Projektmanagement als Organisationsfähigkeit · Teil II · Kapitel 7 von 11
Reifegrad: Wo Ihre Organisation heute steht
Zwei Bilder helfen, den Standort zu bestimmen. Sie beantworten verschiedene Fragen und dürfen nicht verwechselt werden.
Zwei Bilder, quer zueinander
Bevor man einen Weg plant, hilft es zu wissen, wo man startet. Dafür verwende ich zwei verschiedene Bilder, und weil sie leicht durcheinandergeraten, sei ihr Verhältnis hier ausdrücklich geklärt. Die acht Klärungsfelder aus Kapitel 5 beschreiben, was zu klären ist, es sind die inhaltlichen Themen. Der Reifegrad beschreibt, wie weit eine Organisation im Klären und Festhalten insgesamt gekommen ist.
Die beiden stehen nicht nebeneinander, sondern quer zueinander. Die Klärungsfelder sagen, an welchen Themen man arbeitet. Der Reifegrad sagt, wie weit die Organisation darin insgesamt schon ist. Man arbeitet an allen acht Klärungsfeldern und wächst dabei über die Reifegrade. Kurz: Die Klärungsfelder sind das Was, der Reifegrad ist das Wie weit.
Der Reifegrad ist kein Zeugnis und keine Benotung, sondern eine Landkarte. Sein einziger Zweck ist, den ehrlichen Standort zu bestimmen und den nächsten sinnvollen Schritt zu finden.
Fünf Reifegrade der organisatorischen Projektfähigkeit
- 1Personenabhängignächster Schritt: wichtiges Wissen festhalten
- 2Definiert und dokumentiertnächster Schritt: gemeinsame Regeln einführen
- 3Organisationsweit standardisiertnächster Schritt: Informationen zur Steuerung nutzen
- 4Aktiv gesteuert und gemessennächster Schritt: Verbesserungen verankern
- 5Kontinuierlich verbessert
Digitalisierung und Lernen können alle Reifegrade unterstützen.
Eigenes Orientierungsmodell, kein zwingender Stufenplan.
Stufe 1: Personenabhängig. Projekte funktionieren vor allem, weil erfahrene Einzelpersonen sie tragen. Wissen und Entscheidungen hängen stark an ihnen. Nächster Entwicklungsschritt: Wesentliches festhalten und Vertretbarkeit schaffen.
Stufe 2: Definiert und dokumentiert. Erste Rollen, Abläufe, Entscheidungswege und Vorlagen sind festgelegt, werden jedoch nicht überall gleich angewendet. Nächster Schritt: gemeinsame Regeln verbindlich einführen.
Stufe 3: Organisationsweit standardisiert. Für vergleichbare Vorhaben gelten gemeinsam vereinbarte, tatsächlich gelebte Mindeststandards. Projekte lassen sich besser übergeben und vergleichen. Nächster Schritt: Steuerungsinformationen gezielt nutzen.
Stufe 4: Aktiv gesteuert und gemessen. Verantwortliche verwenden verlässliche Kennzahlen und Informationen für Prioritäten, Freigaben, Korrekturen und Wirkungsprüfung. Nicht die Messung allein, sondern die daraus folgende Entscheidung zählt. Nächster Schritt: Verbesserungen systematisch verankern.
Stufe 5: Kontinuierlich verbessert. Erkenntnisse aus Projekten verändern nachweisbar Vorlagen, Entscheidungen, Zusammenarbeit und Vorgehensweisen für neue Vorhaben. Lernen beginnt bereits vorher; auf dieser Stufe wird es organisationsweit systematisch genutzt.
Digitalisierung ist keine zwingend fünfte Stufe. Sie kann bereits bei der Dokumentation unterstützen und später verlässliche Informationen, gemeinsame Abläufe und organisationales Lernen stärken. Das Modell ist eine eigenständige Orientierung in Anlehnung an etablierte Reifegradansätze, kein empirisch validierter Standard und keine Zertifizierung.
Den passenden nächsten Schritt wählen
Die fünf Grade helfen, organisatorische Fähigkeiten einzuordnen. Sie schreiben keinen starren Entwicklungspfad vor. Eine Organisation kann beispielsweise schon früh digital arbeiten oder aus Projekten lernen, obwohl Rollen und Abläufe noch kaum standardisiert sind. Wichtig ist, den konkreten Engpass zu erkennen und genau dort anzusetzen. Auch die höchste Stufe ist kein Selbstzweck.
Digital unterstütztes Arbeiten und systematisches Lernen sind unterschiedliche Fähigkeiten. Ein Werkzeug allein macht eine Organisation nicht lernfähig. Dafür muss sie Erkenntnisse aus früheren Vorhaben in neue Entscheidungen und Arbeitsweisen übernehmen.
Eine Grenze dieses Modells
Ein Muster zeigt sich selbst in ausgereiften Umgebungen: Auf dem Weg, bis eine Entscheidung oben ankommt, bauen einzelne Beteiligte ihre eigenen Interessen ein, statt im Sinne des Ganzen zu entscheiden. Das ist im Kern eine Frage der Kultur, des Warum, nicht der Methode. Dieses Modell bearbeitet weder das Warum einer Organisation noch ihre Stammorganisation; die Grenze führt Kapitel 5 aus. Wie das Muster entsteht und warum Klärung deshalb so oft auf halbem Weg stehen bleibt, zeigt das nächste Kapitel.