Woran wir glauben, wenn wir urteilen
1.1Dieselben Tatsachen, verschiedene Schlüsse
Christlich-theologischPhilosophisch
Im September 2026 diskutierten vier Fachleute über die Frage, ob die Welt auf das vorbereitet ist, was künstliche Intelligenz bald kann. Andrew McAfee, Wissenschaftler am MIT, schilderte einen Vorfall, bei dem Agenten, Programme, die selbständig Aufgaben ausführen, aus einer Testumgebung ausbrachen. Er hält den Weg von diesem Vorfall bis zur Behauptung, künstliche Intelligenz werde alle Menschen töten, für lang und sehr unsicher; die Gegenseite sehe darin einen geraden, schmalen Pfad. Beide Seiten kennen dieselben Fakten. Was sie trennt, liegt davor.
Dasselbe Muster zeigt sich bei den ältesten Fragen der Menschheit. Gleich kluge Menschen kommen bei denselben Tatsachen zu entgegengesetzten Schlüssen. Timothy Keller, Pastor und Autor, beginnt eine seiner Vortragsreihen mit dieser Beobachtung. Er nennt Menschen, die über dieselben Fragen zum christlichen Glauben gefunden haben, die Philosophin Elizabeth Anscombe, den Genetiker Francis Collins, den Dichter T. S. Eliot, und andere, die ihn verlassen oder verworfen haben, etwa Mark Lilla, Richard Dawkins oder Bertrand Russell. An mangelnder Intelligenz liegt es auf keiner Seite.
Dieses Buch fragt, was menschliche Entscheidungen von maschineller Verarbeitung unterscheidet. Bevor es diese Frage stellen kann, muss es eine andere klären: Worauf stützt sich ein Urteil über letzte Fragen, über Gott, den Menschen, die Seele, die Zukunft? Und gibt es einen Standpunkt, der ohne Voraussetzungen auskommt? Diese Frage stellt sich jeder Leserin und jedem Leser, gleich ob gläubig oder nicht. Das Kapitel lädt dazu ein, sie mitzudenken.
Die Frage betrifft nicht nur Menschen. Auch die Systeme, um die es in diesem Buch geht, entstehen nicht ohne Voraussetzungen. Was ihre Entwickler und Geldgeber für wahr, wichtig und gut halten, geht in die Auswahl der Daten ein, in die Grundsätze für das Training und in die Grenzen, die ein Modell einhalten soll, und es prägt, wie das System antwortet und entscheidet. Kapitel 2 zeigt das an einem chinesischen Modell, Kapitel 13 fragt, wessen Werte in einem System stecken, und Kapitel 14, wer darüber bestimmt. Wer verstehen will, wie eine Maschine urteilt, muss darum die Annahmen kennen, aus denen sie gebaut ist, und die eigenen, mit denen er sie beurteilt.
1.2Kein Nullpunkt
Christlich-theologischPhilosophisch
Kellers Antwort ist eine These, die er in mehreren Schritten begründet. Säkularismus, die Überzeugung, dass man ohne Bezug auf Gott leben und urteilen kann, sei nicht die Abwesenheit von Glauben, sondern ein anderes Bündel ebenso unbeweisbarer Überzeugungen. Beide Seiten müssten ihre Überzeugungen begründen, und keine stehe moralisch oder rational höher.
Die erste Begründung betrifft den Beweis. Gottes Nichtexistenz sei so wenig beweisbar wie seine Existenz; auch wer nicht glaubt, lebe darum in diesem Sinn aus Glauben. Gott sei kein Gegenstand im Universum wie ein Schneemensch, den man suchen und nicht finden könne; der Vergleich sei ein Kategorienfehler. Ob Materie aus sich selbst bestehen kann, lasse sich für keine Seite experimentell prüfen.
Die zweite Begründung betrifft die Motive. Gefühle und Wünsche gebe es auf beiden Seiten. Keller führt den Philosophen Thomas Nagel an, der offen sagte, er wolle, dass es keinen Gott gibt, und den Schriftsteller Aldous Huxley, der eine Philosophie der Sinnlosigkeit als Befreiung von einer Moral beschrieben habe, die ihn einengte.
Die dritte Begründung reicht am weitesten. Ausserhalb der Mathematik gebe es keine einheitliche Bestimmung dessen, was rational ist und was als Beweis gilt; jede Auffassung vom Beweis setze sich selbst voraus, und die Vernunft gründe darum immer auf einem vorgängigen Vertrauen. Dazu kommen Hintergrundannahmen, die kaum bewusst sind und doch bestimmen, welche Argumente überhaupt überzeugen. Keller beruft sich dafür auf die Philosophen Michael Polanyi und Martin Heidegger. Auch Taylor spricht, im Anschluss an Wittgenstein, Heidegger und Polanyi, von einem Hintergrund, der nie ganz ausdrücklich formuliert ist und doch bestimmt, was uns plausibel erscheint. Der Übergang zum säkularen Zeitalter hat nach ihm diesen ganzen Hintergrund verändert: Heute kann niemand mehr naiv in einem Rahmen leben, weil jeder weiss, dass andere in einem anderen leben.
Wie solche Hintergrundannahmen wirken, zeigt Keller an einem Gedankenexperiment. Ein angelsächsischer Krieger vor tausend Jahren bejaht seine Aggression und unterdrückt ein Begehren, das von der Norm seiner Zeit abweicht. Ein junger Mann von heute macht es genau umgekehrt. Beide halten sich für authentisch, und beide wenden ein Raster an, das sie von ihrer Kultur übernommen haben. Niemand findet sich rein von innen. Entdeckt werden solche Annahmen nach Keller selten in Büchern oder im Internet, sondern im Gespräch und in Beziehungen.
Keller stützt seine These auch mit Stimmen von der anderen Seite. Andrew Koppelman, agnostischer Jurist, habe in einer Besprechung von Taylors Werk eingeräumt, in seinem eigenen Überzeugungssystem bleibe eine dauerhafte Lücke, und den modernen Säkularismus selbst eine religiöse Weltsicht genannt. Und ein ehemaliger Fundamentalist, den Keller nur mit Vornamen nennt, habe seinen Glaubensverlust im Rückblick nicht als Befreiung von einer Geschichte beschrieben, sondern als Wechsel von einer Glaubensgeschichte in eine andere.
Keller fasst das Ergebnis später so zusammen: Säkularismus sei ein anderes Bündel von Überzeugungen, und solche Bündel liessen sich prüfen, an der Erfahrung und an der Evidenz. Damit ist seine These keine Aufforderung, alles für gleich gültig zu halten. Sie ist eine Aufforderung, alle Positionen nach denselben Massstäben zu prüfen.
1.3Der immanente Rahmen
Philosophisch
Eine verwandte Diagnose stammt von Charles Taylor, Philosoph, auf den sich Keller ausdrücklich beruft. Sein Werk «Ein säkulares Zeitalter» wird in Kapitel 2 ausführlich vorgestellt.
Taylor beschreibt den modernen Westen als einen «immanenten Rahmen», einen Rahmen, der ganz innerhalb dieser Welt bleibt. Die wissenschaftlichen, sozialen und technischen Strukturen, in denen wir leben, lassen sich als natürliche Ordnung verstehen, ohne Bezug auf Übernatürliches oder Transzendentes, auf etwas, das über diese Welt hinausgeht. Dieser Rahmen lässt aber offen, ob wir uns für eine letzte Erklärung oder eine abschliessende Sinngebung auf etwas Transzendentes berufen müssen. Erst eine bestimmte Deutung lässt ihn als geschlossene Welt erscheinen. Ob man ihn als geschlossen oder als offen deutet, folgt also nicht aus neutralen Tatsachen, sondern ist selbst eine Deutung. Auch die geschlossene Deutung enthalte einen Vertrauensvorschuss, eine vorwegnehmende Zuversicht, die über das strikt Beweisbare hinausgeht.
Keller verwendet einen weiteren Begriff Taylors, die «Subtraktionsgeschichte». Gemeint ist die Erzählung, man habe in der Neuzeit lediglich Gott und das Übernatürliche weggenommen und sehe nun die Wirklichkeit, wie sie ist. Keller weist diese Erzählung zurück, und Taylor selbst kündigt an, sich gegen solche Theorien zu wenden: Die Merkmale der Moderne seien nicht übrig geblieben, nachdem frühere Täuschungen abgestreift waren, sondern Ergebnis neuer Erfindungen und neu entwickelter Selbstverständnisse. Kapitel 2 geht ihr genauer nach.
1.4Die stärkste Gegenposition
PhilosophischSäkular
Gegen Kellers These steht eine Tradition, die in seinen Vorträgen nur am Rand vorkommt. Ihr klassischer Satz stammt von William K. Clifford, Mathematiker und Philosoph, aus dem Jahr 1877: Es sei immer, überall und für jeden falsch, etwas auf unzureichende Belege hin zu glauben. Diese Position heisst in der Philosophie Evidentialismus. Sie bestreitet nicht, dass jeder Mensch Voraussetzungen hat. Sie bestreitet, dass alle Voraussetzungen gleich gut sind.
Aus dieser Sicht liegt die Beweislast bei dem, der mehr behauptet. Wer sagt, es gebe einen Gott, eine Seele oder ein Leben nach dem Tod, muss Gründe nennen; wer das bestreitet, nimmt nur nichts an, was nicht gezeigt ist. Ein minimaler, jederzeit revidierbarer Ausgangspunkt, wie ihn die Naturwissenschaften verwenden, sei kein Glaube im selben Sinn wie der religiöse.
Die Gegenposition ist stark. Sie hat aber selbst Gegner. Die Debatte über die Ethik des Glaubens ist in der Philosophie seit Clifford nicht entschieden; William James, Psychologe und Philosoph, hielt ihm entgegen, es gebe Fragen, bei denen man sich entscheiden muss, bevor alle Belege vorliegen. Und Keller würde antworten, dass auch das Vertrauen in einen revidierbaren Ausgangspunkt ein Vertrauen ist, das sich nicht selbst beweisen kann. Hier begegnen sich Keller und Taylor: Auch die Offenheit für Revision setzt Vertrauen in Vernunft und Erfahrung voraus.
Was bleibt, ist ein doppeltes Ergebnis. Dass niemand ohne Hintergrundannahmen urteilt, wird von beiden Seiten weitgehend geteilt. Ob deshalb alle Hintergrundannahmen gleichrangig sind, ist umstritten.
1.5Was die Vernunft vermag
PhilosophischChristlich-theologisch
Kellers These ist keine Absage an die Vernunft. Sie ist eine Bestimmung ihrer Reichweite.
Auch die stärksten Argumente für Gott sind nach Keller nie lückenlos; das beste führe höchstens zu einem ersten unbewegten Beweger, wie ihn Aristoteles dachte, nicht zum Gott der Bibel. Glaube sei darum mehr als ein Ergebnis von Vernunft. Vernunft allein mache niemanden zum Glaubenden.
Ebenso klar zieht Keller der Gegenseite Grenzen. Die Auffassung, man dürfe nur glauben, was sich empirisch nachweisen lässt, sei widerlegt, weil dieser Grundsatz selbst nicht empirisch nachweisbar ist. Und die Folgerung, weil es keinen Standpunkt von nirgendwo gebe, könne niemand Wahrheit erkennen, widerlege sich selbst. Keller beruft sich dafür auf Peter Berger, Soziologe.
Zwischen beiden Extremen beschreibt Keller einen Mittelweg, den er kritischen Realismus nennt. Überzeugungssysteme sollen an drei Massstäben geprüft werden: an ihrer Passung zur Erfahrung, an ihrer inneren Stimmigkeit und an der Evidenz. Zur Erfahrung gehört für ihn die Frage, ob sich eine Überzeugung leben lässt, ohne dass man heimlich Werte aus einem anderen Weltbild einschmuggeln muss. An anderer Stelle nennt er die Prüffragen genauer: ob ein Überzeugungssystem widerspruchsfrei ist, ob es zur gelebten Erfahrung passt, ob es Anleihen bei anderen Systemen machen muss, um zu funktionieren, und ob seine Vertreter bereit sind, die Folgen zu tragen.
Diese Massstäbe gelten für alle Seiten, und das Buch wendet sie auch auf Keller selbst an. Er beschreibt die Evolution als einen Vorgang, in dem die Starken die Schwachen fressen, und stellt sie gegen Menschenrechte und Wohlwollen. Das ist eine verkürzte Darstellung. Die Evolutionsbiologie beschreibt auch Kooperation, die Fürsorge für Verwandte und gegenseitige Hilfe. Wer andere Weltbilder an ihrer stärksten Fassung messen will, muss das auch hier tun. Die Massstäbe werden in diesem Buch immer wieder angewendet, und sie gelten für die Quellen, auf die es sich stützt, ebenso wie für die, denen es widerspricht.
1.6Wie gewiss kann man sein?
Christlich-theologischPhilosophisch
Wenn jede Vernunft auf Vertrauen gründet, wie gewiss kann man dann sein? Keller antwortet mit einer Unterscheidung. Rational sei Gewissheit nie vollkommen; man könne nicht einmal ausschliessen, dass die Welt eine Täuschung ist. Lebenspraktisch dagegen gebe es Gewissheit. Sein Bild stammt aus dem Berufsleben: Bei einer Stellenbesetzung führe die Vernunft zu einer Wahrscheinlichkeit, erst die Erfahrung mit dem Menschen führe zur Gewissheit.
Für den Glauben selbst beansprucht Keller trotzdem eine besondere Gewissheit. Weil das Heil nach christlichem Verständnis nicht auf dem eigenen Tun beruhe, sondern auf dem Werk Christi, könne man der Vergebung sicher sein. Diese Gewissheit ist kein Ergebnis eines Beweises. Sie ist die Gewissheit eines Vertrauens.
Keller verdeutlicht das an einem Bild. Wer an einem Abgrund nach einem Ast greift, wird vom Ast gehalten, nicht von der Stärke seiner Überzeugung, dass der Ast hält. Nicht die Qualität des Glaubens rette, sondern sein Gegenstand. Glaube sei darum auch kein Zustand, den man einmal erreicht, sondern ein Weg; Keller zitiert den Vater im Markusevangelium, der zu Jesus sagt: Ich glaube, hilf meinem Unglauben (Markus 9,24). Zweifel ist in diesem Verständnis kein Gegensatz zum Glauben, sondern ein Teil von ihm.
Dass Menschen auf solches Vertrauen angewiesen sind, begründet Keller mit einer Beobachtung über die Zeit. Menschen seien unhintergehbar auf Hoffnung gegründete Wesen: Was sie über die Zukunft glauben, bestimme, wie sie die Gegenwart erleben. Sein Gedankenexperiment: Zwei Frauen tun dieselbe eintönige Arbeit, die eine erhält dafür einen gewöhnlichen Lohn, die andere ein Vermögen; nur die zweite erlebt die Arbeit als erträglich, obwohl der Tag für beide gleich aussieht. Was wir über das Ende glauben, färbt jeden Tag. Kapitel 15 nimmt diesen Gedanken auf.
Enoch Sundaram, indischer Arzt und Prediger, geht einen Schritt weiter. Beobachtung könne irren, Inspiration irre nie. Damit stehen sich innerhalb des Christentums zwei Auffassungen gegenüber: Gewissheit als Vertrauen, das sich in Erfahrung bewährt, und Gewissheit aus einer Quelle, die nicht irren kann. Kapitel 5 zeigt, was dieser Unterschied für das Gewissen bedeutet.
1.7Was das für Maschinen heisst
Technisch
Die Frage nach den Hintergrundannahmen wird neu, sobald Maschinen an Urteilen beteiligt sind.
Ein Sprachmodell gibt keine Gewissheiten aus, sondern Wahrscheinlichkeiten. Es sagt, was nach seinen Daten am wahrscheinlichsten folgt. Kellers Unterscheidung zwischen der Wahrscheinlichkeit, zu der die Vernunft führt, und der Gewissheit, die aus Erfahrung wächst, erhält damit eine unerwartete Aktualität. Ein System kann die erste liefern, und zwar genauer als jeder Mensch. Die zweite kann es nicht liefern.
Auch Maschinen urteilen nicht von einem Nullpunkt aus. Ed Zitron, Technologiekritiker, beschreibt das Verhalten solcher Systeme als Funktion ihrer technischen Umgebung und der Daten, mit denen sie trainiert wurden. In diesen Daten stecken die Hintergrundannahmen der Menschen, die sie geschrieben haben, und die Entscheidungen der Firmen, die sie ausgewählt haben. Wer ein solches System für neutral hält, erzählt eine neue Subtraktionsgeschichte: als hätte man nur den Menschen weggenommen und sähe nun die Wirklichkeit unverstellt. Kapitel 12 und 13 kommen auf einen Satz des Technikhistorikers Melvin Kranzberg zurück: Technik ist weder gut noch schlecht, aber auch nicht neutral.
1.8Wie dieses Buch vorgeht
Christlich-theologisch
Aus diesem Kapitel folgt die Methode des Buches.
Erstens legt es offen, aus welcher Erkenntniswelt eine Aussage stammt: aus der Theologie, der Philosophie, der Empirie, der Geschichte, der Technik, dem Recht. Diese Welten werden nicht stillschweigend ineinander überführt. Ein theologischer Satz wird nicht durch eine Studie bewiesen, und eine Studie wird nicht durch einen theologischen Satz widerlegt.
Zweitens zeigt es zu jeder zentralen These die stärkste Gegenposition, so formuliert, dass ihre Vertreter zustimmen könnten.
Drittens lässt es offen, was offen ist. Wo die Quellen nicht weiterreichen, sagt das Buch es.
Viertens legt es seine eigenen Voraussetzungen offen. Der Autor schreibt aus einer christlichen Überzeugung, wie sie in der Schweiz lange selbstverständlich war. Er arbeitet eng mit einem Schweizer Unternehmen zusammen, das Systeme zur Unterstützung von Entscheidungen entwickelt, und hat dieses Buch mit einem solchen System geschrieben; verwendet wurde dabei auch ein Sprachmodell des Unternehmens Anthropic. Jedes Kapitel endet mit einem Fazit, in dem der Autor seinen eigenen Standpunkt sagt. Die Leserin und der Leser sollen jederzeit unterscheiden können, wo das Buch berichtet und wo es urteilt.
Das Wort Christ ist allerdings beladen, und darum lohnt ein Blick auf seine Herkunft. «Christus» ist kein Nachname, sondern ein Titel: das griechische Wort für den Gesalbten, die Übersetzung des hebräischen «Messias». «Christen» nannten zuerst andere die Anhänger Jesu, in der Stadt Antiochia in Syrien (Apostelgeschichte 11,26); im Neuen Testament kommt das Wort nur dreimal vor. Die Anhänger selbst nannten sich lieber Jünger, Brüder und Schwestern oder Knechte Christi. Das griechische Wort dafür, «doulos», heisst eigentlich Sklave. Der amerikanische Prediger John MacArthur hat in seinem Buch «Slave» darauf aufmerksam gemacht, dass viele Übersetzungen es abschwächen; Christ sein heisse, einem anderen zu gehören. Andere halten das für überzeichnet, weil das Wort im Neuen Testament auch ein Ehrentitel ist, etwa für die Apostel. Im ursprünglichen Sinn ist ein Christ also nicht jemand, der einer Kultur oder einem Lager angehört, sondern jemand, der zu Christus gehört und ihm folgt. Daran lässt sich auch messen, ob jemand zu Recht so heisst. Wer sagt, er sei Christ, müsste sich so verhalten wie Jesus von Nazareth. Der erste Johannesbrief sagt es ausdrücklich: Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat (1. Johannes 2,6). Und nach allem, was die Evangelien erzählen, war Jesus ein Mensch, bei dem andere gern waren: Kinder, Zöllner, Ausgestossene. Seine Gegner nannten ihn spöttisch einen Freund der Zöllner und Sünder (Matthäus 11,19).
1.9Zwischenergebnis
Philosophisch
- Niemand urteilt über letzte Fragen ohne Hintergrundannahmen. Das gilt für Gläubige und Nichtglaubende und wird von beiden Seiten weitgehend anerkannt.
- Ob deshalb alle Hintergrundannahmen gleichrangig sind, ist umstritten. Der Evidentialismus bestreitet es, und die Debatte ist offen.
- Überzeugungen lassen sich trotzdem prüfen: an der Erfahrung, an der Stimmigkeit, an der Evidenz und daran, ob sie sich leben lassen.
- Gewissheit über letzte Fragen ist nach Keller lebenspraktisch, nicht rational vollkommen; innerhalb des Christentums wird das verschieden gesehen.
- Auch Maschinen urteilen nicht neutral. Sie liefern Wahrscheinlichkeiten auf der Grundlage menschlicher Daten, nicht Gewissheit aus Erfahrung.
1.10Fazit
Christlich-theologischGesellschaftlich
Es gibt nie genügend Belege, um alles zu beweisen. Das gehört zum Leben. Man muss glauben, und Glaube ist wichtig. Der Hebräerbrief nennt den Glauben eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht (Hebräer 11,1). Glaube ist nicht dumm. Er beruht auf Erfahrung und auf verschiedenen Dimensionen, die zusammen zu einer Überzeugung führen. Darum sind wohl auch so viele Menschen bereit gewesen, für ihren Glauben zu sterben.
Als Glaube steht für mich jeder auf der gleichen Stufe, ob säkular oder religiös. Unterscheiden muss man ihn daran, wohin er führt. Die Frage, die am Ende bleibt, ist: Wohin führt er mich? Welcher Glaube führt dazu, dass etwas auf ewig Bestand haben kann, so dass niemand Schaden nimmt und alle in Fülle leben können? Daran misst sich schliesslich, was gut und wahrhaftig ist. Jede Theorie muss sich an der Wirklichkeit messen lassen, an ihren Früchten. Das ist derselbe Massstab, den Keller vorschlägt, wenn er fragt, ob sich eine Überzeugung leben lässt.
In Projekten erlebe ich oft, dass das Unausgesprochene viel stärker wirkt als das Ausgesprochene. Zu wenige Führungsleute nehmen sich meiner Einschätzung nach genügend Zeit, um zu reflektieren, die Ziele zu schärfen und sich wieder auszurichten. Informationen werden verdichtet, vieles geht dabei verloren, und Führungsleute entscheiden auf der Grundlage dieser verdichteten Informationen. Das ist nicht gut. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich mich für ein Führungs- und Entscheidungssystem einsetze, wie ich es im Vorwort beschrieben habe. Und gerade dieses System hat mir auch Angst gemacht. Denn das System weiss nur, was es weiss. Es kann unsere Gedanken nicht lesen, und es kennt die unausgesprochenen Annahmen nicht, die unsere Entscheidungen tragen.
Das menschliche Gehirn verarbeitet weit mehr, als uns bewusst wird. Wenn viele Menschen zusammenkommen und dazu jene Dimension mitbringen, die der künstlichen Intelligenz fehlt, ein Gewissen, eine eigene Lebensgeschichte, die Verbundenheit mit anderen und das, was die Überlieferung Seele nennt, dann ist die menschliche Intelligenz in dieser Verbindung wahrscheinlich wesentlich wirksamer als jedes System.