Projektmanagement als Organisationsfähigkeit · Teil II · Kapitel 7 von 11
Reifegrad: Wo Ihre Organisation heute steht
Zwei Bilder helfen, den Standort zu bestimmen. Sie beantworten verschiedene Fragen und dürfen nicht verwechselt werden.
Zwei Bilder, quer zueinander
Bevor man einen Weg plant, hilft es zu wissen, wo man startet. Dafür verwende ich zwei verschiedene Bilder, und weil sie leicht durcheinandergeraten, sei ihr Verhältnis hier ausdrücklich geklärt. Die acht Klärungsfelder aus Kapitel 5 beschreiben, was zu klären ist, es sind die inhaltlichen Themen. Der Reifegrad beschreibt, wie weit eine Organisation im Klären und Festhalten insgesamt gekommen ist.
Die beiden stehen nicht nebeneinander, sondern quer zueinander. Die Klärungsfelder sagen, an welchen Themen man arbeitet. Der Reifegrad sagt, wie weit die Organisation darin insgesamt schon ist. Man arbeitet an allen acht Klärungsfeldern und wächst dabei über die Reifegrade. Kurz: Die Klärungsfelder sind das Was, der Reifegrad ist das Wie weit.
Der Reifegrad ist kein Zeugnis und keine Benotung, sondern eine Landkarte. Sein einziger Zweck ist, den ehrlichen Standort zu bestimmen und den nächsten sinnvollen Schritt zu finden.
Die sechs Stufen
- 1Personenabhängignächster Schritt: das wichtigste Wissen erstmals festhalten
- 2Dokumentiertnächster Schritt: eine verbindliche Grundlage für alle
- 3Standardisiertnächster Schritt: die Wirkung messbar machen
- 4Messbarnächster Schritt: die Abläufe gezielt digital abbilden
- Das Digitale kommt bewusst erst hier5Digital unterstützt
- Der Sprung zu Stufe 6 verlangt mehr als ein Werkzeug6Selbstlernend
Die Reihenfolge zählt.
Stufe 1: Personenabhängig. Das Neue gelingt, weil einzelne Personen es tragen, und ihr Wissen steckt in ihren Köpfen. Wie schnell das kippt, zeigt ein Bild aus der Praxis: Geht eine Schlüsselperson, kann das Wissen innert Kürze verschwunden sein, weil es nirgends festgehalten war. Der nächste Schritt ist bescheiden und wirksam: das wichtigste Wissen zum ersten Mal überhaupt festhalten.
Stufe 2: Dokumentiert. Erste Beschreibungen und Vorlagen entstehen, werden aber noch nicht überall gleich gelebt. Der nächste Schritt: aus verstreuten Dokumenten eine verbindliche Grundlage für alle machen.
Stufe 3: Standardisiert. Vorgehen und Rollen für Vorhaben sind festgelegt und gelten für alle. Neue Menschen finden sich schneller zurecht. Der nächste Schritt: die Wirkung messbar machen.
Stufe 4: Messbar. Es wird transparent, wo das Neue gut läuft und wo es stockt. Entscheidungen stützen sich auf Fakten statt Vermutungen. Der nächste Schritt: die geklärten und gemessenen Abläufe gezielt digital abbilden.
Stufe 5: Digital unterstützt. Jetzt kommt das Digitale ins Spiel, und zwar bewusst erst hier. Digital heisst an dieser Stelle noch nichts Grosses, sondern schlicht: Das Wissen ist festgehalten und wieder abrufbar. Systeme halten die geklärten Abläufe verlässlich ein und machen den Umgang mit dem Neuen nachvollziehbar. Digitalisierung erzeugt hier echten Nutzen, weil sie auf geordneter Grundlage aufsetzt.
Stufe 6: Selbstlernend. Die höchste Stufe wird oft mit blossen digitalen Hilfsmitteln verwechselt, ist aber etwas grundlegend anderes. Eine selbstlernende Organisation sammelt Wissen nicht nur, sie bewirtschaftet es. Sie hält es widerspruchsfrei und macht es allen in ihrem Zusammenhang jederzeit verfügbar. Man stelle sich Information vor, die durchgängig vom Arbeitsplatz bis zur Führung fliesst, verdichtet und auf den jeweiligen Kontext zugeschnitten, sodass gute Entscheidungen möglich werden, ohne dass jemand hunderte Folien wälzen muss. Das verlangt echtes Bewirtschaften von Wissen: Muster erkennen, Rückschlüsse ziehen, daraus Prinzipien für das eigene nächste Vorhaben ableiten.
Die Reihenfolge zählt
Eine Organisation auf Stufe 2 hat wenig von den Werkzeugen der Stufe 5, solange die Zwischenstufen fehlen. Das Reifegradmodell hilft, organisatorische Voraussetzungen sichtbar zu machen, die bei Systemeinführungen relevant sein können. Es ist ein Orientierungsmodell, kein empirischer Nachweis dafür, warum eine konkrete Einführung gelingt oder enttäuscht.
Der Sprung von der fünften zur sechsten Stufe, hin zur wirklich selbstlernenden Organisation, verlangt weitere Mittel und eine eigene Entwicklung, die ein einzelnes Werkzeug nicht leisten kann.
Eine Grenze dieses Modells
Ein Muster zeigt sich selbst in ausgereiften Umgebungen: Auf dem Weg, bis eine Entscheidung oben ankommt, bauen einzelne Beteiligte ihre eigenen Interessen ein, statt im Sinne des Ganzen zu entscheiden. Das ist im Kern eine Frage der Kultur, des Warum, nicht der Methode. Dieses Modell bearbeitet weder das Warum einer Organisation noch ihre Stammorganisation; die Grenze führt Kapitel 5 aus. Wie das Muster entsteht und warum Klärung deshalb so oft auf halbem Weg stehen bleibt, zeigt das nächste Kapitel.