Zurück zu den Artikeln

HERMES

Warum die Privatwirtschaft selten mit HERMES arbeitet

HERMES, PRINCE2, PMI, IPMA und Scrum: Welche Methoden Unternehmen nutzen und was sie von HERMES lernen können

HERMES ist in der Schweizer Verwaltung Standard. In der Privatwirtschaft hört man den Namen seltener. Die Bundeskanzlei betont zwar, dass HERMES auch in Unternehmen eingesetzt wird, besonders in stark regulierten. Eine Liste der Anwender gibt es aber nicht, weil die Methode ohne Anmeldung genutzt werden kann. Sicher ist: In Unternehmen dominieren andere Namen. Warum ist das so, und ist es berechtigt?

Was Unternehmen stattdessen nutzen

AnsatzHerausgeberAktuelle FassungWas er regelt
HERMESBundeskanzlei, SchweizAusgabe 2022, 3. Auflage, Stand 9. März 2026Projektmanagementmethode mit Phasen, Rollen, Ergebnissen und Vorlagen
PMI (PMBOK Guide)Project Management Institute, USA8. Ausgabe, November 2025Standard mit sechs Grundprinzipien und sieben Leistungsbereichen, Prozesse als nicht verbindliche Empfehlung
PRINCE2ursprünglich britische Regierung, heute PeopleCertPRINCE2 7, 2023Prozessmethode mit Prinzipien, Praktiken und Prozessen, laut PeopleCert kombinierbar mit agilen Methoden, Lean und ITIL
IPMA (ICB4)International Project Management AssociationICB4Kompetenzstandard für Personen mit 29 Kompetenzelementen in drei Bereichen: Menschen, Praxis und Kontext. Schreibt keine Methode vor.
ScrumKen Schwaber und Jeff SutherlandScrum Guide, November 2020Rahmenwerk für die Zusammenarbeit von Teams in kurzen Iterationen, Anfang der 1990er-Jahre entwickelt

Wichtig für den Vergleich: Diese Ansätze liegen nicht auf derselben Ebene. HERMES und PRINCE2 sind Methoden, die ein Vorgehen beschreiben. Der PMBOK Guide ist ein Standard, der Prinzipien und Praktiken zusammenfasst. IPMA beschreibt, was eine Person können muss, und lässt die Methode ausdrücklich offen. Scrum regelt die Arbeit im Team, nicht das Projekt als Ganzes. In der Praxis werden sie deshalb oft kombiniert.

Was die Zahlen zeigen

In der Praxis setzen sich gemischte Vorgehen durch, weltweit und in der Schweiz:

  • Weltweit: Laut der globalen Umfrage des Project Management Institute stieg der Anteil hybrider Vorgehen von 20 Prozent im Jahr 2020 auf 31,5 Prozent im Jahr 2023. Klassische, planorientierte Vorgehen sind zwar noch am häufigsten, gingen im selben Zeitraum aber von 58 auf 43,9 Prozent zurück.
  • Schweiz: Laut SwissQ-Studie 2022 planen 56 Prozent der Befragten ihre Softwareentwicklung hybrid, also mit einer Kombination aus Phasenmodell und agilen Methoden. Als Beispiele für solche Phasenmodelle nennt die Studie ausdrücklich Wasserfall und HERMES 5.
  • Erfolg: Die PMI-Erhebung zeigt, dass klassische, agile und hybride Vorgehensweisen mit vergleichbaren Projektergebnissen einhergehen können. Entscheidend ist, dass das Vorgehen zum jeweiligen Kontext passt.

Fünf Gründe, warum Unternehmen selten HERMES wählen

Zu diesen Gründen gibt es nur teilweise Daten. Wo eine Aussage auf einer Einschätzung aus der Praxis beruht, steht das ausdrücklich dabei.

  1. Das Image. HERMES gilt als Verwaltungsmethode und als aufwendig. Die Bundeskanzlei selbst spricht von hartnäckigen Vorurteilen. Nach meiner Einschätzung kennen viele nur die vollständige Fassung für grosse Projekte, nicht das Sizing oder HERMES One.
  2. Die Reichweite. HERMES ist eine Schweizer Methode. Wer mit Teams in Deutschland, Indien oder den USA arbeitet, braucht einen Standard, den alle kennen. PMI und PRINCE2 sind international verbreitet, PRINCE2 laut PeopleCert in über 200 Ländern.
  3. Die Zertifikate. Einschätzung aus der Praxis, ohne belastbare Zahlen: Unternehmen stellen Projektleitende oft nach Zertifikaten ein, etwa PMP, IPMA oder PRINCE2. Diese Zertifikate sind im Arbeitsmarkt bekannter und auch im Ausland anerkannt.
  4. Die Agilität. In IT-Abteilungen ist Scrum oder SAFe gesetzt. Bis zur Ausgabe 2022 wirkte HERMES daneben schwerfällig. Nach meiner Einschätzung ist in der Privatwirtschaft wenig bekannt, dass HERMES heute agile Teams als Blackbox einbettet.
  5. Die eigene Methode. Einschätzung aus der Praxis, ohne belastbare Zahlen: Viele grössere Unternehmen haben ein eigenes Projektmodell, zusammengesetzt aus Elementen verschiedener Standards. Sie brauchen keine fertige Methode, sondern passen ihr Modell selbst an.

Die Herkunft ist nicht das Problem

Ein Argument greift zu kurz: dass HERMES wegen seiner Herkunft aus der Verwaltung nicht in Unternehmen passe. PRINCE2 stammt ebenfalls aus der öffentlichen Hand, nämlich aus Grossbritannien, und wird weltweit in Unternehmen eingesetzt. Nach meiner Einschätzung liegt der Unterschied vor allem in der internationalen Verbreitung, nicht in der Eignung.

Was Unternehmen von HERMES lernen können

Auch wer nicht nach HERMES arbeitet, kann einiges übernehmen. Diese Elemente sind in HERMES besonders klar geregelt:

  • Ein Auftraggeber mit Namen. HERMES verlangt eine einzelne Person, kein Gremium. Sie steuert das Projekt und entscheidet an jedem Meilenstein.
  • Eine echte Initialisierung. Vor der Umsetzung werden Lösungsvarianten verglichen, Risiken, Rechtsgrundlagen und Schutzbedarf geklärt. Erst dann wird entschieden.
  • Abbruch als normale Option. HERMES nennt Gründe, ein Projekt nach der Initialisierung zu stoppen. Nach meiner Erfahrung läuft in vielen Unternehmen ein einmal gestartetes Projekt einfach weiter.
  • Freigaben mit Budget. An jedem Meilenstein gibt der Auftraggeber die Mittel für die nächste Phase frei. Das zwingt zu regelmässigen Entscheiden.
  • Klare Grenzen zur Entwicklung. Die Projektführung darf nicht in die Selbstorganisation agiler Teams eingreifen, und die Teams melden an klar definierten Punkten.

Mein Fazit

Die Frage ist weniger, ob ein Unternehmen HERMES, PRINCE2 oder PMI wählt. Die PMI-Erhebung zeigt, dass unterschiedliche Vorgehensweisen mit vergleichbaren Projektergebnissen einhergehen können. Entscheidend ist, dass das Vorgehen zum jeweiligen Kontext passt. Wichtiger ist, ob es die Grundfragen jeder Methode beantwortet: Wer entscheidet? Wann wird entschieden? Wann wird gestoppt? Für Schweizer KMU, die mit Behörden, Gemeinden oder bundesnahen Betrieben zusammenarbeiten, hat HERMES einen zusätzlichen Vorteil: Beide Seiten sprechen dieselbe Sprache. Und die Methode ist frei verfügbar.

Weiterlesen: HERMES Projektmanagement für KMU und Gemeinden · HERMES und Scrum: So arbeiten sie zusammen

Quellen: eCH-Interview mit Martin Schwaar · HERMES Referenzhandbuch Projektmanagement, Ausgabe 2022 · PMI, PMBOK Guide, 8. Ausgabe · PMI, Pulse of the Profession 2024, Blog zur Studie · PeopleCert, PRINCE2 7 · IPMA, Individual Competence Baseline ICB4 · Scrum Guide 2020, Deutsch · SwissQ Trends & Benchmarks 2022, Netzwoche · guteprojekte.ch, Methodenvergleich

Passende Einblicke