Zurück zu den Artikeln

IPMA

IPMA und HERMES: Was ist der Unterschied?

Wer in der Schweiz eine Projektleitung sucht oder eine Weiterbildung plant, stösst auf zwei Begriffe: HERMES und IPMA. Man könnte sie für zwei konkurrierende Methoden halten. Das ist ein Missverständnis. HERMES und IPMA beantworten unterschiedliche Fragen und liegen auf verschiedenen Ebenen.

Zwei Fragen, zwei Antworten

HERMES beantwortet die Frage: Was muss in diesem Projekt wann entstehen, und wer entscheidet? HERMES ist die Projektmanagementmethode der Schweizer Bundesverwaltung. Sie legt Phasen, Meilensteine, Rollen, Aufgaben und Ergebnisse fest und stellt Vorlagen bereit.

IPMA beantwortet die Frage: Was muss eine Person können, um ein Projekt erfolgreich zu führen? Die Individual Competence Baseline (ICB4) der IPMA beschreibt 29 Kompetenzelemente in drei Bereichen: Kontext, Menschen und Praktiken. Sie schreibt ausdrücklich keine Methode vor.

HERMESIPMA (ICB4)
ArtMethodeKompetenzstandard
HerausgeberBundeskanzleiInternational Project Management Association
Gegenstanddas Projektdie Person
RegeltPhasen, Rollen, Ergebnisse, EntscheideWissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten
NachweisZertifikat Foundation und AdvancedZertifizierung Stufe D bis A über den VZPM
Prüft beim ZertifikatKenntnis und Anwendung der Methodeab Stufe C Kompetenz und Erfahrung, mit Bericht und Interview

Beide Standards verweisen aufeinander

Die beiden Standards sind so gebaut, dass sie sich ergänzen. Das zeigen ihre eigenen Aussagen:

  • Das HERMES-Referenzhandbuch setzt voraus, dass die Beteiligten bereits eine Projektmanagement-Ausbildung oder fundierte Praxis mitbringen. HERMES regelt, was erwartet wird. Wie man ein Projekt führt, lernt man laut Bundeskanzlei in Ausbildung und Praxis.
  • Die ICB4 sagt, sie stehe neben anderen Standards, die sich stärker auf Prozesse konzentrieren. Geeignete Methoden und Werkzeuge können von der Organisation festgelegt werden. Die Person wählt daraus, was zur Situation passt.

HERMES liefert also die Struktur, IPMA beschreibt die Fähigkeiten der Menschen, die in dieser Struktur arbeiten.

Wo sich beide begegnen

Viele Kompetenzelemente der ICB4 finden in HERMES eine Entsprechung. Einige Beispiele:

Kompetenzelement ICB4Entsprechung in HERMES
StrategieAusrichtung am Nutzen, Studie und Durchführungsauftrag
Governance, Strukturen und ProzesseRollen, Meilensteine und Freigaben durch den Auftraggeber
Compliance, Standards und RegularienRechtsgrundlagenanalyse und ISDS-Konzept
ProjektdesignWahl von Szenario und Vorgehen, klassisch oder agil
Chancen und RisikenAufgabe «Risiken managen» im Modul Projektführung, auf Wunsch des Auftraggebers zusätzlich ein übergeordnetes Risikomanagement in der Projektsteuerung
StakeholderModul Projektführung: Stakeholder für das Projekt gewinnen und informieren, dazu die Rolle Anwendervertreter
BeschaffungModul Beschaffung

Diese Zuordnung ist eine eigene Gegenüberstellung der Inhalte beider Standards. Sie stammt weder aus HERMES noch aus der ICB4.

Deutlich wird dabei auch, wo HERMES wenig sagt: bei den persönlichen und sozialen Kompetenzen. Führung, Konflikte und Krisen, Verhandlungen oder Selbstreflexion regelt HERMES nicht. Das ist kein Mangel, sondern Absicht: Eine Methode legt Abläufe fest, nicht Verhalten. Genau hier setzt die ICB4 an.

Was das für die Praxis bedeutet

  • Für Auftraggeber: Wer eine Projektleitung sucht, sollte beides prüfen. Die Kenntnis von HERMES zeigt, dass jemand die Struktur beherrscht, die in der Verwaltung verlangt wird. Ein IPMA-Zertifikat ab Stufe C zeigt, dass die Führungskompetenz unabhängig geprüft wurde.
  • Für Projektleitende: Die ICB4 eignet sich als Raster für die eigene Entwicklung. Sie zeigt, welche Fähigkeiten eine Methode voraussetzt, aber nicht vermittelt.
  • Für Organisationen: Eine Methode einzuführen reicht nicht. Nach meiner Einschätzung scheitern Projekte seltener an fehlenden Vorlagen als an fehlenden Entscheiden, unklaren Rollen oder ungelösten Konflikten. Das sind Themen der ICB4.

Fazit

HERMES oder IPMA ist die falsche Frage. HERMES gibt dem Projekt eine Form, IPMA beschreibt, was die Menschen darin können müssen. In der Schweizer Verwaltung und bei ihren Partnern ergibt die Kombination deshalb Sinn: gemeinsame Begriffe und Abläufe durch HERMES, geprüfte Führungskompetenz durch IPMA.

Weiterlesen: HERMES-Hauptseite · IPMA Projektmanagement: Kompetenz statt Methode

Quellen: IPMA Individual Competence Baseline, Version 4.0, deutsche Fassung · HERMES Referenzhandbuch Projektmanagement, Ausgabe 2022 · HERMES Online, Modul Projektführung · HERMES Online, Aufgabe Risiken managen · eCH-Interview mit Martin Schwaar · VZPM, Zertifizierungssystem IPMA

Passende Einblicke