Inhalt und Lesewege

Teil B · Wissensbasiertes Fundament

B4. Warum neue Strukturen alte Muster nicht automatisch ablösen

Andreas Hosang · Publikationsfassung 1.0 RC1

B4.1 Was die Organisationsforschung bereits erklärt

Argyris (1977, Abschnitte «How Organizations Learn» und «Changing the Learning System») unterscheidet Fehlerkorrektur innerhalb bestehender Vorgaben von deren Prüfung. Sein Model II verbindet Information, Wahl und innere Verpflichtung; Verständnis ist dabei nicht gleich ausgeübtes Verhalten. Diese Vorarbeit behandelt bereits wesentliche Verbindungsglieder unserer Fragestellung. Fundort und Grenzen der gelesenen Textreproduktion stehen in Q01.

Schein (1984, S. 3-4, Abb. 1) unterscheidet sichtbare Artefakte, erklärte Werte und grundlegende Annahmen. Aus beobachtbaren Zeichen allein lässt sich ihre kulturelle Bedeutung nicht zuverlässig erschliessen; auch erklärte Werte können nachträgliche Begründungen sein. Für unsere Untersuchung folgt daraus: Leitbild, Entscheidungen und ihre Begründungen müssen gegeneinander geprüft werden. Diese Ableitung stützt sich auf den Originalaufsatz, nicht auf eine behauptete Lektüre der Buchauflage von Schein und Schein (2017).

Burke und Litwin (1992, Abstract) stellen Mission, Strategie, Führung und Kultur in einen hypothetischen Zusammenhang mit weiteren Organisationsfaktoren. Die Bezeichnung als Kausalmodell ist nicht gleichbedeutend mit der Bestätigung jeder einzelnen Beziehung. Bartunek und Moch (1987, Abstract) behandeln Veränderungen innerhalb gemeinsamer Schemata, Änderungen dieser Schemata und die Fähigkeit, sie künftig erneut zu ändern. Diese direkt zugänglichen Kurzfassungen reichen für die begrenzte Aussage: Die Prüfung grundlegender Deutungen ist bereits Forschungsgegenstand. Sie reichen nicht zur vollständigen Rekonstruktion oder Validierung beider Modelle.

Greenwood und Hinings (1996) führen radikalen organisationalen Wandel bereits im Titel und Gegenstand ihrer Arbeit. Dieser bibliografische Bezug genügt hier, um einen Neuheitsanspruch auf den Ausdruck zu verwerfen. Ihre detaillierten Mechanismen werden ohne verfügbare Originallektüre nicht rekonstruiert. Für die inhaltliche Abgrenzung unserer Arbeitsdefinition sind die zuvor erläuterten Lern-, Kultur- und Veränderungsansätze massgeblich. Zusätzliche Erklärungskraft muss an ihnen und an einfacheren Alternativen geprüft werden.

B4.2 Die Schwierigkeit, etwas Gelerntes aufzugeben

Verlernen bezeichnet in unserer Untersuchung den Verlust der Leitfunktion einer bestimmten bisherigen Handlungsannahme, nicht das Löschen von Wissen. Das ist eine eigene begriffliche Setzung mit Anschluss an die Prüfung bisheriger Vorgaben bei Argyris (1977). Nystrom und Starbucks Beitrag To avoid organizational crises, unlearn (1984) bleibt als bibliografischer Forschungshinweis verzeichnet; seine nicht vollständig verfügbare Originalargumentation trägt hier keine zusätzliche Detailbehauptung. Das folgende Gedankenexperiment ist unsere eigene Konstruktion, kein aus diesem Aufsatz übernommener Fall.

Eine frühere Regel kann aus gutem Grund entstanden sein. Beispielsweise kann die Eigentümerin nach fehlerhaften Zusagen entschieden haben, sämtliche grösseren Kundenrabatte selbst freizugeben. In einer kleinen Organisation führt das vielleicht zu sorgfältigen Angeboten. Nach Wachstum und steigender Zahl unterschiedlicher Kundenfälle kann dieselbe Regel zu einem Engpass werden. Die naheliegende Antwort wäre ein geänderter Freigabeprozess. Wenn jedoch die Überzeugung erhalten bleibt, nur persönliche Kontrolle garantiere Verantwortung, werden neue Befugnisse womöglich bei der ersten Unsicherheit zurückgenommen.

Aus diesem Gedankenexperiment folgt keine allgemeine Pflicht, Kontrolle abzubauen. Die bisherige Kontrolle könnte bei hohen finanziellen Risiken weiterhin angemessen sein. Entscheidend ist, ob ihre Funktion, die Alternativen und ihre Folgen erneut geprüft werden. Etwas bewusst beizubehalten kann Ausdruck von Urteilskraft sein; etwas unbesehen beizubehalten ist kein Nachweis dafür. Verlernen bedeutet folglich nicht das Löschen jeder Vergangenheit, sondern den Verlust der Leitfunktion einer konkret überprüften und nicht mehr tragfähigen Annahme.

B4.3 Struktur und innere Orientierung wirken wechselseitig

Es wäre ebenso falsch, die Grundannahme zum alleinigen Ursprung aller Veränderung zu erklären. Menschen können durch neue Arbeitsstrukturen Erfahrungen machen, die ihre Sichtweise erst verändern. Ein anderes Anreizsystem kann geänderte Praktiken erleichtern, ohne dass zuvor alle Beteiligten innerlich überzeugt waren. Zugleich kann eine geänderte Überzeugung wirkungslos bleiben, wenn Zuständigkeiten, Ressourcen und rechtliche Grenzen unverändert sind.

Bartunek (1984) untersucht diese Wechselwirkung an einer Reorganisation eines religiösen Ordens. Laut zugänglichem Abstract hängen veränderte Deutungsrahmen und Strukturveränderung nicht einfach linear zusammen; Handlungen der Beteiligten und emotionale Reaktionen vermitteln den Prozess. Bartunek und Franzak (1988, Abstract) berichten bei einer internen Zusammenlegung eines religiösen Ordens Veränderungen der Zusammenarbeit und der Deutung organisatorischer Wichtigkeit. Das sind fallbezogene empirische Anschlüsse, keine direkte Validierung der vier Merkmale, die diese Facharbeit später definiert.

Ein guter Nachweis braucht daher mindestens drei Ebenen: Aussagen über früher und heute, beobachtete Entscheidungen und die organisatorischen Bedingungen dieser Entscheidungen. Die öffentliche Behauptung «Wir führen jetzt vertrauensbasiert» ist eine Deklaration. Neue, tatsächlich genutzte Entscheidungsrechte sind eine beobachtbare Änderung. Ob Führungspersonen diese Änderung innerlich getragen haben oder bloss äusserlich duldeten, bedarf zusätzlicher Evidenz.

B4.4 Institutionelle Verankerung und ihre Schattenseite

Institutionelle Stabilisierung ist nicht notwendig gut. Eine neu entstandene Praxis kann sich dauerhaft gegen berechtigte Kritik abschotten. Eine Organisation kann starkes Commitment, gut eingeübte Routinen und einen klaren Zweck entwickeln, der sich später als ungeeignet oder schädlich erweist. Auch deshalb müssen Veränderungstiefe, tatsächliche Übernahme, Dauer und Ergebnis getrennt werden. Ein konsistentes neues System ist noch kein gutes System.

Die Vorarbeiten nennen Bartunek und Ringuest (1989) als möglichen empirischen Vergleich zu Konflikten bei veränderter Orientierung. Der betreffende Originaltext war für diese Bearbeitung nicht zugänglich. Der Hinweis wird deshalb nicht als zusätzlicher ausgewerteter Gegenfall oder als Ursachenbeweis gezählt. Die hier formulierte Möglichkeit einer stabilen, aber ungeeigneten Ordnung ist eine analytische Gegenfrage unseres Modells, keine aus diesem unvollständig geprüften Fall abgeleitete Häufigkeitsbehauptung.

Einige Konflikte sind ausserdem nicht durch besseres gegenseitiges Verständnis auflösbar. Die Beteiligten können dieselben Fakten kennen und trotzdem unterschiedliche legitime Interessen haben. Dann ist eine geregelte Entscheidung erforderlich, nicht die Erfindung eines Konsenses. Ein ernsthaftes Organisationsmodell muss Dissens, begründeten Verzicht und auch den begründeten Abbruch eines Vorhabens zulassen.

B4.5 Kulturelle Selbstverständlichkeiten und Charles Taylor

Taylor (2004, S. 1-2) beschreibt gesellschaftliche Vorstellungswelten als Hintergrund, durch den Menschen ihre gemeinsamen Praktiken verstehen. Er behandelt sie nicht als blosse Ideen neben unveränderten Institutionen. Die Buchvorschau erlaubt jetzt den direkten Textbezug; Titelblatt und Impressum weisen 2004 aus. Unsere Übertragung auf Unternehmen bleibt eine begrenzte Analogie, keine von Taylor entwickelte Unternehmensdiagnostik. Eine umfassende Auswertung seines Buches wird nicht behauptet.

Für unsere Fragestellung lautet die begrenzte Analogie: Ein beschlossenes Leitbild ist nicht schon eine wiederholt gelebte Erwartung. Ob sich Verantwortung anders begründet und praktiziert, muss in Beziehungen und Entscheidungen untersucht werden. Eine feste Zeitspanne für einen solchen Wandel wird aus den geprüften Passagen Taylors nicht abgeleitet.

B4.6 Unsere abgegrenzte Eigenleistung

Diese Facharbeit beansprucht nicht, Kultur, innere Übernahme, Verlernen oder radikalen Wandel erstmalig entdeckt zu haben. Auch die Trennung zwischen einer gelungenen Umsetzung und den erhofften Nutzenfolgen ist bereits ausdrücklich bei Weiner (2009, Abschnitt «What outcomes result from organizational readiness for change?») enthalten. Sie kann nicht als unsere exklusive Entdeckung dienen. Ebenso ist die Verbindung von Information, Wahl und innerer Verpflichtung kein Alleinstellungsmerkmal unserer Arbeit; der direkte Vergleich mit Argyris (1977) bestätigt diese Grenze. Die vorgeschlagene Eigenleistung ist enger: bekannte Unterscheidungen in einem nachvollziehbaren Prüfverfahren für konkrete Veränderungsepisoden zusammenführen und zusätzliche Erklärungskraft gegen einfachere Alternativen prüfen.

Der Grenzfall ist bewusst zugelassen: Vielleicht erweist sich das Ergebnis als sorgfältig beschriebene verinnerlichte Transformation ohne neue eigenständige Grundlagentheorie. Das wäre eine fachlich brauchbare Präzisierung. Ein unangemessenes Neuheitsversprechen wäre kein wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn.

B4.7 Laloux als Vorläufer und kritischer Gesprächspartner

Laloux (2016, S. 131) verbindet Managementpraktiken ausdrücklich mit den zugrunde liegenden Weltbildern. Sein Hinweis, dass eine äussere Übernahme von Praktiken bei unveränderter Führungsorientierung leer laufen kann, überschneidet sich mit unserer Fragestellung. Er ist deshalb als vorhandene Vorarbeit und nicht als nachträgliche Bestätigung einer ausschliesslich eigenen Entdeckung einzuordnen.

Die illustrierte Ausgabe beschreibt zwölf vertieft betrachtete Pionierorganisationen, ausgewählt aus einem grösseren Recherchefeld. Die Auswahl setzte bereits erkennbare Teal-Praktiken voraus (S. 11). Dies ermöglicht dichte Fallanregungen, aber keine allgemeine Erfolgsquote gegenüber einem repräsentativen Vergleich. Auf S. 138 benennt Laloux selbst fehlende vertiefte Forschung zu den eigentlichen Transformationsverläufen. Seine weitergehenden Stufen- und Überlegenheitsansprüche werden hier nicht übernommen.

Für unser Fundament ist besonders wichtig, dass Selbstführung bei Laloux Strukturen und Koordinationsmechanismen benötigt (S. 62-65). Das Verhältnis von Orientierung und Regeln ist wechselseitig. Vertrauen allein ersetzt keine Kompetenz, Zuständigkeit oder Rückmeldung. Die Farbenordnung seiner Darstellung dient hier weder als Diagnose eines Menschen noch als moralische Rangliste von Unternehmen oder Religionen.