Projektmanagement als Organisationsfähigkeit · Anhang
Belege, Thesen und offene Fragen
Zu Beginn habe ich gesagt, dass Sie jederzeit erkennen sollen, welche Art von Aussage Sie gerade lesen. Hier steht alles zusammen.
Ein Papier, das seine eigenen Grenzen kennt, ist im Gespräch mehr wert als eines, das jede Frage beantwortet. Dass ich auch aufschreibe, was ich nicht weiss, halte ich deshalb für keinen Makel.
Was belegt ist
Unterbrochene Arbeit wird oft erst spät wieder aufgenommen.
In Beobachtungen von Gloria Mark und Kollegen kehrten Menschen nach einer Unterbrechung im Durchschnitt erst nach rund 23 Minuten zur ursprünglichen Aufgabe zurück, häufig nach Zwischenschritten in anderen Aufgaben. In einer weiteren Untersuchung arbeiteten unterbrochene Personen schneller, berichteten aber mehr Stress, Frustration, Zeitdruck und Anstrengung.
- Quelle
- Gloria Mark und Kollegen
Reife ersetzt keine Kultur.
Projektmanagement-Reife ersetzt die Kultur einer Organisation nicht. Die Untersuchung fand einen Zusammenhang zwischen Reife und wahrgenommener Geschäftsleistung, aber nicht zwischen Reife und Projektleistung.
- Quelle
- Untersuchung von H. J. Yazici mit 86 Projektfachleuten aus Dienstleistungs- und Produktionsorganisationen in den USA
- Grenze oder Gegenposition
- Sie belegt nicht das Sechs-Stufen-Modell dieser Publikation und keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Reife und Projekterfolg; sie beruht auf Einschätzungen der Befragten.
Die Grundidee bekommt weniger Mittel als die Umsetzung.
Knut Samset und Gro Holst Volden beschreiben als Paradox, dass Organisationen weniger Mittel darauf verwenden, die richtige Grundidee zu finden, als darauf, die Leistung während der Umsetzung zu verbessern.
- Quelle
- Knut Samset und Gro Holst Volden
Worauf die Forschung hinweist
Lessons Learned werden erfasst, aber kaum genutzt.
In einer von Blaize Horner Reich zitierten Befragung von rund tausend erfahrenen Projektleitern hatten 62 Prozent ein formales Verfahren für Lessons Learned, aber nur 12 Prozent hielten sich wirklich daran. Ich kenne den Befund aus zweiter Hand und führe ihn deshalb als Hinweis.
- Quelle
- Blaize Horner Reich (zitiert)
- Grenze oder Gegenposition
- Ich kenne den Befund aus zweiter Hand und führe ihn deshalb als Hinweis.
Erklärungen für Kostenüberschreitungen.
Flyvbjerg und Mitautoren erklären systematische Kostenunterschätzungen insbesondere mit psychologischen und politisch-ökonomischen Verzerrungen. Andere Forschende, darunter Love und Ahiaga-Dagbui, kritisieren diese Erklärung als zu eng und betonen unter anderem Projektkomplexität, Scope-Änderungen und methodische Fragen bei der Messung von Kostenüberschreitungen.
- Quelle
- Flyvbjerg und Mitautoren; Martin Wachs (1989)
- Grenze oder Gegenposition
- Die Gegenposition gehört dazu. Andere Forschende, darunter Love und Ahiaga-Dagbui, kritisieren diese Erklärung als zu eng und betonen unter anderem Projektkomplexität, Scope-Änderungen und methodische Fragen bei der Messung von Kostenüberschreitungen.
Was Erfahrung und These ist
Projekte hängen stärker an Personen als die Linie.
Eingespielte Linienprozesse beherrschen viele Unternehmen gut. Der geordnete Umgang mit Projekten ist dagegen oft stärker personenabhängig.
→ Kapitel 1Das Modell der Abstimmungswege.
Das vereinfachte Modell zur Zunahme von Abstimmungswegen zeigt eine Grössenordnung und ist kein Naturgesetz.
→ Kapitel 2Die Staffelung nach Unternehmensgrösse.
Sie ist ein Erfahrungswert aus der Praxis und keine Studie.
→ Kapitel 2Abhängige Vorhaben kosten mehr Abstimmung als viele gleichartige.
Zehn gleichartige, voneinander unabhängige Vorhaben sind trotz ihrer Menge selten ein Problem, sie ähneln einander und stören sich nicht. Fünf komplexe, voneinander abhängige Vorhaben dagegen erzeugen einen hohen Koordinationsaufwand, weil jede Änderung im einen die anderen berührt.
→ Kapitel 2Frühwarnzeichen bilden ein Muster.
Zusammen bilden sie ein Muster, und wer es früh erkennt, kann handeln, solange es noch leicht ist.
→ Kapitel 2Eine gute Methode hebt auch weniger Erfahrene.
Eine gute Methode verhilft auch einer weniger erfahrenen Person zu starker Wirkung, wenn sie sich an den gemeinsamen Handlungsprinzipien orientiert.
→ Kapitel 3Struktur allein verändert keine Organisation.
Strukturen und Strategien allein verändern eine Organisation nicht. Veränderung wird erst wirksam, wenn sich auch die gemeinsamen Vorstellungen und gelebten Praktiken verändern.
→ Kapitel 3Mehr Ordnung verordnen ist der häufigste Reflex.
Der häufigste Reflex ist, mehr Ordnung zu verordnen. … Die Folgen können messbar sein: höherer Koordinationsaufwand, längere Durchlaufzeiten, mehr Belastung oder geringere Produktivität.
→ Kapitel 4Der Stau entsteht oft weiter oben.
Bei genauerem Hinsehen entsteht er oft weiter oben, dort, wo Grundlagen geklärt werden müssten.
→ Kapitel 4Acht Klärungsfelder sind eine gewählte Gliederung.
Dass es genau acht sind, ist keine naturgesetzliche Herleitung, sondern eine bewusst gewählte, in der Praxis bewährte Gliederung: fein genug, um konkret zu sein, grob genug, um übersichtlich zu bleiben.
→ Kapitel 5Ein gutes Angebot löst echte Bedürfnisse.
Ein gutes Angebot löst echte Bedürfnisse echter Menschen, die diese nicht selbst befriedigen können. Das ist eine Wertaussage, keine empirische Behauptung, und sie steht bewusst am Anfang des ersten Klärungsfelds.
→ Kapitel 5Wer entscheidet, zählt oft mehr als der Plan.
Die scheinbar simple Frage, wer hier eigentlich entscheidet, ist für Erfolg oder Scheitern oft wichtiger als jeder noch so gute Plan.
→ Kapitel 5Die Geschichte ist aus mehreren Fällen zusammengesetzt.
Die folgende Geschichte ist aus mehreren realen Fällen zusammengesetzt.
→ Kapitel 6Was überlebt, sind die Vorlagen.
Was überlebt, sind meist die Formulare und Vorlagen, nicht die eigentlichen Erkenntnisse.
→ Kapitel 6Das Reifegradmodell.
Die sechs Stufen sind ein Orientierungsmodell aus der Praxis. Es hilft, organisatorische Voraussetzungen sichtbar zu machen, ist aber kein empirischer Nachweis dafür, warum eine konkrete Einführung gelingt oder enttäuscht.
→ Kapitel 7Das Muster gescheiterter Vorhaben.
Dass Führung, Beteiligte und Risiken zu Beginn nicht angesprochen werden und zu viel Last bei den Mitarbeitenden liegt, ist ein Erfahrungswert, kein Forschungsbefund.
→ Kapitel 8Für das Scheitern gibt es keine einzelne Ursache.
Gründe können unter anderem organisatorische, kommunikative und führungsbezogene Faktoren sein; eine einzelne, für alle Vorhaben gültige Ursache lässt sich nicht ausmachen.
→ Kapitel 8Untere Klärungsfelder kosten Einfluss.
Die oberen Klärungsfelder kosten Nachdenken. Die nachfolgenden kosten etwas anderes, nämlich Einfluss. Wer Entscheidungsrechte festlegt, verteilt sie neu.
→ Kapitel 8Oft setzt sich der am besten vorgetragene Vorschlag durch.
In der Auseinandersetzung um ein Vorhaben setzt sich nicht immer der beste Vorschlag durch, sondern häufig der am besten vorgetragene.
→ Kapitel 8Frühe Klärung ist meist am günstigsten.
Die Klärung ganz am Anfang, wenn man festlegt, was ein Vorhaben überhaupt erreichen soll, ist in aller Regel der günstigste Zeitpunkt. Ein Fehler, der dort erkannt wird, lässt sich meist mit weit weniger Aufwand korrigieren als mitten in der Umsetzung.
→ Kapitel 8Das Referenzmodell ist ein Orientierungsmodell.
Das Referenzmodell ist ein generischer Führungsrahmen für Projekte.
→ Kapitel 10Was offen ist
Zahlt sich systematisches Projektmanagement aus?
Ob sich die Investition in systematisches Projektmanagement auf Unternehmensebene auszahlt, weiss ich nicht. Ich habe keine Untersuchung gefunden, die Unternehmen mit systematischem Projektmanagement sauber gegen solche ohne stellt. Die Reifegradforschung ist uneinheitlich, beruht überwiegend auf Selbstauskünften und hat ein Auswahlproblem, weil sich investierende Unternehmen ohnehin von anderen unterscheiden. Eine Vermutung halte ich trotzdem für brauchbar: Der Ertrag dürfte am grössten sein, wenn man von einem tiefen Niveau aus den nächsten Schritt macht, und auf hohen Stufen abnehmen.
→ Kapitel 7Gelten die Befunde für alle Projektarten?
Wie weit sie sich auf andere Projektarten übertragen lassen, etwa auf interne Veränderungen oder Kundenaufträge, ist offen.
→ Kapitel 8Ändert Sichtbarkeit etwas an Machtverhältnissen?
Ich weiss, dass Sichtbarkeit Verzerrungen sichtbar macht. Ob eine Organisation daraufhin anders entscheidet, weiss ich nicht.
→ Kapitel 8Werden Entscheidungen besser?
Ob ein geordneter Umgang mit dem Neuen über die Vorphase hinaus auch die Qualität von Entscheidungen verbessert, ist offen. Ich vermute es, ich kann es nicht belegen.
Andere Unterscheidungen in Projekten
Diese vier Arten ordnen die Aussagen dieser Publikation. Für Informationen in Projektberichten und für Beiträge in Projektdiskussionen helfen andere Unterscheidungen. Sie stehen in den Artikeln «Unsicherheit ist eine Information» und «Transparenz, die handlungsfähig macht».
Zu meinen Denkquellen
Die Bücher, die mein Denken geprägt haben, stehen unter «Denkquellen». Sie sind Denkquellen und keine Belege. Wo ich mich auf Untersuchungen stütze, nenne ich die Untersuchung und nicht das Buch, das sie populär gemacht hat.