Inhalt und Lesewege

Nachschlagen und weiterdenken

Glossar und ausgewählte Wortherleitungen

Andreas Hosang · Publikationsfassung 1.0 RC1

Dieses Glossar ist eine Lesehilfe. Es erklärt die im Essay verwendeten Begriffe in Alltagssprache und verweist auf den fachlichen Unterbau. Arbeitsdefinition bedeutet: So wird der Ausdruck in dieser Arbeit verwendet; damit ist keine einzig richtige Definition behauptet. Wortherkunft bedeutet: Ein dokumentierter sprachgeschichtlicher Hinweis, nicht die Begründung einer heutigen Theorie. Nicht für jedes Wort ist eine Herleitung nötig. Bei umstrittenen Ursprüngen bleibt der Streit sichtbar.

Architektur der Zusammenhänge

Einfach erklärt: Wie verschiedene Teile des Zusammenwirkens einander beeinflussen. Hier gemeint: Die gemeinsame Betrachtung von Menschen, Orientierung, Mitteln, Verantwortung, Bindung und Korrektur. Der Ausdruck ist eine eigene Ordnungsmetapher, kein Beweis identischer Organisationsformen. Eine Freundschaft hat nicht dieselben Befugnisse wie eine Firma. Siehe A7 und B10.9.

Autonomie

Einfach erklärt: Das eigene Handeln als selbst mitgetragen erleben. Im Motivationszusammenhang bedeutet das nicht, ohne andere Menschen oder ohne Verpflichtungen zu handeln. Eine gemeinsam vereinbarte Aufgabe kann autonom übernommen sein. Selbstbestimmung ist von Alleinentscheiden zu unterscheiden. Grundlage: Gagné und Deci (2005), B5.2 und B5.8.

Change und Change Management

Einfach erklärt: Change benennt eine Veränderung; Change Management ihre menschenbezogene Begleitung. Eine neue Regel und ihre tatsächliche Übernahme sind nicht dasselbe. Beide Begriffe bezeichnen keine moralische Rangfolge. Ihre Arbeitsdefinitionen und Grenzen stehen in B2.1-B2.2.

Commitment

Einfach erklärt: Bindung an ein Vorhaben oder eine Verpflichtung. Diese kann auf eigenem Wollen, einem Pflichtgefühl oder fehlenden Alternativen beruhen. Sichtbares Mitmachen allein sagt nicht, welcher Grund vorliegt. Für den Essay zählt besonders die persönlich getragene, in der Praxis erkennbare Verpflichtung. Quellen und Unterscheidungen: B5.2-B5.4.

Compliance

Einfach erklärt: Geltende Verpflichtungen und Regeln einhalten. Hier gemeint: Das tatsächliche regelkonforme Handeln und seine organisatorische Unterstützung. Der englische Ausdruck ist nicht gleichbedeutend mit Religion und nicht die gesamte Unternehmensführung. Die Befolgung einer Regel beantwortet noch nicht jede Frage nach ihrem Zweck oder ihren Folgen. Belege: Dudenredaktion (n.d.-a); International Organization for Standardization (2021b); B7.6.

Empirie, Beobachtung und Erfahrung

Einfach erklärt: Empirische Aussagen beziehen sich auf Beobachtbares; Erfahrung entsteht aus erlebten Situationen und ihrer Verarbeitung. Hier gemeint: Eigene praktische Beobachtungen tragen den Essay, sind jedoch nicht als standardisierte Erhebung ausgegeben. Sie helfen, Fragen und Deutungen zu entwickeln. Häufigkeit, Ursache und allgemeine Gültigkeit verlangen zusätzliche passende Nachweise. Siehe B1 und Autorenposition.

Etymologie und Bedeutung

Einfach erklärt: Etymologie untersucht die Herkunft und Entwicklung von Wörtern. Der heutige Sinn ergibt sich nicht allein aus der ursprünglichen Form. Hier gemeint: Eine Herleitung erleichtert das Verständnis, ersetzt aber weder den Textzusammenhang noch die ausdrücklich gewählte Arbeitsdefinition. Der Vergleich mit Unternehmensführung ist jeweils eine zusätzliche Deutung. Siehe B7.1 und B7.6.

Governance

Einfach erklärt: Wie Führung, Verantwortung, Entscheidungen und Aufsicht geordnet sind. Hier gemeint: Wer den Zweck und die Grenzen mitbestimmt, entscheiden darf, Rechenschaft ablegt und Korrekturen ermöglicht. Wortherkunft: Englisches governance bezeichnet Leitung oder Führung; daraus folgt keine Gleichsetzung mit Gehorsam. Belege: Dudenredaktion (n.d.-b); International Organization for Standardization (2021a). Siehe B7.6.

Grundannahme

Einfach erklärt: Eine häufig selbstverständliche Vorstellung, nach der gehandelt wird. Beispielsweise: «Nur wenn ich alles genehmige, ist es verantwortbar.» Hier gemeint: Nicht jede Meinung, sondern eine erkennbare Leitannahme in Entscheidungen. Sie kann sinnvoll sein oder einer neuen Lage im Weg stehen. Ihre Prüfung ist nicht automatisch ihre Verwerfung. Siehe B4 und B9.

Hamartia und hamartanein

Einfach erklärt: Griechisch hamartia kann Verfehlung bezeichnen; das verwandte Verb hamartanō besitzt unter anderem den Sinn des Verfehlens einer Zielmarke. Hamartanein ist die Infinitivform. Hier gemeint: Das Bild der Zielverfehlung erleichtert den organisatorischen Vergleich, ohne alle biblischen Bedeutungen von Unrecht und Schuld abzudecken. Keine etymologische Ableitung des deutschen Wortes Sünde. Belege: Mounce (n.d.-a, n.d.-b); A9 und B7.5.

Internalisierung

Einfach erklärt: Eine zunächst von aussen kommende Orientierung wird in unterschiedlichem Mass persönlich übernommen. Nicht jede Form der Übernahme ist schon selbstbestimmt: Sie kann weiterhin durch inneren Druck getragen sein. Eine stärker integrierte Orientierung kann auch ohne ständige Kontrolle handlungsleitend werden. Nicht gemeint: Dass jede Aufgabe Freude machen muss oder dass Zustimmung erzwungen werden darf. Grundlage: Gagné und Deci (2005) und Center for Self-Determination Theory (n.d.). Siehe B5.2.

Intrinsische und autonom übernommene Motivation

Einfach erklärt: Intrinsisch ist die Motivation durch Interesse oder Freude an der Tätigkeit selbst. Autonom übernommen kann auch etwas Mühsames sein, dessen Zweck persönlich überzeugt. Wortherkunft: Intrinsisch geht über englische und französische Formen auf lateinisch intrinsecus zurück. Die sprachliche Vorstellung «von innen» ist weiter als die genaue psychologische Unterscheidung. Belege: Dudenredaktion (n.d.-c); Gagné und Deci (2005). Siehe B5.8.

Metanoia

Einfach erklärt: Ein griechischer Ausdruck für Sinnesänderung beziehungsweise Umkehr. Hier gemeint: Ein Gesprächspartner für das Nachdenken über grundlegende Neuorientierung. Die christliche Verwendung ist nicht auf einen Strategiewechsel zu verkürzen. Die Bedeutung wird am Sprachgebrauch erläutert, nicht allein aus vermeintlich eindeutigen Wortteilen zusammengesetzt. Belege: Mounce (n.d.-c) und der dokumentierte Lexikonstand in B7.1-B7.2.

Normativ und beschreibend

Einfach erklärt: Beschreibend fragt: Was ist der Fall? Normativ fragt: Was sollte gelten oder ist verantwortbar? Hier gemeint: Eine neue Praxis kann tatsächlich bestehen und trotzdem schlecht sein. Der Essay bezieht ethisch Stellung; das Fundament prüft davon getrennt Veränderung und Folgen. Das ist keine Abwertung praktischer Beobachtung. Siehe B1 und B9.1.

Organisation und soziale Verbindung

Einfach erklärt: Organisation kann das Ordnen gemeinsamen Handelns oder einen aufgebauten Zusammenschluss bezeichnen. Wortherkunft: Das deutsche Wort wurde aus französisch organisation übernommen. Hier gemeint: Formale Unternehmen und weitere Verbindungen besitzen vergleichbare Ordnungsfragen, sind aber nicht alle dieselbe Art von Organisation. Beziehungen werden nicht auf Leistung reduziert. Beleg: Dudenredaktion (n.d.-d); A7 und B10.9.

Radikal und Radical Change

Wortherkunft: Über französisch radical und spätlateinisch radicalis besteht ein Bezug zu lateinisch radix, Wurzel. Hier gemeint: An die grundlegenden Annahmen des Führens gehen, nicht möglichst hart oder schnell verändern. Radical Change bezeichnet im Essay zusätzlich eine verantwortliche ethische Richtung. Die Wortwurzel beweist diese Wertentscheidung nicht. Beleg: Dudenredaktion (n.d.-e); A2 und B9.1.

Reifegrad

Einfach erklärt: Wie verlässlich eine bestimmte Tätigkeit unter benannten Kriterien funktioniert. Hier gemeint: Im Go-to-Market-Steuerungsmodell eine Beurteilung einzelner Phasen. Kein Urteil über den Wert eines Menschen oder die moralische Güte eines Unternehmens. Nicht jede Organisation muss grösser oder skalierbar werden. Siehe A8 und B10.6.

Religion und religiös

Wortherkunft: Lateinisch religio; die genaue Herkunft bleibt ungeklärt. Religare bezeichnet Binden oder Zurückbinden und gehört zu einer christlichen Deutungstradition. Relegere steht bei Cicero für sorgfältiges erneutes Durchgehen oder Beachten. Hier gemeint: Der religiöse Hintergrund bleibt kenntlich; die Brücke zur Führung ist bewusst gelebte Verbindlichkeit, nicht eine Übersetzung von Religion als Compliance. Belege: Cicero (1933, II.72); Lactantius (1886, IV.28); Dudenredaktion (n.d.-f).

Resilienz und Fragilität

Einfach erklärt: Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastung einerseits, Verletzlichkeit beziehungsweise leichte Störbarkeit andererseits. Wortherkunft: Resilienz hat einen Bezug zu lateinisch resilire, zurückspringen. Hier gemeint: Die Fähigkeit eines betrachteten Zusammenhangs, Belastungen zu bearbeiten und handlungsfähig zu bleiben. Das ist weder Starrheit noch ein Versprechen von Unverletzlichkeit. Die Übertragung auf Organisationen ist eine Arbeitsdefinition, keine aus der Wortwurzel abgeleitete Wirkung. Beleg: Dudenredaktion (n.d.-g); B5.8.

Ressourcen

Einfach erklärt: Verfügbare Mittel und Möglichkeiten, etwa Zeit, Fähigkeiten, Wissen, Räume und Geld. Hier gemeint: Voraussetzungen gemeinsamen Handelns. Menschen besitzen Fähigkeiten, sind aber nicht auf austauschbare Mittel zu reduzieren. Eine gute Absicht kann fehlende Kapazität nicht beliebig ersetzen. Siehe B3.5, B5.3 und B10.9.

Selbstkorrektur

Einfach erklärt: Abweichungen erkennen, besprechen und begründet darauf reagieren. Hier gemeint: Nicht bloss Kritik erlauben, sondern tatsächliche Entscheidung und Veränderung ermöglichen. Manchmal werden Mittel verbessert; manchmal muss das Ziel oder die bisherige Grundannahme geprüft werden. Die Analogie zu Coveys Flugbild bleibt erhalten. Siehe A7, B6.7 und B10.7.

SRC

Einfach erklärt: Situations of Rapid Change. In Raffertys hier verwendeter Quelle überschreitet die Veränderungsdynamik die Anpassungsfähigkeit und geht mit wirtschaftlicher Verschlechterung einher. Nicht gemeint: Jeder hektische Arbeitstag oder eine höhere Entwicklungsstufe vor Radical Change. Definition, Quellenstand und Beleggrenzen stehen in B3; die ungeklärte Zahlenüberleitung bleibt in SRC-Beleggrenzen.

Struktur

Einfach erklärt: Ein wiederkehrendes Muster, nach dem etwas zusammenhängt oder getan wird. Hier gemeint: Nicht nur ein Organigramm, sondern auch Entscheidungsrechte, Absprachen, Informationswege, Gewohnheiten und Beziehungen. Strukturen können unterstützen oder behindern. Ihre Wirkung wird nicht allein aus ihrer formalen Beschreibung abgeleitet. Siehe B4, B6 und B10.9.

Sünde

Sprachlicher Hinweis: Das deutsche Wort ist über ältere deutsche Formen belegt; seine weitere Herkunft gilt im Duden als ungeklärt. Es ist keine Ableitung von hamartia. Religiöser, übertragener und scherzhafter Gebrauch sind zu unterscheiden. Hier gemeint: In der organisatorischen Analogie wird die bezeichnete Zielverfehlung ohne religiöse Verurteilung untersucht. In ausdrücklich theologischen Passagen bleibt die religiöse Bedeutung kenntlich. Beleg: Dudenredaktion (n.d.-h); A9 und B7.5.

Telos, Zweck und Ziel

Wortherkunft: Telos stammt aus dem Griechischen; der deutsche Fachausdruck meint Ziel oder Endzweck. Hier gemeint: Der Zweck beschreibt das Wofür. Ein Ziel macht einen angestrebten Zustand konkreter. Eine Kennzahl kann Hinweise liefern, ist aber weder der Zweck selbst noch sein ethischer Nachweis. Beleg: Dudenredaktion (n.d.-i). Siehe A4, B5.1 und B7.5.

Tragfähigkeit

Arbeitsdefinition: Ein Zusammenwirken kann seine verantwortbaren Zwecke unter tatsächlichen Bedingungen erfüllen und Belastungen bearbeiten, ohne die Beteiligten dauerhaft zu überfordern oder zum blossen Mittel zu machen. Wirtschaftliche Tragfähigkeit ist bei Unternehmen ein Teil davon. Der Begriff umfasst im Essay auch Beziehungen, Verantwortung und Lernfähigkeit. Kein fertiger Messwert und kein Gebot zum Fortbestand um jeden Preis. Siehe A10 und B5.8.

Transformation

Einfach erklärt: Eine grundlegende Veränderung der bisherigen Funktionsweise. Hier gemeint: Mehr als ein neues Werkzeug, aber nicht automatisch ethisch besser. Sie kann Kultur, Geschäftsmodell und Verantwortung betreffen. Change Management bleibt dabei eine begleitende Disziplin, keine zu überwindende niedrigere Stufe. Arbeitsdefinition und Forschungskontext: B2.3.

Verbindlichkeit

Einfach erklärt: Zusagen, begründete Regeln und Verantwortung werden ernst genommen. Hier gemeint: Eine persönlich oder institutionell getragene Bindung, die verlässliches Handeln ermöglicht. Sie ist von blindem Gehorsam und erzwungener Einheit zu unterscheiden. Kritik, Schutzgrenzen und geregelte Änderung gehören zu verantwortlicher Verbindlichkeit. Siehe A9, B6 und B7.6.