Zurück zu den Artikeln

Denkraum

Soll ich jemandem sagen, dass er Mundgeruch hat?

Sie bemerken im Gespräch einen unangenehmen Atemgeruch. Sagen Sie etwas, könnte sich die andere Person schämen. Schweigen Sie, nehmen Sie ihr vielleicht die Möglichkeit, etwas zu verändern. Was wäre respektvoll?

Die Frage ist weniger banal, als sie klingt. Es geht um Ehrlichkeit, Rücksicht und die Grenze zwischen einer hilfreichen Beobachtung und einem ungebetenen Urteil.

Beobachtung ist noch keine Erklärung

Ich kann einen Geruch wahrnehmen. Mehr weiss ich zunächst nicht. Ich weiss weder, wodurch er entstanden ist, noch ob die betreffende Person ihn selbst bemerkt. Mundgeruch kann unterschiedliche Ursachen haben. Der britische Gesundheitsdienst NHS nennt unter anderem Lebensmittel, Probleme mit Zähnen oder Zahnfleisch, Mundtrockenheit und bestimmte Erkrankungen. Aus einer Wahrnehmung lässt sich keine Diagnose und erst recht kein Charakterurteil ableiten.

Die erste Frage lautet deshalb: Was habe ich selbst festgestellt und was denke ich nur darüber?

Wann ein Hinweis sinnvoll sein kann

Bevor ich etwas sage, würde ich prüfen, ob eine vertrauensvolle Beziehung und ein geschützter Moment vorhanden sind. Bin ich bereit, eine ablehnende Reaktion auszuhalten? Und kann ich aufhören, wenn die Person das Thema nicht besprechen möchte?

Ein möglicher Einstieg wäre: «Darf ich etwas Persönliches ansprechen? Mir ist bei unserem Gespräch ein auffälliger Atemgeruch aufgefallen. Ich wollte Ihnen das diskret sagen.»

Dieser Satz ist eine Gesprächsidee, keine wissenschaftlich geprüfte Methode. Er darf auch weggelassen werden. Nicht jede Beobachtung muss angesprochen werden. Eine Bemerkung vor anderen, ein Witz darüber oder eine ungefragte Vermutung zur Hygiene wären für mich keine respektvolle Alternative.

Im Arbeitsverhältnis kommt ein Machtgefälle hinzu. Eine vorgesetzte Person kann dieselben Worte nicht unter denselben Bedingungen aussprechen wie jemand auf gleicher Ebene. Diskretion ist deshalb besonders wichtig.

Was ich weiss und was ich vertrete

Belegbarer Befund: Mundgeruch kann verschiedene Ursachen haben. Welche vorliegt, weiss ein Gegenüber normalerweise nicht.

Annahme: Ein behutsamer Hinweis könnte willkommen sein. Ob er das tatsächlich ist, bleibt offen.

Meine Haltung: Die Würde eines Menschen darf nicht davon abhängen, wie angenehm eine Begegnung ist. Ehrlichkeit soll helfen, nicht bloss das eigene Unbehagen beseitigen.

Die grössere Frage ist deshalb: Wann ist Schweigen Rücksicht und wann nur Konfliktvermeidung?

Zum Weiterdenken: Wie würden Sie selbst auf etwas Unangenehmes aufmerksam gemacht werden wollen, wenn überhaupt?

Vertiefung: Grundsätze von Hosang Consulting und Zusammenarbeit und Führung.

Quellen und Grenzen: NHS: Bad breath, medizinische Ursachen und Hinweise zur Abklärung. Die Gesprächsempfehlung ist eine persönliche Abwägung, keine medizinische oder arbeitsrechtliche Beratung.

Passende Einblicke