Inhalt und Lesewege

Teil B · Wissensbasiertes Fundament

B2. Change, Change Management und Transformation: Was bedeuten die Begriffe?

Andreas Hosang · Publikationsfassung 1.0 RC1

Nachdem geklärt ist, wofür ein Unternehmen sich verändern möchte, stellt sich eine zweite Frage: Welche Art von Veränderung ist überhaupt gemeint? Eine neue Arbeitsanweisung, die Begleitung der betroffenen Menschen und eine grundlegende Neuausrichtung des Unternehmens sind miteinander verbunden. Sie bezeichnen aber nicht dasselbe.

Die Begriffe helfen uns nur, wenn sie die Aufgabe genauer beschreiben. In dieser Arbeit werden sie deshalb nicht als Wertung verwendet. Eine Transformation ist nicht allein wegen ihrer grösseren Tiefe besser als eine begrenzte Anpassung. Entscheidend bleibt, welche Veränderung dem geklärten Ziel und der konkreten Situation entspricht.

B2.1 Change: Was verändert sich tatsächlich?

Change verwenden wir als Oberbegriff für eine Veränderung gegenüber einem bisherigen Zustand. Damit können kleine Anpassungen ebenso gemeint sein wie tiefgreifende Veränderungen. Der Begriff umfasst in unserer Systematik sowohl beabsichtigte als auch ungeplante Entwicklungen. Diese Begriffsentscheidung folgt der vorhandenen Matrix; sie wird nicht als wörtliche Definition eines einzelnen Autors ausgegeben.

Ein neuer Ablauf, eine andere Aufgabenverteilung oder ein verändertes Geschäftsmodell können demnach jeweils Change sein. Das Wort allein sagt noch nicht, wie weit die Veränderung reicht, ob sie erfolgreich begleitet wird oder ob sie das Unternehmen seinem Ziel näherbringt.

Für die Untersuchung benötigen wir deshalb einen bestimmten Gegenstand und einen Vergleich: Was war vorher anders? Welche Personen, Regeln oder Arbeitsweisen betrachten wir? Auf welchen Zeitraum bezieht sich die Aussage?

Ein Vorhaben anzukündigen ist nicht dasselbe, wie es umzusetzen. Eine neue Regel einzuführen ist wiederum nicht dasselbe, wie nachzuweisen, dass sie im Alltag angewendet wird. Deshalb unterscheiden wir zwischen beabsichtigter Veränderung, formaler Einführung und beobachtbarer Praxis. Diese Unterscheidung gehört zu unserem Prüfrahmen.

Change benennt die Veränderung. Es erklärt für sich genommen weder ihren Weg noch ihren Nutzen.

B2.2 Change Management: Wie werden Menschen bei der Veränderung begleitet?

Creasey (2026, Abschnitt «Change Management Defined») beschreibt Change Management als die Anwendung strukturierter Prozesse und Werkzeuge, um die menschliche Seite einer Veränderung auf ein gewünschtes Ergebnis auszurichten. Im Mittelpunkt stehen Vorbereitung, Befähigung, persönliche Übernahme und Anwendung. Auch die Verstetigung gehört zum Ansatz. Wir verwenden diese ausdrücklich menschenbezogene Definition als benannte Arbeitsgrundlage, nicht als einzig mögliche Definition des gesamten Fachgebiets.

Change Management bezeichnet damit eine Managementdisziplin, keine zusätzliche Veränderungsstufe. Es kann eine begrenzte Umstellung ebenso begleiten wie eine umfassende Transformation.

Prosci unterscheidet diese Aufgabe von der Gestaltung und Bereitstellung einer Lösung durch das Projektmanagement. Beide Perspektiven sollen zusammenwirken. Die dort sogenannte technische Seite umfasst auch organisatorische Lösungen und ist nicht mit Informationstechnologie gleichzusetzen.

Für unsere praktische Betrachtung ergeben sich daraus Fragen wie: Wer soll künftig anders arbeiten? Was benötigen diese Menschen dafür? Wie werden offene Fragen und Schwierigkeiten aufgenommen? Und woran wird die tatsächliche Anwendung sichtbar?

Unsere daraus abgeleitete Abgrenzung lautet: Gute Kommunikation allein macht eine unbrauchbare Lösung nicht brauchbar. Eine sachlich passende Lösung wiederum beantwortet noch nicht, wie die Beteiligten damit arbeiten können. Lösungsqualität, verfügbare Mittel und persönliche Übernahme sind getrennt zu prüfen.

B2.3 Transformation: Was ändert sich an der Funktionsweise des Unternehmens?

Transformation bezeichnet in dieser Arbeit eine grundlegende Veränderung der Art, wie eine Organisation ihren Zweck erfüllt, Wert schafft, Verantwortung ordnet und zusammenarbeitet. Sie kann Strategie, Geschäftsmodell, Führung, Kultur und Fähigkeiten betreffen. Das ist unsere Arbeitsdefinition, die an die vorhandene Veränderungsforschung anschliesst.

Burke und Litwin (1992, Abstract) behandeln Mission und Strategie, Führung und Kultur als transformationale Faktoren. Ihr Modell setzt diese mit weiteren Faktoren wie Struktur, Systemen und Managementpraxis in Beziehung. Sie formulieren damit theoretische Wirkungszusammenhänge, nicht lediglich eine Liste äusserer Umbauten.

Bartunek und Moch (1987, Abstract) unterscheiden Veränderungen innerhalb gemeinsam geteilter Deutungsrahmen von Veränderungen dieser Rahmen selbst. Mit einem Deutungsrahmen ist gemeint, wie Menschen Ereignisse einordnen und verstehen. Zusätzlich betrachten sie die Fähigkeit, solche Rahmen bei Bedarf erneut zu verändern.

Damit steht fest: Die Forschung beschäftigt sich bereits mit grundlegenden Veränderungen des Denkens und der Kultur. Wir dürfen Transformation nicht auf Technik und Organigramme verkürzen, um unserer späteren Neuorientierungs-Perspektive künstlich einen exklusiven Platz zu schaffen.

Für unsere Einordnung ist nicht allein entscheidend, wie viele Massnahmen durchgeführt werden. Wir fragen vielmehr, ob sich die bisherige Funktionsweise des betrachteten Unternehmens oder Bereichs grundlegend verändert. Welche Bestandteile dafür verändert werden müssen und welche erhalten bleiben können, ist am jeweiligen Vorhaben zu zeigen. Es gibt in unserem Arbeitsmodell keinen vorgegebenen Mindestumfang an umzugestaltenden Abteilungen.

B2.4 Ein konstruiertes Beispiel: Zwei unterschiedliche Vorhaben

Das folgende Beispiel ist frei konstruiert. Es beschreibt weder einen Kundenfall noch eine empirische Studie.

Ein Unternehmen stellt Geräte her und bietet Reparaturen an. Es möchte Serviceanfragen verlässlicher bearbeiten. Dafür führt es eine gemeinsame Erfassung der Anfragen und klare Zuständigkeiten ein. Das Leistungsangebot bleibt unverändert: Geräte werden verkauft, Reparaturen bei Bedarf ausgeführt.

Das erste Vorhaben ist eine abgegrenzte Veränderung. Es kann wirtschaftlich wichtig und in der Umsetzung anspruchsvoll sein. In der beschriebenen Ausgangslage ist es jedoch noch kein grundlegender Umbau des Unternehmensmodells.

Change Management würde hier die Menschen bei der neuen Arbeitsweise unterstützen: Die Beteiligten klären, welche Informationen sie erfassen, wie Übergaben erfolgen, welche Unterstützung sie benötigen und wie Schwierigkeiten aus der Anwendung bearbeitet werden. Diese Aufgaben sind unsere Anwendung der genannten Definition auf das Beispiel, kein vorgeschriebener Ablauf von Prosci.

Nun betrachten wir eine andere mögliche Entscheidung desselben erfundenen Unternehmens. Es will künftig nicht mehr vorrangig Geräte verkaufen und einzelne Reparaturen abrechnen, sondern deren vereinbarte Verfügbarkeit als laufende Leistung anbieten.

In dieser Variante wären andere Fragen zu bearbeiten: Wie wird die dauerhafte Betreuung organisiert? Welche Fähigkeiten werden benötigt? Wofür werden Vertrieb und Service verantwortlich gemacht? Welche Informationen braucht das Unternehmen über den Zustand seiner Geräte? Was bedeutet Erfolg, wenn nicht mehr der einzelne Verkauf im Mittelpunkt steht?

Dieses zweite Vorhaben wäre nach unserer Arbeitsdefinition eine Transformation, sofern die neue Funktionsweise tatsächlich umgesetzt wird. Das Unternehmen ordnet sein Leistungsversprechen, seine wirtschaftliche Logik und seine Zusammenarbeit neu. Eine zusätzliche Software könnte dazugehören, wäre aber nicht die Transformation selbst.

Auch hier hätte Change Management eine Aufgabe. Es wäre nicht die kleinere Vorstufe, die durch Transformation ersetzt wird, sondern eine begleitende Disziplin.

Die Gegenüberstellung enthält keine Empfehlung, das zweite Vorhaben zu wählen. Es könnte für dieses Unternehmen ungeeignet sein. Das Beispiel dient ausschliesslich dazu, Veränderungstiefe von der Begleitung der Veränderung zu unterscheiden.

B2.5 Die Begriffe nebeneinander, nicht auf einer Treppe

Aus den bisherigen Arbeitsdefinitionen ergibt sich folgende Orientierung. Die Formulierungen sind unsere Zusammenfassung; die Quellenbezüge stehen in den vorangehenden Abschnitten.

BegriffWas er in dieser Arbeit bezeichnetDie zugehörige Frage
ChangeEine Veränderung gegenüber einem bisherigen ZustandWas ist tatsächlich anders geworden?
Change ManagementDie strukturierte Begleitung der menschlichen Seite einer VeränderungWie werden Menschen befähigt, die Veränderung zu übernehmen und anzuwenden?
TransformationEine grundlegende Veränderung der Funktionsweise einer OrganisationWas ändert sich an der bisherigen Organisations- und Geschäftslogik?
SRCEinen besonders definierten kritischen BelastungszustandÜbersteigen die Veränderungsanforderungen die Anpassungsfähigkeit?
Grundlegende NeuorientierungDer neutrale Untersuchungsgegenstand dieses FundamentsWird eine geänderte Ausrichtung tatsächlich getragen und praktisch verankert?
Radical Change im EssayDie persönliche, normativ bestimmte Ausrichtung auf verantwortliche UnternehmensführungDient die veränderte Führung dem Wohl der Betroffenen und wird sie tatsächlich gelebt?

SRC und die beiden Perspektiven auf Neuorientierung werden in den folgenden Kapiteln vertieft. Sie stehen hier, damit die Beziehung bereits sichtbar ist. Aus der Reihenfolge der Tabelle entsteht keine zeitliche Abfolge und keine Rangordnung.

B2.6 Veränderungstiefe und Überforderung sind unterschiedliche Fragen

Die auf der Leverage-Experts-Website Rafferty zugeschriebene Definition (Leverage Experts, n.d.) bezeichnet als Situations of Rapid Change jene Momente, in denen die Dynamik einer Transformation die Anpassungsfähigkeit der Organisation übersteigt. Sie nennt zugleich eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage.

Für unsere Analyse folgt daraus: Der Umfang eines Umbaus allein erlaubt noch keine SRC-Diagnose. Eine Transformation beschreibt hier die Tiefe der Veränderung; SRC bezeichnet einen kritischen Zustand im Verhältnis zwischen Anforderungen und Anpassungsfähigkeit. Diese Unterscheidung ist unsere begriffliche Ableitung aus den Quellen.

Eine tiefgreifende Neuorientierung muss deshalb nicht erst nach einem Zusammenbruch beginnen. Umgekehrt legt eine schwere Belastung noch nicht fest, dass sämtliche Grundannahmen des Unternehmens aufgegeben werden müssen. Zu prüfen bleibt, ob zunächst Entlastung, Kompetenzen, klarere Entscheidungen oder andere organisatorische Bedingungen erforderlich sind.

Unsere Arbeit konzentriert sich besonders auf kritische Situationen. Sie begründet keinen allgemeinen Auftrag zur radikalen Veränderung.

B2.7 Was soll bestehen bleiben?

Die im ersten Kapitel gestellte Zielfrage gilt auch nach der Begriffsklärung. Eine grosse Veränderung ist kein Selbstzweck. Die Prüfung kann zeigen, dass die bisherige Ausrichtung weiterträgt und eine begrenzte Korrektur genügt. Sie kann auch ergeben, dass die bisherigen Annahmen selbst zum Hindernis geworden sind. Das sind unterschiedliche mögliche Ergebnisse unserer Untersuchung.

Bewusstes Beibehalten ist dabei nicht automatisch grundlegende Neuorientierung. Bleiben sowohl die grundlegenden Annahmen als auch die Praxis unverändert, liegt kein nachgewiesener grundlegender Wandel vor. Ändert sich dagegen die Art, wie Menschen Verantwortung verstehen, Entscheidungen begründen und Rückmeldungen aufnehmen, kann eine wesentliche Neuorientierung stattfinden, obwohl etwa das Geschäftsmodell bestehen bleibt. Auch dann sind der Unterschied zum Ausgangszustand und der zeitliche Bestand zu belegen.

Grundlegende Neuorientierung wird später deshalb nicht als Steigerungswort für eine besonders grosse Transformation eingeführt. Unser Arbeitsbegriff richtet den Blick auf die tatsächliche Übernahme einer grundlegenden Neuorientierung und deren Verankerung in der Praxis. Damit überschneidet er sich bewusst mit bestehender Transformationsforschung. Er verspricht weder automatisch bessere Entscheidungen noch wirtschaftlichen Erfolg.

Die nächste Frage lautet nun: Was geschieht, wenn eine Organisation die anstehenden Veränderungen nicht mehr ausreichend wahrnehmen, beurteilen und bewältigen kann? Hier setzt die vertiefte Auseinandersetzung mit Raffertys Situations of Rapid Change an.