. Bei Einschüchterung, Machtgefälle, Belästigung oder wiederholten Angriffen kann ein geschützter Meldeweg wichtiger sein als eine persönliche Konfrontation.
Nicht alles ist bewiesen
Beobachtung: Es wurde eine abfällige Bemerkung gemacht. Ihren Inhalt und den Zusammenhang kann ich beschreiben.
Hypothese: Dahinter könnte ein ungelöster Konflikt, schlechte Gesprächskultur oder auch nur ein unbedachter Satz stehen. Aus einer Szene kann ich kein ganzes Team diagnostizieren.
Belegter fachlicher Rahmen: Das SECO beschreibt Mobbing als wiederholte, systematische Handlungen im zeitlichen Zusammenhang. Auch einzelne belästigende Verhaltensweisen sollten ernst genommen werden.
Meine Haltung: Menschen sollen berechtigte Beschwerden äussern können, ohne dass andere durch Gerüchte verurteilt werden.
Die interessante Frage für eine Organisation lautet daher nicht nur, wer gelästert hat. Sondern: Gibt es überhaupt einen sicheren Weg, Schwieriges offen anzusprechen?
Zum Weiterdenken: Welche Kritik darf bei Ihnen offen gesagt werden, ohne dass jemand blossgestellt wird?
Vertiefung: Zusammenarbeit und Führung.
Quellen und Grenzen: SECO: Mobbing. Die Formulierungen sind Gesprächsvorschläge, keine Pflicht zu einer bestimmten Konfrontation und keine Diagnose eines Einzelfalls.