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Projektmanagement als Organisationsfähigkeit · Anhang

Belege, Thesen und offene Fragen

Zu Beginn habe ich gesagt, dass Sie jederzeit erkennen sollen, welche Art von Aussage Sie gerade lesen. Hier steht alles zusammen.

Ein Papier, das seine eigenen Grenzen kennt, ist im Gespräch mehr wert als eines, das jede Frage beantwortet. Dass ich auch aufschreibe, was ich nicht weiss, halte ich deshalb für keinen Makel.

Was belegt ist

Unterbrochene Arbeit wird oft erst spät wieder aufgenommen.

In einer Feldbeobachtung von Gloria Mark und Kollegen wurde unterbrochene Arbeit, wenn sie am selben Tag wieder aufgenommen wurde, im Durchschnitt erst nach gut 25 Minuten fortgesetzt, meist nach Zwischenschritten in zwei anderen Aufgaben. In einer weiteren Untersuchung arbeiteten unterbrochene Personen schneller, berichteten aber mehr Stress, Frustration, Zeitdruck und Anstrengung.

Quelle
Gloria Mark, Victor M. Gonzalez und Justin Harris, «No Task Left Behind?», CHI 2005; Gloria Mark, Daniela Gudith und Ulrich Klocke, «The Cost of Interrupted Work», CHI 2008
→ Kapitel 4

Reife ersetzt keine Kultur.

Projektmanagement-Reife ersetzt die Kultur einer Organisation nicht. Die Untersuchung fand einen Zusammenhang zwischen Reife und wahrgenommener Geschäftsleistung, aber nicht zwischen Reife und Projektleistung.

Quelle
Untersuchung von H. J. Yazici mit 86 Projektfachleuten aus Dienstleistungs- und Produktionsorganisationen in den USA
Grenze oder Gegenposition
Sie belegt nicht das Reifegradmodell dieser Publikation und keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Reife und Projekterfolg; sie beruht auf Einschätzungen der Befragten.
→ Kapitel 7

Die Grundidee bekommt weniger Mittel als die Umsetzung.

Knut Samset und Gro Holst Volden beschreiben als Paradox, dass Organisationen weniger Mittel darauf verwenden, die richtige Grundidee zu finden, als darauf, die Leistung während der Umsetzung zu verbessern.

Quelle
Knut Samset und Gro Holst Volden
→ Kapitel 8

Worauf die Forschung hinweist

Lessons Learned werden erfasst, aber kaum genutzt.

In einer von Blaize Horner Reich zitierten Befragung von rund tausend erfahrenen Projektleitern hatten 62 Prozent ein formales Verfahren für Lessons Learned, aber nur 12 Prozent hielten sich wirklich daran. Ich kenne den Befund aus zweiter Hand und führe ihn deshalb als Hinweis.

Quelle
Blaize Horner Reich (zitiert)
Grenze oder Gegenposition
Ich kenne den Befund aus zweiter Hand und führe ihn deshalb als Hinweis.
→ Kapitel 6

Erklärungen für Kostenüberschreitungen.

Flyvbjerg und Mitautoren erklären systematische Kostenunterschätzungen insbesondere mit psychologischen und politisch-ökonomischen Verzerrungen. Andere Forschende, darunter Love und Ahiaga-Dagbui, kritisieren diese Erklärung als zu eng und betonen unter anderem Projektkomplexität, Scope-Änderungen und methodische Fragen bei der Messung von Kostenüberschreitungen.

Quelle
Flyvbjerg und Mitautoren; Martin Wachs (1989)
Grenze oder Gegenposition
Die Gegenposition gehört dazu. Andere Forschende, darunter Love und Ahiaga-Dagbui, kritisieren diese Erklärung als zu eng und betonen unter anderem Projektkomplexität, Scope-Änderungen und methodische Fragen bei der Messung von Kostenüberschreitungen.
→ Kapitel 8

Was Erfahrung und These ist

Projekte hängen stärker an Personen als die Linie.

Eingespielte Linienprozesse beherrschen viele Unternehmen gut. Der geordnete Umgang mit Projekten ist dagegen oft stärker personenabhängig.

→ Kapitel 1

Das Modell der Abstimmungswege.

Das vereinfachte Modell zur Zunahme von Abstimmungswegen zeigt eine Grössenordnung und ist kein Naturgesetz.

→ Kapitel 2

Abhängige Vorhaben kosten mehr Abstimmung als viele gleichartige.

Eine grössere Zahl ähnlicher, weitgehend unabhängiger Vorhaben kann weniger Koordination verlangen als wenige komplexe, stark voneinander abhängige Vorhaben. Änderungen an einem Vorhaben können Auswirkungen auf andere, davon abhängige Vorhaben haben.

→ Kapitel 2

Frühwarnzeichen bilden ein Muster.

Zusammen bilden sie ein Muster, und wer es früh erkennt, kann handeln, solange es noch leicht ist.

→ Kapitel 2

Eine gute Methode hebt auch weniger Erfahrene.

Eine gute Methode verhilft auch einer weniger erfahrenen Person zu starker Wirkung, wenn sie sich an den gemeinsamen Handlungsprinzipien orientiert.

→ Kapitel 3

Struktur allein verändert keine Organisation.

Strukturen und Strategien allein verändern eine Organisation nicht. Veränderung wird erst wirksam, wenn sich auch die gemeinsamen Vorstellungen und gelebten Praktiken verändern.

→ Kapitel 3

Mehr Ordnung verordnen ist der häufigste Reflex.

Der häufigste Reflex ist, mehr Ordnung zu verordnen. … Die Folgen können messbar sein: höherer Koordinationsaufwand, längere Durchlaufzeiten, mehr Belastung oder geringere Produktivität.

→ Kapitel 4

Der Stau entsteht oft weiter oben.

Bei genauerem Hinsehen entsteht er oft weiter oben, dort, wo Grundlagen geklärt werden müssten.

→ Kapitel 4

Acht Klärungsfelder sind eine gewählte Gliederung.

Dass es genau acht sind, ist keine naturgesetzliche Herleitung, sondern eine bewusst gewählte, in der Praxis bewährte Gliederung: fein genug, um konkret zu sein, grob genug, um übersichtlich zu bleiben.

→ Kapitel 5

Ein gutes Angebot löst echte Bedürfnisse.

Ein gutes Angebot löst echte Bedürfnisse echter Menschen, die diese nicht selbst befriedigen können. Das ist eine Wertaussage, keine empirische Behauptung, und sie steht bewusst am Anfang des ersten Klärungsfelds.

→ Kapitel 5

Wer entscheidet, zählt oft mehr als der Plan.

Die scheinbar simple Frage, wer hier eigentlich entscheidet, ist für Erfolg oder Scheitern oft wichtiger als jeder noch so gute Plan.

→ Kapitel 5

Die Geschichte ist aus mehreren Fällen zusammengesetzt.

Die folgende Geschichte ist aus mehreren realen Fällen zusammengesetzt.

→ Kapitel 6

Was überlebt, sind die Vorlagen.

Was überlebt, sind meist die Formulare und Vorlagen, nicht die eigentlichen Erkenntnisse.

→ Kapitel 6

Das Reifegradmodell.

Die fünf Grade beschreiben eine eigene Orientierung der organisatorischen Projektfähigkeit. Sie sind an verbreitete Reifegradansätze angelehnt, aber weder empirisch validiert noch eine verpflichtende Entwicklungsfolge. Digitalisierung unterstützt alle Stufen; Lernen kann früh beginnen und wird auf der höchsten Stufe systematisch genutzt.

→ Kapitel 7

Das Muster gescheiterter Vorhaben.

Dass Führung, Beteiligte und Risiken zu Beginn nicht angesprochen werden und zu viel Last bei den Mitarbeitenden liegt, ist ein Erfahrungswert, kein Forschungsbefund.

→ Kapitel 8

Für das Scheitern gibt es keine einzelne Ursache.

Gründe können unter anderem organisatorische, kommunikative und führungsbezogene Faktoren sein; eine einzelne, für alle Vorhaben gültige Ursache lässt sich nicht ausmachen.

→ Kapitel 8

Untere Klärungsfelder kosten Einfluss.

Die oberen Klärungsfelder kosten Nachdenken. Die nachfolgenden kosten etwas anderes, nämlich Einfluss. Wer Entscheidungsrechte festlegt, verteilt sie neu.

→ Kapitel 8

Oft setzt sich der am besten vorgetragene Vorschlag durch.

In der Auseinandersetzung um ein Vorhaben setzt sich nicht immer der beste Vorschlag durch, sondern häufig der am besten vorgetragene.

→ Kapitel 8

Frühe Klärung ist meist am günstigsten.

Die Klärung ganz am Anfang, wenn man festlegt, was ein Vorhaben überhaupt erreichen soll, ist in aller Regel der günstigste Zeitpunkt. Ein Fehler, der dort erkannt wird, lässt sich meist mit weit weniger Aufwand korrigieren als mitten in der Umsetzung.

→ Kapitel 8

Das Referenzmodell ist ein Orientierungsmodell.

Das Referenzmodell ist ein generischer Führungsrahmen für Projekte.

→ Kapitel 10

Was offen ist

Zahlt sich systematisches Projektmanagement aus?

Untersuchungen finden positive statistische Zusammenhänge zwischen wirksamem Projektmanagement, der Anwendung von Methoden und Projekterfolg (Mir und Pinnington 2014; Joslin und Müller 2015). Teilweise wird auch ein Zusammenhang mit wahrgenommener Geschäftsleistung berichtet (Yazici 2009). Das sind keine kausalen Renditenachweise. Ob sich eine bestimmte Investition auf Unternehmensebene auszahlt, hängt von Ausgangslage, Kultur und Umsetzung ab. Ich empfehle, die Wirkung im eigenen Fall anhand vorher definierter Indikatoren zu prüfen.

→ Kapitel 7

Gelten die Befunde für alle Projektarten?

Wie weit sie sich auf andere Projektarten übertragen lassen, etwa auf interne Veränderungen oder Kundenaufträge, ist offen.

→ Kapitel 8

Ändert Sichtbarkeit etwas an Machtverhältnissen?

Ich weiss, dass Sichtbarkeit Verzerrungen sichtbar macht. Ob eine Organisation daraufhin anders entscheidet, weiss ich nicht.

→ Kapitel 8

Werden Entscheidungen besser?

Ob ein geordneter Umgang mit dem Neuen über die Vorphase hinaus auch die Qualität von Entscheidungen verbessert, ist offen. Ich vermute es, ich kann es nicht belegen.

Andere Unterscheidungen in Projekten

Diese vier Arten ordnen die Aussagen dieser Publikation. Für Informationen in Projektberichten und für Beiträge in Projektdiskussionen helfen andere Unterscheidungen. Sie stehen in den Artikeln «Unsicherheit ist eine Information» und «Transparenz, die handlungsfähig macht».

Zu meinen Denkquellen

Die Bücher, die mein Denken geprägt haben, stehen unter «Denkquellen». Sie sind Denkquellen und keine Belege. Wo ich mich auf Untersuchungen stütze, nenne ich die Untersuchung und nicht das Buch, das sie populär gemacht hat.

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